Schulspender mit SS-Vergangenheit Zank um Beisheims Zaster

Am idyllischen Tegernsee geht es wegen einer Großspende hoch her: Kommunalpolitiker beschimpfen Lehrer, am örtlichen Gymnasium tragen Schüler Transparente über den Hof. Die Kontrahenten streiten über Geld und Moral - und sogar Ungeborene müssen als Argument herhalten.


Herbert Hahn ist ein Lehrer, wie ihn sich Eltern für ihre Kinder wünschen. Im Unterricht verlangt er viel, aber er gilt als fair. Eine Respektsperson. Viele Schüler mögen den humorvollen Bayern. Seit fast 30 Jahren unterrichtet Hahn, 60, am Gymnasium Tegernsee.

Beinahe-Spender Beisheim: Streit um zehn Millionen
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Beinahe-Spender Beisheim: Streit um zehn Millionen

Tausende Schüler hat er zum Abitur gepaukt. Immer noch geht er gern in das ehemalige Dominikanerkloster, das er liebevoll "meine Schule" nennt. "Wir sind wahrscheinlich die schönste Schule Deutschlands", sagt Anna Stadler, 18, die hier im Frühjahr Abitur machen will. Doch nun brodelt es in der Voralpenidylle 50 Kilometer südlich von München.

Die Bürgermeister der fünf Gemeinden im Tegernseer Tal haben zum Kampf gegen einen "Großteil der Lehrerschaft" aufgerufen. Leser der lokalen "Tegernseer Zeitung" formulieren Hasstiraden gegen "Volksschädlinge" wie Hahn. Er und andere "selbstgerechte Personen", forderten die Kommunalpolitiker, sollten benannt werden und "schnellstmöglich um Versetzung" an ein anderes Gymnasium bitten.

Hetzjagd auf kritische Lehrer

Was wie ein Aufruf zur Selbstjustiz in Folge eines Kapitalverbrechens klingt, ist eine regionalspezifische Art, auf demokratische Umgangsformen zu reagieren. Denn Hahn und seine Kollegen haben nichts anderes getan, als Fragen zu stellen - Fragen an ein Verfahren und an einen Entscheidungsprozess, den "wohl niemand demokratisch nennen" (Hahn) würde.

Auslöser für das Kesseltreiben war ein Millionengeschenk, das der Spender den Beschenkten genauso unvermittelt wieder wegnahm, wie er es versprochen hatte. Zehn Millionen Euro wollte der Milliardär Otto Beisheim, 81, Gründer des Metrokonzerns mit Zweitwohnsitz im Bilderbuchtal, dem Gymnasium Tegernsee vermachen. Dafür sollte sich die ehrwürdige Lehranstalt nach ihrem Gönner nennen.

In Frage gestellt wurde die Umbenennung allerdings durch die Vergangenheit des Namenspatrons im Zweiten Weltkrieg: Beisheim gehörte als 18-Jähriger der "1. SS Panzerdivision Leibstandarte Adolf Hitler" an.

Was wie ein Schildbürgerstreich oder eine neue Episode aus Helmut Dietls ewig gültiger Bayernkomödie "Kir Royal" aussieht, offenbart bei näherer Betrachtung eine politische Kultur, bei der einen "das kalte Grausen" (Süddeutsche Zeitung) überkommt.

Seither ist es in der Idylle für kritische Geister recht ungemütlich geworden. In Bayern müssen eigentlich Lehrer, Eltern und Schüler der Umbenennung einer Schule zustimmen - doch darauf wollten die Kommunalpolitiker nicht warten.

Beisheim wurde Ehrenbürger im Tegerntal

Mit einem Festakt während der Sommerferien riefen Kultusministerium, Landrat und Bürgermeister das "Professor Beisheim Gymnasiums Tegernsee" ins Leben - ein Institut, das es bis heute nicht gibt. Ende Oktober stand der "Bau zweier Leuchttafeln Prof. Otto Beisheim Gymnasium" bereits auf der Tagesordnung des Tegernseer Stadtrats. Beisheim wurde flugs zum ersten Ehrenbürger des Tegernseer Tals ernannt.

Obwohl sie derart dreist übergangen worden waren, stimmten die Gremien dem Deal nächträglich zu, "zähneknirschend", sagt Lehrer Hahn, "wer läßt sich schon gern so plump erpressen". Doch die Diskussion um das Geschäft Geld gegen Gunst ließ sich nicht mehr unterdrücken.

Weil die Pädagogen forderten, dass Kultusministerium und Stiftung die Unbescholtenheit Beisheims bestätigen sollten, entzog der Wohltäter seinen Schützlingen Fürsorglichkeit und Geld - "ein rabenschwarzer Tag für den ganzen Landkreis", lamentierte Landrat Norbert Kerkel (Freie Wähler).

Der Tegernseer Rathauschef Peter Janssen (SPD) besetzte mit 200 Eltern die Aula des Gymnasiums, um die Pädagogen zu stellen, die, so Beisheims Stiftungsverwalter Erich Greipl, die Vita des Mäzens "in den Dreck gezogen" hätten.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel beklagte dagegen mangelnde "Transparenz und demokratische Beteiligung". Mütter und Väter, die sich mit den Lehrern solidarisierten, fühlten sich bedrängt und verließen den Elternbeirat. In der Heimatzeitung riefen sie auf zu "Meinungsfreiheit und Demokratie auch im Tegernseer Tal".

Postkarten an "Opa Beisheim"

Dabei ist die Diskussion um Beisheim nicht neu. Seit jeher macht der betagte Unternehmer seine Großzügigkeit davon abhängig, dass die Begünstigten sich jede Dikussion seiner Vita und seiner Werte ("Geiz ist geil") verkneifen. Die TU Dresden, die Wirtschaftshochschule WHU - Otto Beisheim School of Management in Koblenz-Vallendar und der Golfclub in Bad Wiessee sackten das Geld ein. Eine Musikschule im Tegernseer Tal konnte hingegen ebenso wenig entstehen wie ein Eisstadion und eine Mehrzweckhalle, nachdem lästige Fragen die Projekte behindert hatten.

Von Unterstützern wird der Schweizer Steuerbürger in Abwesenheit mit Ergebenheitsadressen überhäuft. Schülervertreter sammelten Unterschriften, Luftballons mit Briefchen an den "lieben Opa Beisheim" wurden losgelassen. Und als Vertreter von "denen, die noch gar nicht geboren sind" demonstrierten Schüler, Eltern, Landrat und die Bürgermeister, "dass wir hinter Beisheim stehen".

Wem derart gunstgewerbliches Verhalten zuwider ist, der fühlt sich derzeit ziemlich unbehaglich im Tal. Zur Verwirrung tragen zusätzlich Gerüchte bei, nicht Beisheim selbst habe die Umbenennung gefordert, sondern verschiedene Kommunalpolitiker hätten ihm die Patronage angetragen.

Lehrer Hahn verweist auf den Wertekanon des Gymnasiums. Danach soll im Unterricht ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, "dass Demokratie wir alle sind" und das Wissen "um die Vergangenheit notwendig für ein verantwortliches Handeln in der Gegenwart" ist. "Dafür", sagt der Vater von drei Kindern, "haben wir ja nun ein prima Beispiel gegeben."



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