Schulgewalt "Es wird mehr hingesehen!"

Messerattacken auf Lehrer, Waffen in der Schule, brutale Schlägereien: Ausnahmezustand an Berliner Schulen. Dabei ist die Anzahl der Gewaltdelikte nicht gestiegen, sagt die Polizei. Die Wahrnehmung aber hat sich verändert.

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Berlin - Es war gestern Mittag als die Berliner Polizei wieder an einer Berliner Schule eingreifen musste. Ein 14-Jähriger Sonderschüler aus Hohenschönhausen hatte seine Lehrerin mit einem Messer bedroht. Als die Polizisten kamen, flüchtete der Junge, wurde dann aber von den Beamten gefasst.

Posieren für die Fotografen: Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln
DDP

Posieren für die Fotografen: Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln

Zum zweiten Mal in wenigen Tagen musste die Berliner Polizei an einer Schule anrücken, um Lehrer vor der Aggression ihrer Schüler zu schützen: Am Montag schlug ein 12-Jähriger an einer Grundschule in Kreuzberg eine Lehrerin derart, dass sie mehrere Knochenbrüche im Gesicht erlitt. 

Die mediale Aufmerksamkeit begann im März mit dem Hilferuf der Berliner Rütli-Schule, an der die Lehrer sich nicht mehr in der Lage sahen, ihren gewaltbereiten Schülern zu begegnen und die Hilfe der Schulbehörde anforderten.

Einzelfälle oder neuer Trend?

Weitere Fälle wurden bekannt: An der Schöneberger Riesengebirgs-Oberschule musste ein Schüler Anfang des Jahres eine Woche lang mit Polizeischutz zur Schule begleitet werden, weil er von Jugendlichen massiv bedroht wurde. Letzte Woche kam eine 18-Jährige mit einer scharfen Schusswaffe in ihre Realschule im Berliner Stadtteil Tiergarten und soll gedroht haben, ihre Lehrerin umzubringen. Sie wurde festgenommen. Im gleichen Stadtteil wurde ein schwangeres, 15-jähriges Mädchen von ihrem Freund in den Bauch getreten, weil er das Kind nicht wollte.

Wer morgens die Meldungen der Hauptstadtzeitungen liest, fragt sich: Sind es Einzelfälle, die nur durch die Berichterstattung der Medien plötzlich den Anschein eines neuen Trends erwecken oder haben sich die Gewalttaten an Schulen tatsächlich vermehrt?

Marcel Kuhlmey, Sprecher der Berliner Polizei, sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Es ist nicht richtig von einer Zunahme der Gewalt an Berliner Schulen zu sprechen."  Auch stimme es nicht, dass zwar die Anzahl der Fälle nicht gestiegen sei, dafür aber die Brutalität, mit der Jugendliche vorgehen. "Tatsächlich ist die Zahl der Vorfälle und ihre Art über die letzten Jahre ziemlich gleichbleibend", so Kuhlmey. Verändert habe sich in erster Linie die Wahrnehmung - die Sensibilität der Lehrer sei gestiegen. "Mittlerweile wird die Polizei in Fällen gerufen, die man früher schulintern geklärt hat."

Jens Stiller, Sprecher des Berliner Bildungssenators Klaus Böger (SPD) sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Es hat bis Ende 2005 eine deutliche Zunahme der gemeldeten Fälle gegeben". Das dunkle Feld würde sich immer mehr aufhellen. "Es wird einfach mehr hingesehen." Die steigende Zahl der Meldungen würden sich auch daraus ergeben, dass Mobbing als Gewaltkategorie gelte. "Und unsere erste Einschätzung für dieses Jahr sieht so aus, als gäbe es mehr Fälle von Mobbing - auch an Lehrern - als früher", so Stiller.

Tendenziell kein Anstieg der Übergriffe

Der Bielefelder Sozialforscher Klaus Hurrelmann hat in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters  besänftigende Worte gefunden. Er warne vor Hysterie, tendenziell sei schließlich kein Anstieg der Übergriffe zu verzeichnen. Vor zwanzig Jahren hätte man noch gesagt, "Ach Leute. Eine Klopperei, der wird ins Lehrerzimmer bestellt und kriegt eine Standpauke", so Hurrelmann.

Petra Eggebrecht, die die Rütli-Schule kommissarisch leitete, bis Helmut Hochschild im Frühjahr Direktor wurde, sieht das anders: "Die Fälle von Gewalt haben sich in den letzten Monaten schon gehäuft", sagt sie zu SPIEGEL ONLINE. Außerdem sei es immer noch schwierig, Hilfe zu bekommen.

Anders als andere Berliner Bezirke hat Neukölln, wo die Rütli-Schule liegt, schon einen direkten Ansprechpartner beim Jugendamt - einen "Notrufbeamten". Aber genau wie überall sei der Erfolg der Zusammenarbeit auch von dem Engagement der zuständigen Beamten abhängig und variiere sehr, sagt Eggebrecht. "Außerdem sind die Jugendämter mit den Fällen schon zahlenmäßig total überfordert", sagt die Lehrerin zu SPIEGEL ONLINE. "Das können die gar nicht alles bewältigen."

Auch der Schulverweis sei keine Lösung. Schüler, die wegen ihres Verhaltens der Schule verwiesen worden sind, würden richtig gehend herum gereicht. Und an ihrer jeweils neuen Schule passiere dann genau dasselbe - sie halten sich nicht an Regeln, bedrohen Mitschüler, machen Gewalt alltäglich.  "Das ist schrecklich, aber was sollen wir machen?", sagt Eggebrecht SPIEGEL ONLINE.

"Schüler müssen wissen, wohin mit ihrer Kraft!"

Dabei ist der Verweis die höchste Strafe, die eine Schule an schulpflichtige Jugendliche verhängen kann: Bevor er ausgesprochen wird, muss der betreffende Schüler eine ganze Reihe von Ankündigungen und Androhungen durchlaufen. "Erst wird die Versetzung in einer Parallelklasse angedroht, bei weiteren Verstößen dann durchgesetzt. Und dann kommt es zur Androhung zur Versetzung an eine andere Schule. Wenn der Schüler noch einmal auffällig wird, muss er gehen", so Eggebrecht zu SPIEGEL ONLINE.

Wie reagiert die Politik auf die Häufung der Gewaltberichte in den Medien? Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) forderte heute in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel", die Rechte der Eltern notfalls einzuschränken, wenn sie sich "uneinsichtig zeigen und alle Angebote ablehnen." Andere setzen bei den Jugendlichen selbst an: Neben der FDP forderte auch die CDU-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses das Alter, in dem Jugendliche strafmündig werden, von 14 auf 12 Jahre herabzusetzen. 

Lehrerin Eggebrecht glaubt, dass vor allem Unterstützung an den Schulen selbst wichtig ist: "Wir brauchen Konzepte wie das Anti-Gewalt-Training mit den Schülern", sagt Eggebrecht. Die Schüler müssten merken, dass man sich um sie kümmert. "Sie müssen wissen, wohin mit ihrer Kraft."

Die Nerven scheinen bei Berliner Lehrern jedenfalls mittlerweile oft blank zu liegen. Gestern in Berlin-Frohnau: Ein Lehrer sieht eine brennende Mülltonne, um die herum ein paar Schüler stehen. Die aufgeregte erste Vermutung: Die Schüler gehen auf die Barrikaden, fackeln Mülltonnen ab. In Wirklichkeit haben die Jugendlichen nur versucht, den Brand zu löschen.



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