Rechtsstreit mit der Schule "Oft geht es um die Eitelkeiten der Eltern"

Die Tochter kriegt in Deutsch eine Sechs - und natürlich ist die Schule schuld. Wann sich eine Klage lohnt, erklärt Rechtsexperte Thomas Böhm im Interview.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Böhm, Sie sind Spezialist für Schulrecht. Wann würden Sie die Schule Ihres Kindes verklagen?

Böhm: Ich würde sehr genau abwägen. Es sollte um wirklich wichtige Dinge gehen, einen Schulverweis oder eine Versetzung etwa. Wenn ich dann die Begründung der Schulleitung auch noch für unplausibel halte, würde ich eine Klage in Betracht ziehen. Am wichtigsten ist aber, dass es tatsächlich um eine rechtliche Angelegenheit geht.

Zur Person
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    Thomas Böhm, studierte Rechtswissenschaft, Anglistik und Pädagogik für das Lehramt Sekundarstufe zwei in Bonn und Bochum. Er ist als Dozent für Schulrecht und Rechtskunde am Institut für Lehrerfortbildung in Essen-Werden tätig, leitet Fortbildungen für Lehrer, qualifiziert Schulleiter für ihre Tätigkeit und führt bundesweite Seminare durch. Er ist Gründungsherausgeber der Zeitschrift "SchulRecht" sowie Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Schulrecht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es um eine einzelne Note geht, raten Sie also von einer Klage ab?

Böhm: Rechtsmittel ergeben nur Sinn, wenn es sich um eine Rechtsfrage handelt. Ein Beispiel: Wenn ein Lehrer eine Klassenarbeit meines Kindes nicht in die Halbjahresnote einrechnet, dann ist das rechtswidrig. Dagegen kann ich also mit rechtlichen Mitteln vorgehen. Wie der Lehrer diese Arbeit aber beurteilt hat, lässt sich nicht anfechten. Wenn ich als Vater etwa finde, er hat zu wenige Punkte vergeben, ist das eine pädagogische Einschätzung. Kein Grund für eine Klage.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen viele Eltern wahrscheinlich anders.

Böhm: Bei dem Thema sind viele Emotionen im Spiel. Das ist ganz normal, wenn es um das eigene Kind geht. Manchmal fragt man sich aber schon: Wer macht denn so was? In so einem Fall gelingt es selbst Anwälten nicht, Eltern klarzumachen, dass eine Klage keine Erfolgsaussichten hat. Wie in dem Fall einer Schülerin, die ihren Abschluss wegen zu vieler Fehlstunden nicht geschafft hatte. Ihre Eltern klagten auf Schadensersatz gegen einen Lehrer, der die Tochter vor längerer Zeit des Unterrichts verwiesen hatte - wegen dieser emotionalen Beeinträchtigung sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, regelmäßig den Unterricht zu besuchen, so die Argumentation der Eltern. Sie haben das Verfahren natürlich verloren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Fälle, in denen sich eine Klage eindeutig lohnt?

Böhm: Natürlich. Wenn die Schule einen klaren Rechtsbruch begangen hat, dann sollte ich dagegen vorgehen. Wenn also mein Kind seine Versetzung nicht geschafft hat und sich herausstellt, dass die Versetzungskonferenz gar nicht in Betracht gezogen hat, eine schlechte Note durch eine andere auszugleichen. Schlechter Unterricht oder ungerechte Behandlung dagegen sind keine Rechtsprobleme. Einige Eltern haben da ihre elterlichen Aufgaben meiner Meinung nach nicht ganz verstanden.

Preisabfragezeitpunkt:
19.06.2019, 14:43 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL ONLINE: Was verstehen diese Eltern falsch?

Böhm: Es geht da um die Grundeinstellung. Der elterliche Auftrag ist, in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Schule das Beste für das Kind zu erreichen. Und nicht, vorrangig nach rechtlichen Ansprüchen zu suchen. Konflikte gibt es immer, das ist klar, wenn ein Kind zwölf oder dreizehn Jahre lang zur Schule geht. Die Frage ist, wie ich als Elternteil damit umgehe. Oftmals nutzen Eltern den Konflikt mit dem Lehrer als Schauplatz. Sie haben das Gefühl, sich mehr um das Kind kümmern zu müssen, es fehlt ihnen aber die Zeit dafür. In diesem Moment wollen sie beweisen, wie sehr sie sich für ihre Tochter oder ihren Sohn engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Emotionen der Eltern sind also das eigentliche Problem?

Böhm: Bei rechtlichen Auseinandersetzungen geht es oft auch um die Eitelkeiten der Eltern, ja. Wer eine Klage in Betracht zieht, sollte so sachlich wie möglich die eigenen Beweggründe klären und sich die Frage stellen: Geht es hier wirklich um das Wohl meines Kindes? Oder nur darum, meine eigenen Ziele durchzusetzen? Das eigene Kind ist da übrigens häufig ein hilfreiches Korrektiv. Ein Unterrichtsausschluss kann für die Eltern ein Drama sein. Das betroffene Kind sieht die Sache mitunter deutlich entspannter - und findet vielleicht sogar, dass die Schule mit der Strafe nicht ganz Unrecht hat.



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MisterD 19.06.2019
1. Ich hab in Deutsch mal ne 6 geschrieben...
es war die Analyse eines Gedichtes in Klasse 8. Ich hatte das meines Erachtens toll interpretiert, machte alles Sinn. Leider hat der Lehrer mit seiner Standardinterpretation das anders gesehen und hatte so gar keinen Sinn für Kreativität. Schade... Meine Mutter hat sich das durchgelesen, mit den Schultern gezuckt und gesagt "Naja, es kommen ja noch 3 Klassenarbeiten, die müssen dann besser laufen..." Heute würden manche Eltern vermutlich sofort die Nummer vom Rechtsanwalt wählen... Ich nicht. Bei meiner Tochter werde ich es ähnlich handhaben, sofern es, wie im Interview gesagt, nicht um die Versetzung oder den Abschluss geht. Wobei... wenn der Abschluss an einer 6 in Deutsch scheitert, dann lagen die Probleme wohl doch eher vielschichtiger... Für schlechte Noten ist man zu 99% selbst verantwortlich. Und das 1% muss man hinnehmen, denn auch im späteren Leben wird es diese unfairen Momente geben. Das sollte man besser schon in der Schule lernen. Allgemein wird den Kindern damit etwas sehr Verkehrtes beigebracht: "Schuld ist immer der Andere, ich selbst mache nie was falsch..." Wer das in seinen extremsten Auswüchsen beobachten möchte, dem kann ich sehr empfehlen mal ein paar Wochen in China zu arbeiten. Da ist heute schon brandaktuell, worüber wir noch diskutieren. Einzelkinder, die in ihrem Leben nie Misserfolge hatten und dann mit Leitungsaufgaben betraut werden, wo nicht immer alles zu 100% glatt läuft... oh weia sage ich Ihnen, da kommt was auf uns zu...
ThomasS79 19.06.2019
2. Schwierig...
Ich erinnere mich an meine Abi-Zeit 1996. Ich habe Geografie immer gemocht und war sehr interessiert, belegte den Grundkurs in Klasse 11. Die Lehrerin, Frau L., mochte mich aber nicht. Ich konnte machen und schreiben was ich wollte, ich bekam 0 Punkte... ja ständig NULL Punkte! In beiden Halbjahren! Ich kann mich an Diskussionen und inhaltliche Vergleiche nach Klausuren erinnern, die einfach irrational und nicht rechtens waren. Zum Direktor oder gar juristische Schritte zog ich oder meine Eltern damals (warum auch immer) gar nicht in Erwägung! Zum Glück konnte ich die zwei Halbjahre aus der Wertung nehmen, musste dafür aber Gemeinschaftskunde zwangsläufig komplett in die Wertung einbringen, was mir deutlich schlechter lag. Die Konsequenzen waren somit überschaubar und in der Ausprägung auch eher psychologischer Natur. Ich habe seitdem nie wieder Zugang zu Themen der Geografie gesucht, von Städtebausimulationen mal abgesehen, die ich bis heute gelegentlich spiele. Noch während des Studiums dachte ich häufig an diese Sache, auch, dass ich trotz keiner Fehlstunden mir das ganze Jahr Geografieunterricht eigentlich hätte schenken können, mit dem gleichen Ergebnis! Ich habe die Lehrerin bis heute als negativste Erfahrung in meinem schulischen Erleben mit Obrigkeiten in Erinnerung - ob ich deshalb für mein Kind klagen würde? Eher nicht, das Leben ist nicht immer fair - und wenn ich Frau L. eine Lektion zu verdanken habe, dann diese! Ein Blume lege ich ihr dafür aber nicht aufs Grab!
zausi 19.06.2019
3. Lehrer sind definitiv nicht unvoreingenommen..
Das habe ich in meiner und meines Kindes Schulzeit beobachten und erleben können. Sie spielen sehr wohl ihre Macht über die Noten Vergabe aus. Des weiteren gehen ein sehr großer Teil nicht auf lehrn Defizite der Schüler ein wegen dem sehr streng gehaltenen Lehrplan weil immer mehr in immer weniger Zeit in das Kind eingeprügelt werden soll, ganz im Stile Chinas. Fehlt nur noch die wieder Einführung der Körperlichen Züchtigung. Auch das Schulsystem muss Wirtschaftlich gehalten werden in punkto Arbeiter züchten, denn ohne diese wären die gut betuchten sehr arm dran, weil sie nicht mal gerade einen Nagel in die Wand schlagen können ohne erst eine Anleitung zu studieren.....
TS_Alien 19.06.2019
4.
Die entscheidende Frage ist, was "sich lohnt" bedeutet? Es gibt "Eltern", die sich ein ganzes Schuljahr nicht um ihren Nachwuchs kümmern, aber am Ende aktiv werden, wenn die Versetzung nicht erreicht ist und auch eine Nachprüfung versagt wird. Als mittlerweile gestählter Klassenlehrer berate ich auch solche "Eltern". Leidenschaftslos. Aber korrekt. Zum Wohle des Kindes ist das selten. Es gibt durchaus Gründe, gegen die Entscheidungen der Klassenkonferenz vorzugehen, weil die Lehrer "nur" die Noten und die "Leistungen" des Kindes sehen. Dann wird oftmals eine von der Klassenkonferenz getroffene Entscheidung zurückgenommen. Weil das Ministerium die Rechtslage sieht, ohne den Schüler zu kennen. Schließlich geht es ja "nur" um eine Nachprüfung. An der profunden Einschätzung der Lehrer hat sich nichts geändert. Nur ganz selten bin ich auf der Seite der Eltern. So oder so. Dann haben wir in den meisten Fällen den nächsten Schüler, der bereits in der Mittelstufe weniger Dreien im Zeugnis hat als er später an Leistungskursen belegen muss. Frust und Hass und Zukunftsangst des Schülers inklusive. Jahrelang. "Hurra". Die Lehrer haben rechtlich nichts falsch gemacht. Auch die Eltern nicht. Juristisch. Um juristische Fragen geht es aber nicht. Es geht um das Wohl des Kindes.
spellbound 20.06.2019
5. Damals...
5. Klasse Bio: wir machten als Bonus-Arbeit außerhalb der Schulzeit zu zweit über mehrere Wochen ein Projekt zur alkoholischen Gärung: Note 5, weil wir das Ganze nicht in korrekten chemischen Formeln abgebildet hatten (Chemie hatten wir dann erstmals in der 10. Klasse) Selber Lehrer, 6. Klasse: Ausfragen mit so Knallerfragen wie "Warum haben wir Blut und kein Benzin in den Adern?" "Äh...wegen der Blutkörperchen?" "Nein, weil wir sonst explodieren würden. Setzen, Sechs" 10. Klasse Mathe: Schulaufgaben immer Dreien und Vieren, im Zeugnis eine 5, weil mir der Lehrer ohne mich einmal abgefragt zu haben, soviele mündliche Sechsen gegeben hatte, dass ich final auf 4,6 stand. Heute würden die Eltern vermutlich klagen, bis sich die Balken biegen. Damals gab´s für den Blut-Sechser, das Fünfer-Projekt und die Fünf im Zeugnis eins drauf, da die Autorität des Lehrers niemals angezweifelt wurde. Hat´s geschadet? Damals auf alle Fälle. Wir lernten, dass Engagement nicht belohnt wird, dass der Schwächere immer chancenlos bleibt, dass es nicht fair zugeht und dass sich die Eltern niemals hinter die Kinder sondern immer hinter vermeintlich Autoritäten stellten. Dass man aufstehen und sich wehren kann, lernten die meisten von uns erst sehr spät. Aber vielleicht hat gerade das dazu geführt, dass wir wissen, wie wichtig ist es ist, etwas zu tun und dass einem nichts geschenkt wird.
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