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19. September 2012, 17:56 Uhr

Schulexperiment

Ein bisschen Regelschule, ein bisschen Waldorf

Von Heike Sonnberger

Deutschlandpremiere in Hamburg? Ab 2014 sollen Lehrer einer staatlichen Grundschule auch nach Prinzipien der Waldorfpädagogik unterrichten dürfen. Die Waldorfgemeinde ist euphorisch, die Schulbehörde hofft auf eine bessere soziale Durchmischung der Schule im Brennpunktviertel Wilhelmsburg.

Die Stadt Hamburg plant eine kleine Bildungsrevolution: In einer Grundschule im Stadtteil Wilhelmsburg sollen ab dem Schuljahr 2014/2015 Lehrer der alternativen Waldorfpädagogik gemeinsam mit staatlich ausgebildeten Lehrern unterrichten. Das teilte die Hamburger Schulbehörde am Mittwoch mit.

Ziel sei es, "bildungsbeflissene Familien, die mehr und mehr in den aufstrebenden Stadtteil ziehen, an diesen Schulstandort zu binden und eine soziale Separierung zu verhindern", sagte Behördensprecher Peter Albrecht. Die Initiative Interkulturelle Waldorfschule feiert die Pläne schon als Erfolg. "Es ist das erste Mal, dass eine Schulbehörde so auf die Waldorfbewegung zugeht", sagt Sprecherin Christiane Leiste.

Für die Initiative kam die Idee überraschend: Eigentlich wollten Leiste und ihre Mitstreiter in Wilhelmsburg eine herkömmliche, private Waldorfschule gründen. Leiste sagt, ihre Initiative sei damit im vergangenen Jahr an die Hamburger Schulaufsicht herangetreten. Doch dann habe die Behörde vorgeschlagen, stattdessen eine bestehende Grundschule so umzubauen, dass dort auch nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik gelehrt werden könne.

Waldorfpädagogik als Lösung für soziale Probleme?

Kommt der Schulversuch wie geplant, wäre es die erste komplett staatlich finanzierte Schule, an der Lehrer und Waldorfpädagogen gemeinsam Klassen betreuen und den Unterricht gestalten. Die Schulbehörde will so verhindern, dass bildungsbewusste Eltern ihre Kinder lieber an eine benachbarte Waldorfschule schicken - und dass die öffentliche Schule ein Sammelbecken für Kinder aus sogenannten Problemfamilien werden könnte. Der Stadtteil Wilhelmsburg gilt als sozial schwierig. Beinahe jedes zweite Kind ist zumindest teilweise auf Sozialleistungen angewiesen, jeder dritte Wilhelmsburger hat keinen deutschen Pass.

In einer Abstimmung am Freitag hatten sich die meisten der rund 30 Lehrer in der Grundschule Fährstraße für das Vorhaben ausgesprochen. Gemeinsam mit Waldorflehrern wird das Kollegium der Grundschule jetzt ein Unterrichtskonzept erarbeiten. Schulleiterin Ulrike Klatt erklärte, man werde sich "in der Konzeptgruppe gemeinsam auf dem Weg machen" und habe sich dafür bewusst zwei Jahren Zeit gegeben. "Es geht auch darum, dass wir uns menschlich näherkommen", sagte Klatt. Das Projekt könne auch scheitern, wenn man nicht auf einen gemeinsamen Nenner komme.

Bislang ist angedacht, jede Klasse von einem Waldorfpädagogen und einem regulären Lehrer unterrichten zu lassen. Es sollen unter anderem die emotionalen und die handwerklichen Fähigkeiten der Kinder stärker gefördert werden. "Die künstlerisch-musische Ausrichtung soll im Mittelpunkt stehen", sagte Behördensprecher Albrecht.

Es gehe jedoch nicht darum, eine staatliche Waldorfschule zu eröffnen oder die Ideologie von Schulgründer Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen. Außerdem verwies die Schulbehörde auf eine Hamburger Gesamtschule in einem anderen Stadtteil, an der bereits seit mehr als 60 Jahren auch waldorfpädagogische Inhalte vermittelt würden.

Bund der Waldorfschulen warnt vor "Etikettenschwindel"

Weil Waldorfschulen als Einrichtungen in freier Trägerschaft Schulgeld kosten, findet man sie selten in Brennpunktvierteln, meist stehen sie in bürgerlichen Gegenden. Die Waldorfpädagogik geht auf den österreichischen Philosophen und Pädagogen Rudolf Steiner zurück, der die Inhalte Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte.

Waldorfschulen verzichten in der Unter- und Mittelstufe auf Noten und Sitzenbleiben. Druck gilt unter Waldorfpädagogen als verpönt, experimentelles Lernen und reformpädagogische Methoden stehen im Vordergrund. Wegen esoterischer Inhalte im Weltbild Steiners werden die Schulen auch kritisch gesehen.

Geht es nach der Initiative Interkulturelle Waldorfschule, soll aus der Grundschule an der Fährstraße nach und nach eine 13-jährigen Gesamtschule werden. Projektleiterin Leiste hofft, dass sich gerade Kinder aus bildungsfernen Familien dort gut zurechtfinden. "Sie haben mehr Chancen, sich zu entfalten, ohne äußerliche Druckmechanismen wie Noten."

Der Bund der freien Waldorfschulen unterstützt die Hamburger Pläne. Ihr Sprecher Henning Kullak-Ublick sagte, die staatliche Trägerschaft könne den Wilhelmsburgern finanzielle Probleme ersparen. Es sei aber auch wichtig, dass sich die Hamburger Schulaufsicht nicht zu sehr in die inhaltliche Arbeit einmische. "Wir sind neugierig, ob das Kollegium so autonom bleibt, dass wir das unterstützen können", sagte Kullak-Ublick. Wenn nicht, sei das Ganze nur "Etikettenschwindel".

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