Schulexperiment in der Schweiz Lehrer vergeben Farben statt Noten

Kinder werden von schlechten Noten nur demotiviert, meint der Schweizer Schulleiter Marius Ettlinger. Er setzt jetzt auf ein neues Bewertungssystem - mit Farben. Hier erzählt er, was er sich davon erhofft.
Von Braun bis Gelb: So wurde das neue Farbschema den Eltern in der Schweiz vorgestellt

Von Braun bis Gelb: So wurde das neue Farbschema den Eltern in der Schweiz vorgestellt

Zur Person
Foto: Lauterwasser

Marius Ettlinger ist Leiter der Primarschule Rotmonten-Gerhalde im Schweizer Kanton St. Gallen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ettlinger, an Ihrer Schule bekommen die Drittklässler Klassenarbeiten mit Farben statt mit Noten zurück. Warum sollte ein braunes Kästchen besser sein als eine Drei?

Ettlinger: Entscheidend ist die Haltung dahinter. Wenn ein Kind eine schlechte Note bekommt, hat es sofort das Gefühl, versagt zu haben. Und genau das wollen wir vermeiden. Wir wollen lieber den Blick nach vorn richten, auf das Positive. Die Farbe Braun steht für 'Das klappt noch nicht. Ich brauche Hilfe.' Und genau so steht es auch unter dem Test. Die Farben ergänzen nur die schriftliche Rückmeldung.

SPIEGEL ONLINE: Die schlechteste Farbe ist Braun, die beste Gelb. Warum nicht Blau oder Lila?

Ettlinger: Die Farben sind an das Wachstum einer Pflanze angelehnt. Braun steht für die Erde - und aus der kann schließlich was Gutes gedeihen. Grün heißt: 'Das gelingt mir teilweise. Ich muss noch üben'. Dann kommt Orange für 'Das kann ich schon gut' und Gelb für 'Das beherrsche ich'. Bei uns bekommt jeder Schüler zum Schulanfang eine Sonnenblume geschenkt, deshalb liegt dieses Farbschema nahe.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen die Lehrer dazu?

Ettlinger: Die Idee kam ja aus dem Kollegium! Der neue Lehrplan des Kantons St. Gallen erfordert eine neue Beurteilungspraxis. Er basiert auf Kompetenzen, die sich die Schüler Stufe für Stufe aneignen. Bisher war es den Lehrern selbst überlassen, ob sie Klassenarbeiten benoten oder eine andere Art der Rückmeldung geben. Ein Kollege hatte das System mit den Wortrückmeldungen unterstützt durch Farben ausprobiert und sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Es ist besonders kindgerecht. An anderen Schulen werden zum Beispiel Smileys verteilt, aber da haben wir uns bewusst dagegen entschieden, weil ein trauriges Gesicht auch wieder negativ ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum müssen die Schüler denn so in Watte gepackt werden?

Ettlinger: Es geht darum, Lernen mit etwas Positivem zu verbinden und den Kindern zu zeigen: Auch, wenn deine Leistung jetzt nicht so gut war, kann sie das nächste Mal prima sein. Und am Jahresende stehen im Zeugnis ja auch weiterhin Noten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein Schock für die Schüler?

Ettlinger: Die Rückmeldungen mit Worten und Farben gibt es erst seit diesem Schuljahr, insofern konnten wir da noch keine Erfahrungen machen. Ein Schock sollte das Zeugnis aber auf keinen Fall sein und wird es bestimmt auch nicht. Die Schüler wissen ja, wo sie stehen.

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SPIEGEL ONLINE: Aber warum vergeben Sie dann nicht gleich Noten? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis die Schüler die Farbe Braun genau so negativ wahrnehmen wie eine schlechte Zensur.

Ettlinger: Nein, es ist schon ein Unterschied, ob ich eine Note verteile, die besagt: Deine Leistung ist ungenügend. Oder ob ich die Rückmeldung gebe: Das musst du noch üben, dann wird es gut. Das verändert auch die Rolle der Lehrer. Wir sehen sie vor allem als Begleiter von Lernprozessen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher bekommen bei Ihnen nur die Drittklässler Bewertungen in Farbe. Soll das auf alle Schüler ausgeweitet werden?

Ettlinger: Gedacht ist das neue Bewertungssystem erst mal für die dritte und die vierte Klasse, aber auch für die Fünft- und Sechstklässler wird man sich in den nächsten Jahren Gedanken machen müssen. In der ersten und zweiten Klasse gibt es ohnehin keine Noten. Aber auch dort arbeiten wir gerade an einer Neuerung: Es soll in Zukunft einen Stempel mit einem Frosch geben, der eine Leiter hochklettert.

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