Schulen Einwandererkinder haben mehr Spaß am Lernen

An sozialen Brennpunkten sammeln sich die Bildungsverlierer: Die Schüler haben schlechtere Noten und bleiben häufiger ohne Abschluss. An fehlender Motivation liegt das kaum, wie eine neue Studie zeigt - gerade unter Einwandererkindern gibt es überraschend viele Lustlerner.
Lernen mit Freude: Kinder von Einwanderern sind häufiger mit Spaß dabei

Lernen mit Freude: Kinder von Einwanderern sind häufiger mit Spaß dabei

Foto: Corbis

Schule und Spaß, das will nicht recht zusammengehen, und wenn von beiden die Rede ist, geht es meist um ein Problem: Wie weckt man bei Schülern die vermeintlich tief schlummernde Lust am Lernen? Umso mehr, wenn Schüler gemeint sind, die nicht irgendwo die Schulbank drücken, sondern in einem sozialen Brennpunkt?

Dann drängen sich die hohen Abbrecherquoten und die schlechten Pisa-Ergebnisse auf, es mündet in einen Seufzer: Ach, würden die Kids doch endlich erkennen, wie wichtig die Schule ist - und nur ein bisschen Freude empfinden an Goethe, Logarithmen, Zellbiologie.

Vielleicht aber haben die Schüler so viel Pessimismus gar nicht verdient. Eine noch unveröffentlichte Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, legt das zumindest nahe.

Die Bildungsforscher Carsten Rohlfs, derzeit Vertretungsprofessor an der Uni Jena, und Christian Palentien, Professor an der Uni Bremen, ließen rund 1700 Schüler der Klassen sieben und neun über ihre Motivation und Haltung zu Bildung und Lernen befragen. Auch die Eltern wurden gebeten, Auskunft über ihre Einstellung zur Schule zu geben; allerdings nahm nur rund die Hälfte teil. Die Schüler besuchten Schulen an sozialen Brennpunkten im Land Bremen, rund die Hälfte waren Kinder von Einwanderern.

Die meisten Schüler wissen um den hohen Stellenwert guter Noten

Ergebnis: Fast drei Viertel der Schüler haben ein überwiegend positives Verhältnis zur Schule und zur Bildung. Gehen sie also gern zur Schule, haben sie gar Lust aufs Lernen? Rohlfs fand Antworten. Er befragte die Schüler, wie wichtig ihnen Schule sei, ob die Unterrichtsthemen sie interessierten, was Lernen für sie bedeute: Stress, Langeweile, Wut? Erfolg? Oder eben: Spaß?

Aus den Antworten ordnete Rohlfs die Schüler einem Typ zu (siehe Kasten links oben). In der mit Abstand größten Gruppe - sechs von zehn - versammelten sich die "pragmatisch Leistungsorientierten". Ihre positive Einstellung zu Bildung werde geprägt vom "hohen Stellenwert von Leistung und guten Abschlüssen sowie durch eine starke Motivation, diese zu erreichen", schreibt Rohlfs. In dieser Gruppe finden sich besonders viele Mädchen und Jugendliche ohne Migrationshintergrund.

Bildungseinstellungen von Schülern

Allerdings: Mit Lust am Lernen hat das nicht direkt etwas zu tun. Es ist ein äußerer Grund, der die Einstellung zur Schule positiv macht - neun von zehn Schülern halten Bildung für wichtig, weil sie die Bedeutung eines guten Abschlusses für groß erachten.

Die Einsicht, wie wichtig der Schulerfolg fürs Berufsleben ist, trichtern ihnen häufig die Eltern ein. Mit zweifelhaftem Erfolg, so Rohlfs: "Wenn die Eltern angaben, dass sie von ihren Kindern einen sehr guten Abschluss erwarten, erzeugen sie selten eine sehr hohe Freude am Lernen." Im Gegenteil: Vor allem bei unrealistischen Erwartungen der Eltern gaben Schüler häufiger an, dass der Druck hoch sei; umso niedriger war die eigene Motivation.

Das sieht in der drittgrößten Gruppe anders aus. Rund zwölf Prozent beschreibt Rohlfs als "intrinsisch motivierte Bildungsbegeisterte" - also Schüler, deren positive Einstellung zu Schule und Bildung "durch Lernfreude, Spaß und Interesse" geprägt sei. Hier finden Lust und Lernen tatsächlich zusammen. Und hier sind Kinder von Einwanderern in der Mehrheit: Sie stellen 60 Prozent dieser Gruppe. Besonders hoch ist der Anteil der Schüler mit sehr guten bis guten Noten in den Fächern Deutsch und Mathematik.

Weniger Resignation unter Einwandererkindern

Wann immer Rohlfs die Jugendlichen nach ihrer persönlichen Einstellung zu Lernen und Schule fragte - Kinder aus Einwandererfamilien waren stets mehr Lustlerner als ihre Mitschüler: Sie zeigten sich deutlich seltener gelangweilt vom Unterricht (33 Prozent der Einwandererkinder; 49 Prozent der restlichen Schüler). Sie gaben häufiger an, am Unterricht interessiert zu sein (72 zu 58 Prozent) und mit Freude zu lernen (59 zu 41 Prozent). Entsprechend waren sie mit ihrer Schule häufiger zufrieden (63 Prozent zu 47 Prozent). Dagegen ist bei Einwandererkindern eine Motivation zum Lernen, weil sie verlangt wird, weit weniger verbreitet als bei den übrigen Schülern.

"Schüler mit Migrationshintergrund scheinen im geringeren Maße resigniert zu haben als andere Jugendliche, die sich weit häufiger unter Druck gesetzt fühlen, aber Bildung weiterhin nicht als sinnstiftend, als einen Wert an sich ansehen", deutet Bildungsforscher Rohlfs die Ergebnisse. Demnach entwickelt eine große Mehrheit der Schüler Einsicht in die Notwendigkeit eines guten Abschlusses. Bei Einwandererkindern lässt das häufiger als bei ihren Mitschülern echtes Interesse am Unterricht keimen. Womöglich liege es nicht zuletzt daran, dass "ihre Bildungsmisere in der Debatte um die hohe Zahl der Schulabbrecher und die schlechten Pisa-Werte oft im Mittelpunkt steht", so Rohlfs.

"Schüler sollten mehr mitwirken und mitentscheiden können"

Um die Motivation der Schüler künftig zu steigern, empfiehlt Rohlfs freilich nicht, die Debatte um die Bildungsmisere zu verschärfen. "Die Motivation der Schüler ist eng gekoppelt an deren Möglichkeiten zur Mitgestaltung im Unterricht. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas von sich aus tun und wirklich etwas können, dann ist ihr Lernen weit nachhaltiger."

Dazu brauche es eine Auflockerung der einheitlichen Lehrpläne: "Man braucht Lehrpläne, um einen Rahmen vorzugeben, doch der sollte weit gefasst sein. Damit Schüler mehr mitwirken und mitentscheiden können, auch spontan. Sonst können Lehrer Schülern diesen Freiraum nicht geben."

Auch die Notengebung solle überdacht werden. Rohlfs will zwar nicht so weit gehen wie etwa Remo Largo, der im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Abschaffung der Noten forderte. Die derzeitige Praxis hält er jedoch für falsch: "Eine intransparente Notengebung erscheint ungeeignet, um Schüler zu motivieren, der Notendruck bewirkt eher das Gegenteil. Hier sind Formen sinnvoll, die für die Schüler nachvollziehbar und informativ sind und sich an den individuellen Lernständen orientieren - nicht am Klassendurchschnitt", so Rohlfs.

Es bleibt die gute wie überraschende Nachricht: Einwandererkinder haben vergleichsweise viel Spaß am Lernen. Gemeinsam ist allen Schülern übrigens, dass sie Schule allgemein durchaus mit Spaß verbinden - dazu trägt allerdings die Freude über Pausen, Ferien, das Zusammensein mit Gleichaltrigen stark bei.

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