Schulkonzert statt Fernsehshow Einmal Popstar und zurück

Ein paar Wochen lang war sie beinahe berühmt. Leonore Bartsch, 18, kam als HipHop-Queen bei "Popstars" fast ins Finale. Nun ist die Einser-Schülerin zurück im Heimatdorf, hinkt in der Schule hinterher und kämpft um ihre Zukunft.

Von Antonia Götsch


Es ist diese Dramatik der letzten Minuten, wenn ein Kandidat gekickt wird, die den Reiz von Casting-Shows ausmacht. Selbst die Jurymitglieder weinen ein bisschen, Mädchen halten sich zitternd an den Händen, mindestens die Hälfte der Anwesenden scheint kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Dann ist das geschasste Talent weg, vom "Popstars"-Erdboden verschluckt. Natürlich kommt noch der eine oder andere Mini-Auftritt, ein Gespräch mit Stefan Raab über den Rauswurf. Aber das war's dann.

Bei Leo Bartsch kam das Aus in der letzten Popstars-Show vor dem Finale, das Ende November ausgestrahlt wurde. "Da fiel ich in ein Loch", sagt die 18-Jährige, die eigentlich als Favoritin galt. Drei Monate lang bestand ihr Leben aus Singen, Tanzen, Posieren und mit der Limousine von einem Termin zum nächsten kutschiert werden. Und dann plötzlich wieder: Bernshausen, ein 600-Einwohner Nest in der Nähe von Göttingen. Zurück zur Schule, wo die Einser-Schülerin nun plötzlich im Rückstand ist. Wieder Leonore Bartsch und nicht HipHop-Queen Leo.

Spaziergänge statt Bühnenshow

Die Enttäuschung war groß, als sie im Oktober nach Hause fahren musste (die Sendungen wurden mit einigen Wochen Verzögerung ausgestrahlt). "Aber es hatte auch seine guten Seiten", sagt sich Leo. Die Eltern haben sich gefreut, sie konnte mit ihrem Hund spazieren und hatte Zeit für ein ausgiebiges Bad und einen Nachmittag mit Freundinnen. Leo bemüht sich, ihr altes Leben wieder schön zu finden. Doch so richtig können Spaziergänge und Vollbäder einen geplatzten Traum nicht aufwiegen. Findet sie nicht fies, dass sie - immerhin ein absoluter Publikumsliebling - rausgekegelt wurde?

"Ich gönne den Mädchen, die jetzt in der Band sind, den Erfolg", sagt Leo mit fester Stimme. "Vielleicht habe ich nicht in das Konzept gepasst." Sie will eine faire Verliererin sein.

Etwas anderes bleibt ihr auch kaum übrig, wenn sie nicht Schlagzeilen als fiese Zicke oder verhärmte Loserin machen will. Leo sagt, ihr Scheitern sei keine Niederlage. Vielmehr sei sie stolz, es unter die besten zehn von 5000 Bewerberinnen geschafft zu haben. Und für ein bisschen Glanz in Göttingen reicht es auch ohne die Gewinner-Band Monrose. Noch erinnern sich die Leute an die Fernsehbilder. "Ich kann nicht mehr auf die Straße gehen, ohne dass mich Menschen erkennen, ständig gebe ich Autogramme."

"Ich mache jetzt mein Abi, dann will ich durchstarten"

Natürlich will Leo am Musikgeschäft festhalten. "Ich mache jetzt mein Abi, dann will ich durchstarten." Bei der Castingshow habe sie gelernt, dass sie auch ein Bandtyp sei, aber wahrscheinlich wird es doch erst mal ein Soloprojekt mit R'n'B oder Popmusik. Es gibt schon Angebote, die sie mit ihrem Vater bespricht. Der hilft auch beim Überprüfen von Verträgen und dem Beantworten von Mails. Bis es so weit ist, klammert sich Leo an kleinere Auftritte in der Region. Gerade hat sie für ein lokales Kulturmagazin posiert.

Doch eigentlich müsste Leo das letzte bisschen Popularität jetzt ausnutzen, denn morgen schon beschäftigt jemand Neues die Fernsehzuschauer. Noch diskutieren ein paar ihrer Anhänger auf einer Fanseite über die Zukunft. "Ich fand 'Do that dance' sowohl von der Musik als auch von Leos Crossover-mäßiger Tanzperformance stilistisch ein wenig richtungsweisend", schreibt "Scotty". "Träumerin" wünscht sich, dass Leo und die anderen gestürzten Favoritinnen Romina und Kati ein Trio werden.

Nachdem ihr Blitzstart scheiterte, will Leo ihre Karriere von unten nach oben bauen, Stein für Stein. Kein One-Hit-Wonder zu sein, habe schließlich auch etwas für sich. Wer hört noch Musik von Alexander K. oder Elli Erl, den Gewinnern von "Deutschland sucht den Superstar"? Kaum jemand erinnert sich an Overground, die Preluders oder gar Nu Pagadi. Das waren immerhin die "Popstars"-Siegerbands. "Alle Erfolge in meinem Leben habe ich mir hart erarbeitet", sagt sie. "Ohne Pauken wäre ich keine gute Schülerin, und ich kann tanzen, weil ich drei- bis fünfmal die Woche trainiere." Leo hätte für die "Du bist Deutschland"-Kampagne gecastet werden sollen, so fleißig und zuversichtlich gibt sie sich.

Image der Überehrgeizigen

Ihre ausgeprägte Strebsamkeit stieß den Popstars-Zuschauern allerdings irgendwann auf. Leo galt gegen Ende der Show als überehrgeizig. "Das ist schon komisch, wenn Millionen Menschen plötzlich so über einen denken", sagt Leo. "Aber wer mich auf meinen Ehrgeiz anspricht, dem erkläre ich, dass bei Popstars zwei bis fünf Tage in zwei Stunden zusammengeschnitten werden. Dabei fallen natürlich Facetten weg." Zum Beispiel, dass sie ihren Kolleginnen gern geholfen habe, dass sie manchmal auch locker sei und gerne lache.

Ihre Freunde wüssten, was sich hinter dem Image der verbissenen Tänzerin verstecke. "Durch die Show hat sich nichts verändert", sagt Leo. Ihren drei besten Freundinnen habe sie alle Erlebnisse haarklein erzählt, um die Distanz zwischen Bernshausen und Pressekonferenzen wegzufegen. "Man muss immer mit beiden Beinen auf der Erde bleiben", bemüht Leo die nächste Tugend.

Als ein Mitschüler sie bat, bei einem Benefizkonzert in der Schulaula aufzutreten, hat sie sofort zugesagt. "Ich mache das gern." Und neben der fast berühmten HipHop-Queen sei sie ja auch noch Schülerin im Abi-Jahrgang ihres Gymnasiums. Ganz normal.

Nur die Fünftklässler muss sie noch eine Weile meiden, um einen Massenauflauf in der großen Pause zu verhindern.



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