Fehlende Schulleiter "Den Stress tue ich mir nicht an"

Zeitnot, Verwaltungskram, nörgelnde Eltern und genervte Kollegen: Schulleiter stehen so unter Druck, dass kaum jemand den Job haben will. Für die Schulen heißt das: Bei Neubesetzungen müssen sie fast jeden Bewerber nehmen, auch die schlechten.
Schulleiter gesucht: Den Stress wollen sich viele Lehrer nicht antun, da helfen nicht mal reservierte Parkplätze

Schulleiter gesucht: Den Stress wollen sich viele Lehrer nicht antun, da helfen nicht mal reservierte Parkplätze

Foto: Marius Becker/ dpa

Wer wird neuer Schulleiter? Wenn der alte geht und ein neuer gesucht wird, stehen viele Schulen vor einem großen Problem: "Vor 30, 40 Jahren standen Schulleiter Schlange, um das Amt zu bekommen. Heute ist man froh, wenn sich überhaupt jemand meldet", sagt Michael Gomolzig, Rektor der Grund- und Hauptschule Geradstetten in Baden-Württemberg. "Die Schulleitungen werden besetzt, wenn jemand nur 'hier' schreit."

Das habe viele Gründe. So würden die Aufgaben eines Rektors immer komplexer - und das Ansehen der Berufsgruppe sei stark gesunken, sagt Gomolzig, der auch Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg ist: "Früher war es eine Auszeichnung, heute reibt sich der Schulleiter im Amt auf." Die Zeiten, in denen ein Rektor per se eine Respektsperson war, seien lange vorbei: "Manche lassen ihm einfach keine Chance."

Zur Not auch schlechte Bewerber nehmen

Auch für die Lehrergewerkschaft GEW ist die Neubesetzung von Schulleiterposten ein großes Thema. Besonders an Grundschulen im ländlichen Raum gebe es Probleme, betont Gewerkschafterin Ilka Hoffmann: "Da gibt es oft nur eine Bewerbung und wenn die schlecht ist, muss man sie trotzdem nehmen." Zu kämpfen hätten vor allem Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland: "Die Posten bleiben zum Teil eine Zeit lang unbesetzt."

Ähnliche Schwierigkeiten gibt es in Baden-Württemberg: Hier sei es vor allem auf dem Land von jeher schwierig, Rektorenposten zu besetzen, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Es könne aber nun einmal nur Schulleiter werden, wer bestimmte Kriterien erfülle: "Die Schulleitung muss geeignet sein, sonst bekommt sie den Posten nicht." Auch fühle sich längst nicht jeder Lehrer zu Führungsaufgaben berufen.

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Ein etwas anderer Schulleiter: Punk's not Dead

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Gomolzig kennt die Anforderungen an Rektoren aus jahrelanger eigener Erfahrung. Die Amtsinhaber stehen in aller Regel im Spannungsfeld von genervten Kollegen, als schwierig empfundenen Schülern, Eltern im Kontrollwahn, der Schulaufsicht und den Kommunen. Sie müssten für alle Gruppen ein offenes Ohr haben, Verwaltungsaufgaben erledigen, unterrichten - und vor allem Schulentwicklung betreiben. "Da kommt schnell viel Zeit zusammen", sagt Michael Gomolzig. Viele sagten sich da: "Für das Geld tue ich mir den Stress nicht an."

Viel Arbeit, wenig Geld

Denn auch finanziell lohnt sich das Amt aus Sicht der Gewerkschaften für viele nicht. "Schulleiter verdienen nicht automatisch mehr", sagt Ilka Hoffmann von der GEW. Zum Teil müssten Lehrer, die zu Schulleitern aufsteigen, bis zu drei Jahre auf mehr Geld warten.

Der langjährige frühere Schulleiter Ulrich Knoll aus dem bayerischen Erlangen hat seine Erlebnisse als Rektor in dem Buch "Schuljahr" aufgeschrieben, das am Montag erscheint. In ironisch-überspitzter Form schildert er den Alltag eines Schulleiters und dessen täglichen Kampf mit Verwaltungsaufgaben und überfürsorglichen Eltern. "Diese Konflikte auszuhalten, sie einzudämmen und sie - falls möglich - niederlagenfrei zu lösen, dafür wurden Schulleiter auch bezahlt", schreibt er. Aber genau deswegen wollten immer weniger qualifizierte Kollegen die Aufgabe übernehmen.

Die Anforderungen an Schulen seien insgesamt höher geworden, sagt Gewerkschafterin Ilka Hoffmann. Sie sollten auf gesellschaftliche Probleme reagieren, auf den Beruf vorbereiten und den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern stemmen. "Die Erwartungen sind sehr groß, und das korrespondiert nicht unbedingt mit Anerkennung." Die Rektoren würden auch viel zu wenig vom Unterricht freigestellt, um sich um Verwaltungsaufgaben zu kümmern - und das, obwohl die Kultusministerien die Schulen mit Statistiken geradezu bombardierten. Ilka Hoffmann: "Es müsste eine politische Unterstützung von Schulleitern da sein, eine Anerkennung in Form von Zeit und Geld."

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Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß

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Christine Cornelius/dpa/him
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