Schulmisere Deutsche Bildungsplanwirtschaft

Im föderalen Bildungswirrwarr dürfen Schulen nahezu nichts selbst entscheiden und sind immer noch Horte der Planwirtschaft. Sechs Jahre lang probte ein Krefelder Gymnasium Schritte in die Freiheit - und hängt jetzt wieder am Gängelband der Schulbehörden.


Ein deutscher Schuldirektor ist im Regelfall kein echter Chef. Er kann keine Mitarbeiter einstellen oder entlassen. Es steht ihm nicht zu, über Klassengrößen zu befinden oder den Lehrplan den Bedürfnissen seiner Schüler anzupassen. Er darf nicht einmal eine neue Telefonleitung bestellen - all das fällt in die Zuständigkeit der Schulbehörden.

Krefelder Gymnasium: "Viel Bewegung in der Schule"
Gymnasium am Stadtpark

Krefelder Gymnasium: "Viel Bewegung in der Schule"

Schuldirektor Rolf Nagels durfte dennoch ein wenig von den verbotenen Früchten kosten. Von 2002 an gehörte das Krefelder Gymnasium am Stadtpark zu den rund 290 Schulen, die in 19 nordrhein-westfälischen Regionen am Projekt "selbständige Schule" teilgenommen haben.

Sechs Jahre lang konnten diese Schulen eigenständig Personalentscheidungen treffen. Sie durften sich Lehrerstellen ganz oder teilweise auszahlen lassen, um das Geld in Projekte zu stecken oder Unterbesetzungen mit befristetem Personal nach eigener Wahl auszugleichen. Es blieb ihnen überlassen, ob sie freie Finanzmittel für Lehrkräfte, externe Berater oder neue Computer nutzen sollte. Aus einem eigenen Innovationsfonds für alle beteiligten Schulen der Region gab es Geld für die Fortbildung der Lehrerschaft. Gemeinsam mit dem Kollegium konnte Nagels Schwerpunkte und neue Konzepte für den Unterricht entwickeln.

Kreativität ist nicht immer gefragt

"Der große Vorteil war, dass wir nun Transparenz und Kontrolle über unsere Kosten hatten und ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen", sagt Rolf Nagels. Erstmals bekam der Direktor von der Schulbehörde monatliche Aufstellungen über die Sollstunden seiner Schule und die tatsächlich geleisteten Lehrstunden. "Auf der ersten Abrechnung wurden Lehrer als aktiv aufgeführt, die seit Jahren in Pension waren", erinnert sich Nagels.

"Ich bin seit über 35 Jahren Lehrer, davon 22 Jahre in der Schulleitung", sagt Rolf Nagels, "ich habe kein Reformvorhaben erlebt, das so viel positive Veränderung und Bewegung in die Schule gebracht hat." Er und seine Kollegen hätten endlich das Gefühl gehabt, tatsächlich etwas entscheiden und beeinflussen zu können.

Auch ohne das Projekt gehörte das Gymnasium in den vergangenen Jahren nicht zu den Lehranstalten, die nur Schulbetrieb nach Vorschrift exekutierten. Nagels ist Rheinländer und nutzt mit Erfolg die wenigen Spielräume nach den Regeln des rheinischen Katholizismus, um die Attraktivität seiner Schule zu steigern - was nicht ausdrücklich verboten ist, gilt als erlaubt. Als er vor neun Jahren sein Amt antrat, hatte die Schule noch 690 Schüler. Heute sind es 850.

Seit sechs Jahren können Schüler, die Chemie als Leistungskurs gewählt haben, in der Oberstufe in Kooperation mit Bayer zugleich einen Berufsabschluss als chemisch-technischer Assistent erwerben. Damit jedes Jahr auch Leistungskurse in Chemie und Physik angeboten werden können und nicht an einer zu geringen Teilnehmerzahl scheitern, bilden Nagels' Schule und das benachbarte Gymnasium Fabritianum ihre Schüler in diesen Fächern in gemeinsamen Leistungskursen aus.

Aber kreatives Management einer Schule in der deutschen Bildungsplanwirtschaft ist ein mühsames Geschäft. In den englischen und amerikanischen Partnerschulen des Gymnasiums gehört es zur Normalität, dass Schulen nicht nur Lehrer, sondern nach Bedarf auch Psychologen, Sozialarbeiter oder Techniker beschäftigen können.

Nagels musste sich monatelang durch die Schulbehörden kämpfen, um auf Kosten einer Lehrerstelle einen Techniker einstellen zu dürfen. Die Schule hat mittlerweile über hundert PC und Laptops, die in ein drahtloses Netzwerk eingebunden sind, und einen Softwarebestand wie ein mittelständisches Unternehmen; eine teure Ausrüstung, die ohne professionelle Pflege wertlos ist. Doch die deutschen Schulverordnungen sind noch nicht im Internet-Zeitalter angekommen.

Autonomie light

Das Projekt "selbständige Schule" ist im Sommer ausgelaufen, die CDU-Regierung nennt die Konsequenzen aus dem ungeliebten Kind der rot-grünen Vorgänger "eigenverantwortliche Schule". "Das ist bestenfalls eine Light-Version", sagt Rolf Nagels. Nach sechs Jahren ist ihm die Disziplinarhoheit über die Lehrerschaft geblieben, nicht viel mehr.

Schulleiter Nagels: Ende eines vielversprechenden Projekts
Rolf Nagels

Schulleiter Nagels: Ende eines vielversprechenden Projekts

Von einem Tag auf den anderen gab es keine Übersicht mehr über die Zahlen der Lehrerstunden, das angekündigte Ersatzprogramm "Schips" funktioniert bis heute noch nicht. Das Land hat sich aus dem Innovationsfonds zurückgezogen. Für die Studienfahrten von 850 Schülern und 68 Lehrern verfügt der Schuldirektor über einen genehmigten Jahresetat von 690 Euro.

In Düsseldorf war er im Juni als Experte zur Anhörung des Landtagsausschuss für Schule und Weiterbildung zum "Gesetz zur Stärkung der Eigenverantwortung von Schulen - 3. Schuländerungsgesetz" eingeladen. Rolf Nagels hat über seine Erfahrungen der letzten sechs Jahre berichtet. Er hat für mehr Selbständigkeit und Freiheit der Schulen geworben. Nagels hat den Parlamentariern auch gesagt, was er von dem Gesetzentwurf hält: "Ich kann keiner Schule empfehlen, auf dieser Grundlage mehr Eigenverantwortlichkeit anzustreben."


"Die Schul(d)frage": Um den Fachkräftenotstand in der Industrie zu mildern, wollen die Parteien das angeschlagene Ausbildungssystem reformieren - die wahren Probleme tasten sie jedoch nicht an. Lesen Sie im aktuellen SPIEGEL, um welche drängenden Fragen sich die Politik drückt.

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