Schulgewalt in Frankreich Die stolze Bildungsnation kapituliert

In Frankreichs Vorstadtschulen kämpfen Schüler gegen Lehrer, Lehrer gegen Eltern, Schüler gegen Schüler. Wegen der grassierenden Gewalt evakuieren wohlhabende Eltern ihre Kinder in Privatschulen - und die verschmähten "Risikoschulen" rutschen weiter ab.

Von Kim Rahir, Paris


Wenn nachmittags um halb fünf Schulschluss ist in Frankreich, stehen überall im Land Mütter und Kinderfrauen mit Keksen und Obst vor den Schultoren, um die Schüler in Empfang zu nehmen. Das idyllische Bild trügt: Schon bald könnten Polizisten die Schulhöfe bewachen, wie konservative Politiker angesichts spektakulärer Fälle von Gewalt in der Schule fordern. Von einer "Eskalation" spricht die Tageszeitung "Le Parisien" angesichts der Vorfälle der vergangenen Wochen.

Gewalt unter Schülern: Trauriger Alltag in Frankreich
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Gewalt unter Schülern: Trauriger Alltag in Frankreich

In Etampes bei Paris etwa wurde im Dezember die junge Lehrerin Karen Montet-Toutain mitten im Unterricht von einem Schüler niedergestochen. In Montreuil nördlich von Paris stürzte sich ein zwölfjähriger Schüler auf eine schwangere Lehrerin und würgte sie, während die Kameraden dabeistanden und den Jungen anfeuerten. Diese Fälle werfen nur ein Schlaglicht auf das, was in den Klassenzimmern der Vorstädte längst Alltag ist.

Auch in anderen Ländern gibt es Gewalt in der Schule, sagen Experten. Doch in Frankreich liege das Problem in der Lehrerausbildung und in einer sozialen Ghetto-Bildung, die sich in der Schule fortsetzt und bisweilen, wie bei den November-Unruhen, in blinder Wut explodiert.

Wie verbreitet allein Gewalt von Schülern gegen Lehrer ist, zeigen die Zahlen des Lehrer-Selbsthilfe-Verbandes FAS. Im Schuljahr 2004/2005 habe es 1651 Gewalttaten gegen Lehrer gegeben, sagt Betty Galy, stellvertretende FAS-Vorsitzende. Auf Schultage umgerechnet heiße das, dass an jedem Schultag landesweit neun Lehrer körperlich angegriffen werden. Und diese Zahlen sagen noch nichts über Gewalt der Schüler untereinander, über Erpressungen, Diebstahl und Quälerei.

Sozial isolierte Schulen

Ein Fernsehbericht über so genannte "sensible Zonen", also Wohngebiete mit vorwiegend sozial schwacher Bevölkerung, zeigte verzweifelte Eltern, deren Kinder jeden Morgen aus Angst vor der Schule weinen. Beleidigungen, Grobheiten und Gewalt gehörten zum Alltag, sagt Galy, doch besorgniserregend seien auch die zusehends vergifteten Beziehungen zwischen der Schule und den Eltern. Vor zehn Jahren habe es im Schnitt 100 bis 200 Klagen von Eltern gegen die Schule gegeben, im vergangenen Jahr seien es an die 1000 gewesen.

"Die Schule ist von ihrem Umfeld völlig isoliert", sagt Eric Debarbieux, der beim Europäischen Observatorium für Gewalt in der Schule internationale Vergleichsstudien erarbeitet. Die Eltern fühlten sich von den Lehrern verachtet, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern sei in Frankreich besonders schwierig, da die Lehrer praktisch keine pädagogische Ausbildung hätten.

In den Problemschulen würden jedes Jahr 80 Prozent der Lehrer ausgetauscht, kritisiert der Forscher. Die Lehrer, die ihren Dienst in den desolaten Vorstädten antreten, seien blutjung, ohne Erfahrung und hätten in ihrem Studium niemals Teamarbeit gelernt. Ein landesweites Punktesystem führt dazu, dass in den schwierigen Schulen stets die Jungen, Unerfahrenen und Alleinstehenden antreten müssten. Doch wer immer sich an eine Reform dieses Postenverteilungssystem wage, müsse mit massivem Widerstand der Lehrergewerkschaft rechnen.

Politiker fordern rigide Methoden

Vielleicht will die konservative Regierung deswegen lieber die Symptome als die Wurzeln des Übels bekämpfen. Es müsse eben viel öfter und viel konsequenter Anzeige erstattet werden, sagt Bildungsminister Gilles de Robien. Und Innenminister Nicolas Sarkozy, der sich mit einer knallharten Law-and-Order-Politik einen guten Startplatz für die Präsidentschaftswahlen 2007 erkämpfen will, weiß: "Die beste Vorbeugung ist immer noch die Gewissheit, dass eine Strafe folgt."

Sarkozy will, dass auch minderjährige Straftäter hinter Gitter gebracht werden. Dass kriminelle junge Leute "straflos davonkommen, ist unerträglich". Das gelte genauso für die Gewalt in der Schule. "Ich werde bei 80.000 Gewalttaten in Realschulen und Gymnasien im Jahr 2005 nicht tatenlos zusehen", tönte der Minister. "Die Schule der Republik ist nicht die Schule der Beleidigungen, der Drohungen und der Erpressungen."

"Die Schüler prügeln sich immer häufiger, mitten in der Klasse und bis aufs Blut", berichtet der 28-jährige Mathematik-Lehrer Francois Coq aus Romainville im Nordwesten von Paris, "und die älteren Schüler erpressen die Kleinen". Coqs Schule gehört zu einer "Prioritären Bildungszone", genannt ZEP. Diese wurden 1981 eingerichtet, "um denen viel zu geben, die wenig haben". Nach 25 Jahren stehen die ZEP indes für das völlige Versagen der staatlichen Bildungspolitik.

Wer sich's leisten kann, haut ab

Hatte das Bildungsministerium 1981 mit 363 solcher Zonen begonnen, wuchs die Zahl bis heute auf über 800. Die Mittel pro ZEP nahmen damit ab - insgesamt macht die Unterstützung für die hilfsbedürftigen Schulen der Republik heute gerade mal ein Prozent des staatlichen Gesamtbudgets für den Bildungsapparat aus. Das Niveau der Zonen sank, die Bezeichnung ZEP ist sogar zum Stigma geworden. "Ich konnte nicht in das Gymnasium gehen, das ich mir ausgesucht hatte, weil ich aus einer ZEP kam", sagt der 22-jährige Design-Student Antoine.

Und so kehren Eltern, die es sich leisten können, der "Schule der Republik" den Rücken. Entweder unterrichten sie ihre Kinder gleich selbst - oder lassen sie in einer der zumeist katholischen Privatschule auf das Leben vorbereiten. Landesweit wechselten im Jahr 2005 fast zehn Prozent der Schüler beim Übergang in die Sekundarstufe (in der siebten Klasse) von einer staatlichen in eine Privatschule. In der Hauptstadt Paris gehen 33 Prozent der Realschüler und Gymnasiasten in eine Privatschule.

Doch der Versuch der Mittelschichten, ihre Kinder von den staatlichen Schulen fernzuhalten, verschärft die gesellschaftliche Trennung, die eine der Ursachen der massiven Probleme ist. Die Folge sei ein "Teufelskreis", sagt der Bildungs-Soziologe Sylvain Broccolichi. "Mehr und mehr Familien entfernen sich von den so genannten Risiko-Schulen, die modernen Verkehrsverbindungen machen weitere Wege möglich, und in den verschmähten Schulen wird alles noch schlimmer: Das Niveau sinkt, die Lehrer sind demoralisiert und lassen sich so schnell wie möglich versetzen, die Schüler haben das Gefühl, dass sie dort festsitzen, und werden aggressiv."

Diesem Missstand mit Polizeigewalt beizukommen, hält sein Kollege Debarbieux für fast unmöglich. Um die sozialen Ursachen der Schulmisere zu bekämpfen, benötige man "unglaublichen politischen Mut und zehn Jahre Zeit", schätzt Debarbieux. "Doch was die Politiker derzeit dazu verbreiten, ist reine Demagogie."

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