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11. Mai 2018, 10:28 Uhr

Guter Schulunterricht

"Möglichst viel Wissen anzusammeln ist nicht mehr zeitgemäß"

Ein Interview von

Die Meinungen darüber, was guten Unterricht ausmacht, gehen auseinander. Im Interview erklärt Politikdidaktiker Volker Reinhardt, wann Schulstunden wirksam sind - und wann nicht.

Was guten Deutsch-, Kunst- oder Chemieunterricht ausmacht - darüber wissen Schulforscher eigentlich viel zu wenig, findet der Freiburger Politikwissenschaftler Volker Reinhardt. Immer wieder würden ihn seine Lehramtsstudenten nach wirksamen Rezepten für guten Unterricht fragen, sagt er. Und das, obwohl die Bildungsforschung in den vergangenen Jahren boomt und es eigentlich jede Menge Untersuchungen zu dem Thema gibt.

SPIEGEL ONLINE: Große Studien zur Qualität von Schulunterricht gab es in den vergangenen Jahren viele. Am bekanntesten dürfte die Untersuchung des neuseeländischen Pädagogen John Hattie sein, der Tausende Studien weltweit zusammengefasst hat. Warum glauben Sie, dass wir trotzdem immer noch nicht genug über guten Unterricht wissen?

Reinhardt: Sie haben recht, es gibt schon sehr viele Untersuchungen. Aber die allermeisten schauen allgemein und nicht fachspezifisch auf die Schule. Genau das aber ist doch für viele Lehrer die Frage: Was bedeuten die Ergebnisse für meinen Unterricht in Mathematik, Politik oder Erdkunde? Was muss ich konkret tun, um wirksamen Unterricht in meinem Fach anzubieten?

SPIEGEL ONLINE: Und diese Antworten können Sie jetzt liefern?

Reinhardt: Zumindest teilweise. Dafür haben wir Experten aus Schulen und Hochschulen befragt, und zwar zu insgesamt elf Unterrichtsfächern. Es ist klar, dass ungeachtet der allgemeinen didaktischen Grundlagen der Unterricht beispielweise in Kunst und Mathematik ganz unterschiedlich aufgebaut sein muss, um wirksam zu sein. Uns interessierte, wie viel fachwissenschaftliches und wie viel fachdidaktisches Wissen die Lehrkräfte jeweils brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Und? Gibt es eine klare Antwort?

Reinhardt: Das hängt, wie erwartet, vom Fach und von den befragten Experten ab. In meinem Fach, der Politikwissenschaft, gibt es da zwei Sichtweisen: eine, die ganz stark auf echtes Fachwissen über politische Zusammenhänge und Verfahren setzt. Und eine, die erst einmal auf die Vorerfahrungen der Schüler schaut. Der erste Blickwinkel geht eher davon aus, dass es bei Schülern fehlendes oder falsches Wissen gibt, das richtig gestellt werden muss. Der zweite besagt, dass es bereits bestehende Konzepte und ein Vorwissen gibt, auf das man aufbauen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Reinhardt: Wenn Grundschüler sagen: "Angela Merkel ist die Königin von Deutschland", dann kann ich das entweder als Fehler werten, der ausgebügelt werden muss. Oder ich erkenne an, dass es da ein Konzept gibt, das auch Richtiges enthält: Merkel hat etwas zu sagen, sie hat Macht und ist wichtig in Deutschland. Daraus ergeben sich dann ganz unterschiedliche Unterrichtsstile.

SPIEGEL ONLINE: Und welcher davon ist wirksamer?

Reinhardt: Unsere bisherigen Befunde deuten darauf hin, dass die Idee von möglichst vielem Wissen, das Schüler sammeln müssen, nicht mehr zeitgemäß ist. Das entspricht eher der alten Vorstellung vom Gymnasialunterricht. Heute ist es wichtiger, Kompetenzen zu erlernen. Da geht es nur sekundär um die richtige Amtsbezeichnung der Bundeskanzlerin, sondern vielmehr darum, dass die Schüler Demokratie lernen und leben. Mit anderen Worten: dass sie die grundlegenden Ideen verstehen und auf verschiedene Situationen übertragen können.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das für alle Schulfächer?

Reinhardt: Grundsätzlich schon. Allerdings hat sich gezeigt: In den Naturwissenschaften steht die Kompetenzorientierung heute viel stärker im Mittelpunkt als bei den Sozial- und Geisteswissenschaften. Ich bin selbst Sozialwissenschaftler, aber das muss man neidlos anerkennen: Die Naturwissenschaften sind da deutlich weiter. Um das zu ändern, bräuchten wir eine Stärkung der fachdidaktischen Forschung - und zwar in allen Schulfächern. Also nicht nur in Mathematik oder Biologie, sondern auch in Musik und Kunst, Geschichte und Geografie.

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