Schule in Brandenburg Wenn Elftklässler den Unterricht übernehmen

An einer Schule in Neuruppin organisieren Elftklässler den kompletten Schulbetrieb - zumindest an einem Tag im Jahr. Aber auch sonst springen sie oft für ihre Lehrer ein. Kann das funktionieren?

Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Von , Neuruppin


"Es wäre superlieb, wenn ihr Namensschilder machen könntet." Virginia Lenk, 18, steht in Neuruppin vor einer siebten Klasse, den Rücken durchgedrückt, das Kinn erhoben. Es hat zur Spanischstunde geklingelt, und Lenk soll mit den Schülern, die nur wenige Jahre jünger sind als sie selbst, in den kommenden anderthalb Stunden spanische Grammatik üben.

Die Schüler sollen sagen, was sie gerne mögen: "A mi me gusta dibujar." Ein Mädchen, das gern zeichnet, wirft einen roten Gummiball durch den Raum zu einem Jungen, der als nächstes dran sein soll. Er daddelt gerne auf dem Handy: "A mi me gusta jugar en el móvil." Virginia Lenk steht lächelnd dazwischen und hilft, wenn den Schülern die passenden Vokabeln fehlen.

Fotostrecke

12  Bilder
Schüler als Ersatzlehrer: "Ich dachte, unterrichten kann fast jeder"

Dass eine 18-Jährige den Unterricht leitet, ist an der Evangelischen Schule Neuruppin in Brandenburg nicht ungewöhnlich. Insgesamt rund 30 Schüler aus den Klassen 10 bis 12 springen regelmäßig in den unteren Jahrgängen ein, wenn Lehrer krank sind oder auf Exkursionen und zu Fortbildungen fahren.

Sie tun das, seit die Schule vor zwölf Jahren ein Experiment startete: An einem Tag im Jahr, kurz vor Weihnachten, übernehmen die Elftklässler den kompletten Betrieb der Privatschule. Lehrer, Schulleitung, Sekretärinnen, Hausmeister - alle Erwachsenen verlassen das Gelände, und die Schüler schlüpfen in deren Rollen.

Lange im Voraus wird der Tag geplant. Die Elftklässler wählen in den Monaten davor eigenständig eine Schulleitung, schreiben Raum- und Stundenpläne, entwickeln Unterrichtskonzepte für mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler an drei Standorten. Das verlangt auch den Erwachsenen etwas ab: "Man muss Vertrauen haben", sagt Schulleiterin Anke Bachmann.

Der 58-Jährigen kam die Idee zu dem Experiment, als sie 2006 einen Artikel über ein ähnliches Projekt in einem Fachjournal las und ihren Schülern im Leistungskurs Mathematik davon erzählte. "Die Schüler sagten gleich, dass sie das auch organisiert bekämen" erinnert sich Bachmann.

Minderjährige mit Aufsichtspflicht

So startete sie einen Versuch, der so gut lief, dass die Schulleiterin seither jedes Jahr wieder Kontrolle und Aufsichtspflicht über den Schulbetrieb einen Tag lang an rund einhundert Minderjährige abgibt. Die Verantwortung für das, was dann passiert, behalte sie jedoch. "Das habe ich von Anfang an sehr klar kommuniziert. Trotzdem gab es Vorbehalte im Kollegium", sagt die Rektorin.

Zuletzt übernahm Marco, 16, am 20. Dezember 2018 für einen Tag ihren Job. "Es war cool, mal die Perspektive zu wechseln", sagt er, "aber auch stressig." Einige der jungen Ersatzlehrer hätten morgens nicht gleich verstanden, in welchem Raum sie unterrichten sollten. Andere seien nicht pünktlich erschienen.

Nachdem sich die erste Hektik gelegt hatte, gab Jannis, 17, sechs Stunden Unterricht in Chemie, Latein und Sport. "Ich dachte immer, unterrichten kann fast jeder", sagt er, "aber als ich vorne stand, war es doch schwerer als erwartet, alle mitzunehmen."

Von solchen Erfahrungen profitiert über das Jahr hinweg die ganze Schulgemeinschaft: Viele Elftklässler springen gelegentlich ein, wenn eine Lehrkraft ausfällt und sie selbst dafür keinen wichtigen Unterricht verpassen. Zudem stärkt das Experiment offenbar den gegenseitigen Respekt und das Verständnis füreinander.

Kinder.Macht.
    "Fridays for Future" - unter diesem Motto gehen Zehntausende Schülerinnen und Schüler in Deutschland seit Monaten auf die Straße, um sich für mehr Klimaschutz stark zu machen. Sie fordern politische Mitbestimmung, haben aber kein Wahlrecht. Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche noch, wenn sie mitreden, mitentscheiden wollen? Was wollen sie anders machen als Erwachsene? Und auf welche Widerstände stoßen sie? Diesen Fragen geht der SPIEGEL in einer Themenwoche mit Reportagen, Berichten und Interviews nach. Hier geht's zu weiteren Artikeln.

Die beiden Siebtklässler Florentine und Julian, die gerade eine Spanischstunde bei der 18-jährigen Virginia mitgemacht haben, freuen sich, wenn ältere Schüler ihren Unterricht übernehmen. Lehrer, die selbst noch Schüler seien, könnten sich manchmal besser in andere Schüler hineinversetzen, sagt Florentine.

Die Zwölfjährige registriert auch sehr genau, wie gut ihre Ersatzlehrer vorbereitet sind. "Manche geben sich voll viel Mühe, einen guten Unterricht zu machen", lobt Florentine. Manche ließen sie aber auch nur Mandalas ausmalen. "Das ist nicht so toll." Und das müssen sich die Ersatzlehrer hinterher auch anhören: Zum Konzept gehört, dass die jüngeren Schüler den älteren nach ihrem großen Tag im Dezember ein Feedback geben.

Julian, 13, weiß jetzt schon, dass er später nicht in einer Schule, sondern beim Finanzamt arbeiten möchte. Trotzdem will er als Elftklässler auch unbedingt einen Tag lang unterrichten. "Vielleicht werde ich später nie wieder die Chance haben, mich einmal als Lehrer zu fühlen", sagt er. "Und ich werde bestimmt stolz auf mich sein, wenn ich es hinter mich gebracht habe."

Eine zweite Chance

Eigene Stärken und Schwächen erkennen, sich ausprobieren, in andere hineinversetzen, konstruktive Kritik üben - in dem Neuruppiner Projekt steckt viel, was Schulen auch anderswo vermitteln wollen. Etwa einmal pro Monat kommt inzwischen eine Besuchergruppe vorbei, die sich das Konzept erklären lässt. Im Schulbüro gehen außerdem häufig Einladungen zu Kongressen oder Vorträgen ein.

Eine reine Erfolgsgeschichte also? Es sei auch schon vorgekommen, dass der Tag im Dezember anders verlief als erwünscht, sagt die Schulleiterin. Einige Jahre sei es her, dass die Elftklässler in einigen Klassen keinen durchgängigen Unterricht gewährleistet hätten. Manche Schüler hätten laut Musik gehört, statt Englisch zu lernen, sagt Bachmann.

Eltern hätten daraufhin kritisch nachgefragt, was da gelaufen sei. Auch in der Schulkonferenz sei das Thema gewesen. Der betreffende Jahrgang habe schließlich darum gebeten, den Tag wiederholen zu dürfen, sagt Bachmann. Sie unterstützte den Wunsch und entschied sich, erneut Vertrauen in die Schülerinnen und Schüler zu setzen. "Beim zweiten Mal hat es hervorragend geklappt", sagt sie.

Mehr zum Thema


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sascha2.0 01.07.2019
1.
Mein Sohn kann seinem jüngeren Bruder besser Mathe erklären als ich, ist für ihn erst 3 Jahre her und er ist viel näher dran. Auch Nachhilfe geben hilft, das selbst Gelernte zu reflektieren. Beim Wiederholen durch Unterrichten kommt dann der Aha-Effekt. Das eine ganze Schule das macht, ein tolles Projekt!
shalom-71 01.07.2019
2. Ein tolles Projekt ...
... für alle: * die jüngeren Schüler merken, was ihre älteren Mitschüler können ------- * die älteren Schüler merken, was alles zum Unterrichten gehört ------- * einige der älteren Schüler erkennen vielleicht, ob ihnen der Lehrerberuf liegt ------- * bei "den" Eltern wird auch bestimmt der eine oder andere Prozess des Nachdenkens ausgelöst ------- * und auch die Lehrer werden bei ihren Schülern unbekannte Stärken erkennen. ------- Einfach toll!
njotha 01.07.2019
3. na klar
das glaube ich gerne, dass das wunderbar funktioniert, und zwar in jede Richtung: Die "Kleinen" lernen gerne von den "Großen", die "Großen" lernen dabei selbst unglaublich viel sowohl im Hinblick auf das Fachliche als auch in Sachen Sozialkompetenz, und die Schule entspannt nicht nur die Personalsituation, sondern wird lebendiger, bunter und fröhlicher. Allen Beteiligten Hochachtung und Gratulation für dieses hoffentlich dauerhafte Experiment!
Datenschubser 02.07.2019
4. Hatten wir in der 11. ständig
Unser Mathelehrer konnte überhaupt nichts, deshalb übernahm unser Klassenprimus fast täglich den Unterricht.
dasfred 02.07.2019
5. Musste an meine Schulzeit denken
In meiner achten bis zehnten Klasse war die Hälfte der Schüler im Segelverein. Der Jugendkutter dort war auch nahezu selbstorganisiert. Die Älteren bekamen die Verantwortung für die Ausbildung und Sicherheit der Jüngeren. Dadurch rückt im Laufe der Zeit jeder eine Stufe höher und übernimmt mehr und mehr Verantwortung. Das Ergebnis war besonders eindrucksvoll bei einer Klassenfahrt in der zehnten. Für uns war es selbstverständlich, den Mitarbeitern des Jugendhotels zur Hand zu gehen, Tische abzuräumen, nach einem abendlichen Ausflug in kleinen Gruppen besonders leise zu sein und niemand war betrunken. Die Mitarbeiter dort waren extrem positiv Überrascht und haben uns das am Ende auch mitgeteilt. Wie es sonst lief, konnten wir bei gleichaltrigen Klassen gut beobachten. Bei uns werden Kinder ja meistens Jahrgangsmäßig zusammengefasst und viele haben keine älteren oder jüngeren Geschwister. Da fehlt heute eine sehr wichtige Komponente in der Erziehung, in der Kinder schon gegenseitig von einander lernen und Verantwortung übernehmen. Diese ist ein sehr gutes Korrektiv zur Ichbezogenheit heutiger Kinder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.