KMK-Chef Dorgerloh "Wenn das Elternhaus ausfällt, müssen Schulen Anregungen bieten"

Sozial abgehängte Kinder sind die größte Herausforderung für die Bildungspolitik. Sozialdemokraten wie KMK-Chef Stephan Dorgerloh setzen darum auf staatliche Erziehung, falls die Familie versagt. Im Interview erklärt er, warum sich der Bund an den Kosten der Schulen beteiligen sollte.
Lernort Familie: Sorgenkinder wohnen in "Familien, wo der Flachbildschirm bereits früh läuft", sagt Minister Dorgerloh (SPD)

Lernort Familie: Sorgenkinder wohnen in "Familien, wo der Flachbildschirm bereits früh läuft", sagt Minister Dorgerloh (SPD)

Foto: Angelika Warmuth/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Derzeit sprechen Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen auch über die künftige Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Mit welchem möglichen Ergebnis?

Dorgerloh: Ich denke, dass wir einen neuen Anlauf zur Kooperation zwischen Bund und Ländern in der Bildungspolitik brauchen. Entweder müssen wir dazu das Kooperationsverbot im Grundgesetz aufheben, oder wir bekommen das unterhalb einer Grundgesetzänderung hin. Das strikte Verbot, das 2006 festgeschrieben worden ist, gilt längst als großer Fehler. Jetzt haben wir die Chance, das zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich einige ihrer Ressortkollegen in den Kultusministerien der Bundesländer so schwer damit, Geld vom Bund zu nehmen, um die Schulen zu verbessern?

Dorgerloh: Es geht nicht darum, dass die Länder dringend benötigtes Geld ablehnen. Es ist nur folgerichtig, wenn sich der Bund finanziell an Verpflichtungen beteiligte, die er selbst eingegangen ist, etwa durch die Inklusion behinderter Schüler in die Regelschulen laut Uno-Konvention. Auf den Kosten für barrierefreie Schulen oder die Ganztagsbetreuung bleiben jedoch Länder und Kommunen sitzen. Es kann auch nicht sein, dass der Bund einen Bruchteil der Gesamtkosten übernimmt, aber dann vor Ort alles entscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Schulstudien bescheinigen Deutschland immer wieder, dass hierzulande der Lernerfolg stark von der sozialen Herkunft abhängt. Woran liegt das?

Dorgerloh: Früher sprach die Politik immer vom katholischen Mädchen vom Lande, dem man zu höherer Bildung verhelfen müsse. Mittlerweile bestehen die Herausforderungen bei Migrantenfamilien in den westdeutschen Großstädten und bei bildungsfernen Schichten in ländlichen Kleinstädten in Ostdeutschland, wo die Bevölkerung schrumpft. Um diese Gruppen müssen wir uns verstärkt kümmern.

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SPIEGEL ONLINE: Sozialdemokratische Bildungspolitik will die Chancengerechtigkeit fördern. Wie erhalten benachteiligte gesellschaftliche Gruppen die Chance, sich durch Bildung emporzuarbeiten?

Dorgerloh: Entscheidend ist, dass sie in möglichst jungem Alter Zugang zu Bildung erhalten. Wir haben zum Beispiel in Sachsen-Anhalt jüngst ein Kinderförderungsgesetz verabschiedet, wonach auch arbeitslose Eltern und Hartz-IV-Bezieher Anspruch auf Ganztagsbetreuung für ihre Kinder haben. Früher galt das nur für einen Halbtagsplatz. Wenn dann diverse Förderangebote starteten, waren die Kinder, für die zusätzliche Angebote besonders wichtig sind, nicht mehr in der Kindertagesstätte. Auch das längere gemeinsame Lernen und Ganztagsangebote in der Schule können hier Hilfestellung bieten. Solange wir aber sehr früh nach Schulabschlüssen trennen, haben Kinder, die nicht aus Akademikerfamilien kommen, weit weniger Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Kinder fördern, indem Sie sie möglichst lange aus den Familien fernhalten?

Dorgerloh: Wie wollen Sie denn die Kinder, denen nie vorgelesen wird oder die kaum mit ihren Eltern singen, wo nicht Deutsch gesprochen wird oder wo der Flachbildschirm bereits früh läuft, anders fördern? Das Elternhaus ist für die frühkindliche Bildung ein zentraler Bildungsort, bei dem es auch um Beziehungen, Fantasie, Identität und Kreativität geht. Gerade wenn das Elternhaus ausfällt, müssen eben Kindergärten und Schulen solche Anregungen bieten. Wir erleben auch immer mehr Eltern, die schon deshalb überfordert sind, weil sie selbst nicht mehr gelernt haben, wie Familie funktioniert. Und Migrantenfamilien freuen sich über Unterstützung ihrer Kinder beim Sprachenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht utopisch, Herkunftsunterschiede durch Bildung ausgleichen zu wollen?

Dorgerloh: Es ist wünschenswert - auch volkswirtschaftlich. So liegt in der Bundesrepublik der Anteil an Förderschülern etwa doppelt so hoch wie im übrigen Europa. Diese Kinder und Jugendlichen verlassen die Schule in der Regel ohne Abschluss, sie haben geringe Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt. Hier müssen wir ansetzen, weil kein Kind es verdient hat, dass wir sein Potential nicht ausreizen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang halten nur einzelne Bundesländer wie Bayern bei internationalen Schulvergleichen ganz oben mit, in Mathematik und Naturwissenschaften die ostdeutschen Bundesländer. Wie können die deutschen Schulen besser werden?

Dorgerloh: Eine Daten- und Lernstofforientierung wie in Singapur oder China wäre hierzulande kaum vermittelbar, da würden die Eltern und die Lehrerverbände auf die Barrikaden gehen. Und wünschenswert wäre es auch nicht. Die Freude am Lernen muss erhalten bleiben. Ich warne davor, aus nationalen oder internationalen Ranglisten voreilig einfache Schlüsse zu ziehen. Wir müssen gründlich analysieren, was schulischen Erfolg ausmacht und dann behutsam in unserem Schulsystem reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern so groß?

Dorgerloh: Es gibt ja nicht nur Unterschiede zwischen den Bundesländern, auch innerhalb eines Landes oder selbst innerhalb einer Stadt variieren die Voraussetzungen. Zudem ist Schule nun einmal durch regionale Traditionen geprägt - im Osten regt sich beispielsweise niemand über das achtjährige Gymnasium auf. Die Kultusministerkonferenz muss Beschlüsse für mehr Vergleichbarkeit einstimmig fällen, das ist eine relativ hohe Hürde. Aber seit den ersten Pisa-Tests haben die Kultusminister viele Reformen auf den Weg gebracht: gemeinsame Bildungsstandards für Grundschule und Sekundarstufe, gemeinsame Abituraufgaben. Das sind doch Riesenschritte zu einer stärkeren Vergleichbarkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen als amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) einer Institution vor, die den Ruf hat, ein großes Bremser-Gremium zu sein. Zu Recht?

Dorgerloh: Entgegen ihrem Image blockiert die KMK in der Bildungspolitik nicht. Die Zeit der alten ideologischen Grabenkämpfe um Gymnasium oder Gesamtschule ist weitgehend vorbei, mittlerweile geht es den Bundesländern um pragmatische Bildungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Kultusminister besser machen?

Dorgerloh: In den Jahren nach dem Pisa-Schock kamen viele Anstöße von außen, nun sollten wir selbst eine Agenda identifizieren und diese zielgerichtet verfolgen. Zum Beispiel, indem wir uns für vergleichbare Schulabschlüsse einsetzen und die Lehrerausbildung weiter verbessern. Es ist doch fragwürdig, dass der Hauptschullehrer fachlich und didaktisch weniger gut ausgebildet wird als der Gymnasiallehrer. Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, dass die schwächeren Schüler meist nicht die am besten ausgebildeten Lehrer bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es umgekehrt gerechter?

Dorgerloh: Es wäre schon einmal ein Fortschritt, wenn Lehrer in unterschiedlichen Schulformen unterrichten dürften. Allerdings vermuten manche Kritiker dahinter gleich die Abschaffung des Gymnasiums. Sie warnen vor dem Einheitslehrer, das klingt nach Einheitsschule und Einheitspartei. Aber darum geht es gar nicht. Im Mittelpunkt muss die optimale Förderung der Schülerinnen und Schüler stehen, weil davon letztlich alle profitieren.

Das Interview führten Jan Friedmann und Christoph Titz
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