Schrille Schulranzen Die Plage der Einhörner

Feen, Bagger, Einhörner: Schulranzen appellieren an den Geschmack von Kleinkindern. Ein Berliner Elternpaar fand die gängigen Tornister teuer und hässlich - und näht seitdem das Gegenmodell selbst.

Kundschafter/Arp Dinkelaker

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"Als wir anfingen, hieß es, wir seien Spinner", sagt Arp Dinkelaker und nimmt einen tintenblauen Ranzen mit metallenen Schnappverschlüssen aus dem Regal. "Nur weil wir Ranzen ohne Motive machen." Die eckigen Modelle, die seinem Laden mit Atelier in einer Seitenstraße in Berlin-Mitte herumstehen, wirken wie aus der Zeit gefallen: Sie sind rot, blau, dunkelblau, grün, lila. Keine Delfine, keine Einhörner, keine Bagger, kein Muster, nirgends.

"Kundschafter" heißt der schlichte Retro-Ranzen, den Dinkelaker und seine Frau Ilka Koss vor fast zehn Jahren entworfen haben. Dieses Jahr wollen sie 500 Stück verkaufen, so viele wie noch nie zuvor. Alles ist Handarbeit, genäht auf alten Industrie-Nähmaschinen mit Faden in leuchtendem Orange. "Wir sind eine ganz kleine Butze", sagt Dinkelaker und deutet auf die paar Stoffballen, die Regale, die Maschinen. "Wir produzieren lieber selbst. Das ist gut für den ökologischen Fußabdruck."

Die Berliner Stücke erinnern an die Zeit, als Leder-Tornister in Deutschland erstmals von Kunststoffmodellen abgelöst wurden. 40 Jahre ist es her, dass Scout, die Marke des Herstellers Sternjakob aus dem pfälzischen Frankenthal, erstmals eine dieser leichten Varianten mit reflektierendem Material auf den Markt brachte und damit die Schulranzenkultur veränderte.

Nach einfarbigen Stücken sucht man jedoch bei Scout und Co. vergebens. "Das sind Exoten", sagt Wolfgang Braun, Produktmanager bei Sternjakob. "Wir hatten vor zehn Jahren eine unifarbene Serie, aber die ist gefloppt." Puristen unter den Eltern können aber mit einem Online-Tool einen individuellen Scout-Ranzen basteln.

Teuer und hässlich

Eine Orientierung, was ein "guter" Ranzen sein soll, liefert eine eigene Norm, entwickelt von den Herstellern. Laut DIN 58124 müssen etwa 20 Prozent der Ranzenfläche aus reflektierendem Material sein, er sollte zehn bis 13 Prozent des Gewichts des Kindes wiegen. Doch jede Marke setzt andere Prioritäten, die DIN gehört nicht automatisch dazu. Ein Lederranzen hat schließlich gar keine Leuchtstreifen. Den Machern der erzgebirgischen Marke "Aruzzi Taugo" etwa, deren über 200 Euro teuren Schultaschen ein wenig an die 1950er erinnern, ist am wichtigsten, dass ihre Produkte aus Bioleder sind, pflanzlich gegerbt und alles absolut chromfrei.

"Kundschafter" entstand kurz vor der Einschulung des Ältesten, als die beiden Architekten frustriert feststellten: Die Modelle, die es gab, fanden sie teuer und hässlich. "Wir haben unseren Sohn gefragt, wie er sich seinen Ranzen vorstellt und ihm einen genäht", sagt Dinkelaker. Hauptsache, Grün und Orange - damals waren das die Trikotfarben von Werder Bremen." Weil auf dem Schulhof gleich viele Nachfragen kamen, war klar: Das ist eine Marktlücke.

Die Formen spiegeln die aktuelle Bildungspolitik, passen sich an Schulmittagessen und Ganztag an. "Wir beobachten, was auf den Schulhöfen los ist", sagt Wolfgang Braun über den Prozess, neue Produkte zu entwickeln. "Ganztagsschüler müssen weniger in die Schule mitnehmen, sie lassen alles da" - Extra-Fächer am Schulranzen werden da überflüssig.

Doch am Ende zählt nur eines: Die Schüler sollen gerne in die Schule gehen. "Kinder identifizieren sich mit ihren Ranzen", sagt Arp Dinkelaker. Kompliziert wird das Thema, weil verspielte Kindergartenkinder einen anderen Geschmack haben als Drittklässler. Je nach Hersteller kostet ein Ranzen zwischen 150 und 200 Euro, einer sollte für die Grundschule reichen. Im Schnitt blättern Eltern 238 Euro vor der ersten Klasse hin, so eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung vor zwei Jahren - für Schulranzen, Federmappe, Stifte, Hefte.

Eltern, die fürchten, dass der Sohn das Baggermuster bald peinlich findet, sollten strategisch vorgehen und die Auswahl limitieren. Scout-Mann Braun sagt: "Entweder die Eltern bleiben hart oder sie kaufen in der dritten, vierten Klasse ein Nachfolgebehältnis. Das wären dann aber eher Schulrucksäcke, die schon für die weiterführende Schule gedacht sind."

Dinkelaker und Braun selbst gehören übrigens noch zur Generation, die mit Lederranzen auf dem Rücken in die erste Klasse marschierten und diesen noch in der Uni nutzten. Ohne die Tragegurte natürlich. Das wird das rosa Einhorn-Modell sicher nie erleben.



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