Schule mal ganz anders "Wer will, kann zehn Jahre im Baum hocken"

Was machen Kinder und Jugendliche, wenn man ihnen nichts vorschreibt? Eine demokratische Schule probiert es aus: In Leipzig entscheiden schon die Kleinsten, was, wann und ob sie lernen. Kuschelpädagogik nennen Kritiker das. Bald wird sich zeigen, wie gut die Schüler mithalten können.
Von Anwen Roberts
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Freie Schule Leipzig: In Socken und per Du

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Gäbe es Jahrgangsstufen an ihrer Schule, wäre Dalia in der achten Klasse. Doch an der Freien Schule Leipzig gibt es keine Klassen. Menschen werden nur grob nach klein, mittel, groß, Lehrer oder Schüler eingeteilt. Die 14-Jährige bastelt sich einen Zeitplan aus Projekten ihrer Wahl - einen Stundenplan haben hier nur die Lehrer. Dalia interessiert sich für fast alles, nur "Handarbeit nicht so".

An Dalias Schule gibt es auch keine Zeugnisse, keine Noten, keine Einteilung nach Leistung. Die Schüler entscheiden selbst, wie und was sie lernen. Da sei es eben an den Lehrern, interessante Angebote zu machen, sagt Mathelehrer Henrik Ebenbeck, 48. Täglich sieht er "die komplette Palette", von Gymnasial- bis Förderschulniveau. Das Konzept der demokratischen Schule ist eben, dass sie jedem offen steht - die Radikalversion einer Integrationsschule.

Rund 100 Schüler verzeichnet die Schule, in drei Altersgruppen, die etwa der ersten bis dritten, vierten bis sechsten sowie siebten bis neunten Klasse entsprechen. Zwölf Lehrer unterrichten die Kinder und Jugendlichen - wenn man es Unterricht nennen möchte, denn an der Schule geht es völlig anders zu als an konventionellen Schulen.

In Deutschland gibt es nur eine Hand voll Alternativschulen, die auf freies, selbstbestimmtes Lernen setzen. Sie sind die Orchideen in der Bildungslandschaft. Für Freie Schulen ist die staatliche Anerkennung notorisch schwierig und langwierig. Die Leipziger Ganztagsschule hat den Status einer Ersatzschule, die mit staatlicher Genehmigung arbeitet und auch vom Land mitfinanziert wird, aber nicht wie staatliche Schulen dem sächsischen Lehrplan folgen muss. Eigene Abschlüsse kann sie jedoch nicht vergeben, dafür müssen die Schüler staatliche Prüfungen absolvieren.

Wer den Delfin hat, hat das Wort

Die Freie Schule entstand bereits 1990, noch zu DDR-Zeiten. Sie wird von der sächsischen Bildungsagentur - der Schulaufsichtsbehörde - toleriert und auch finanziell gefördert. Zusätzlich leisten Eltern, die dazu in der Lage sind, einen Eigenbeitrag von 60 Euro im Monat. Öffentliches Interesse bestehe generell, sobald eine "ausreichend große Elternschaft" eine solche Schulform wünsche, sagt Angelika Wiesner von der sächsischen Bildungsagentur. An freien Schulen prüfe sie Schülerzahlen und Lehrerqualifikation und habe ansonsten "eingeschränkte Fachaufsicht".

Fachliche Aufsicht ist schwierig, wo fachlich alles und nichts möglich ist. Plätzchenbacken und rationale Zahlen zugleich? Henrik Ebenbeck wartet ab, wer zu seinem Mathekurs erscheint. Vorschriften oder Sanktionen gibt es keine: "Wer will, kann zehn Jahre lang backen oder auch da draußen im Baum hocken."

Lange Zeit bestand nicht einmal eine Anwesenheitspflicht - bis die Schüler sie per Abstimmung selbst einführten. Freiwillig ist auch die Teilnahme an der Schulversammlung, dennoch bleibt in der Aula jeden Donnerstag kaum ein Platz unbesetzt. Derzeit hat eine der jüngsten Gruppen den Vorsitz: die Delfine. Ein Siebenjähriger ordnet die Wortmeldungen, indem er durch den Kreis flitzt und einen riesigen Plüschdelfin weiterreicht. Groß und Klein entscheiden gemeinsam, wie Gelder eingesetzt und welche Lehrer eingestellt werden. Jeder hat eine Stimme. Und wer den Delfin hat, hat das Wort.

"Sie war kaum noch meine Tochter - und ich nicht ihre Mutter"

Von konventionellen Vorstellungen über das Lernen weicht die Leipziger Schule, eine von nur vier demokratischen Schulen in Deutschland, in vielen Punkten enorm ab. Trotzdem haben Alternativschulen auch für die Länder durchaus einen bildungspolitischen Reiz. "Keine Experimente", das gilt dort schlicht nicht. Und einige ganz ähnliche Inhalte stehen auch im sächsischen Schulkonzept, etwa: weniger Drill, mehr Projekte, fach- und altersübergreifendes Lernen. Zudem kommt die demokratische Schule Forderungen nach Integration und "inklusiver Bildung" wie von selbst nach, während Sonder- und Förderschulen derzeit durch eine Klageserie frustrierter Eltern fast ihr Verbot fürchten müssen.

Gerade weil sie viele Wünsche öffentlicher Schulen längst erfülle, wirke die Reformschule "ein bisschen bedrohlich: Wenn es gut ist, was wir tun, stellt es ja das gesamte deutsche Bildungssystem in Frage", sagt Leslie Ocker. Die US-Amerikanerin hat zwei Kinder an der Freien Schule, gibt selbst Englischkurse dort und ist im Vorstand der deutschen Sektion von Eudec, der europäischen Gesellschaft demokratischer Schulen.

Bei ihrer Ältesten habe sie in zwei Jahren Grundschule nur Leistungsdruck erlebt. "Sie war kaum noch meine Tochter - und ich nicht ihre Mutter. Immer nur üben, und wieder keine Eins, jeder Tag war ein Kampf", so Ocker. Heute lernt die Tochter, was sie für richtig hält. Und wie die Schulaufsicht hält sich die Mutter mit einem gewaltigen Vertrauensvorschuss aus dem Bildungsexperiment heraus.

"Die Freiheit ist hammerschwer manchmal"

Pädagogen der Freien Schule beschreiben die Regelschule wie eine Zwangsanstalt. Benjamin Schmutzer ist erst seit kurzem Lehrer in Leipzig und sagt, sein Referendariat habe er in der "Gefangenschaft der staatlichen Sonderschule" verbracht. An der Freien Schule sei jeder Tag anders, so Schmutzer - auch für die Lehrer.

Gelernt wird wie im Vorbeigehen, die Kids lassen sich treiben: Bastelstunde im Gang, noch die letzten 15 Seiten Krimi lesen, Schachspielen mit dem amerikanischen Lehrer statt Englisch-Vokabeltraining. Der Motor der Schüler ist reine Neugier - und der ist auf deutlich kürzere Intervalle als die 45-Minuten-Schulstunde getaktet. Es herrscht geschäftige Selbstorganisation, keine Spur von Anarchie oder schlimmer, Passivität. Manche Projekte sind alters- oder fächerübergreifend, andere nicht. Manche dauern zehn Minuten, andere ein Jahr.

"Die Freiheit ist aber auch hammerschwer manchmal", sagt Schmutzer. An demokratischen Schulen müssten Neuankömmlinge regelrecht "entschult" werden, bevor sie wieder richtig lernen könnten. Über Zustände an anderen Schulen will sein Kollege Ebenbeck nicht spekulieren. Er sei schließlich nie woanders gewesen, beobachte aber, dass "90 Prozent der Quereinsteiger überhaupt nur die Schule wechseln, weil sie massive Probleme haben".

Kräftemessen mit dem Angstgegner Regelschule

Nach 15 Jahren an der Freien Schule kennt Ebenbeck den "Kuschelpädagogik"-Vorwurf zur Genüge: "Woher wissen die Kinder denn, was sie lernen sollen? Und sind sie dann nicht schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet?" Das hat er schon unzählige Male gehört. Für Eltern, die auf die Barrikaden gehen, weil ihre Kinder zwei Jahre länger mit Schülern aller Leistungsklassen gemeinsam lernen sollen, muss das Konzept der Freien Schule ein Graus sein.

An der Leipziger Schule fragt keiner, was am Ende herauskommt. Noch nicht. Seit 2005 gilt sie als gesonderte Mittelschule; erst im nächsten Schuljahr werden die ersten Schüler aus Dalias Gruppe alt genug sein, um den Schulabschluss zu machen. Wer möchte, geht dann zur "Fremdprüfung" an eine benachbarte Realschule.

Bis dahin machen die Schüler genau das, was sie sollen: das, was sie wollen. Für ihr Facharbeitsprojekt konnten die Älteren ein Jahr lang ein frei gewähltes Thema erforschen. Da sei "von Schokolade bis zum saudi-arabischen Panzerdeal" alles dabei, sagt Dalia.

Was aber geschieht, wenn schlagartig Erfolgsdruck, Pflichtstoff und Kontrolle einsetzen? Niemand weiß das. "Wir sind gespannt", sagt Leslie Ocker. Bei der Fremdprüfung bittet dann plötzlich der Angstgegner Regelschule zum Kräftemessen. Noch wollen alle aus Dalias Gruppe zur Prüfung antreten. Noch sind im Leipziger Schneeregen auch keine leistungsverweigernden Baumhocker zu sehen.