Schulverweigerer in Hessen Polizei holt Kinder aus streng religiöser Familie

Morgens um acht Uhr kamen Polizei und Jugendamt: Ein hessisches Gericht hat Eltern das Sorgerecht entzogen, weil sie ihre vier Kinder nur zu Hause unterrichten wollten. Das Paar ist streng religiös und lehnte sogar den Unterricht an einer christlichen Privatschule ab.
Schüler einer zehnten Klasse: "Nur wenige Wochen eine Schule besucht"

Schüler einer zehnten Klasse: "Nur wenige Wochen eine Schule besucht"

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Friso Gentsch/ picture-alliance/ dpa

Sie wollen ihre Kinder vor "unerwünschten Einflüssen" fernhalten. Dazu zählt auch die Schule, und zwar jede Art von Schule. Weil streng religiöse Eltern aus Südhessen ihre vier Kinder partout nicht in den Unterricht schickten, wurde ihnen das Sorgerecht entzogen.

Polizei und Jugendamt holten die vier Kinder im Alter von acht bis 14 am vergangenen Donnerstag um acht Uhr morgens zu Hause ab. "Der Einsatz verlief aus unserer Sicht angemessen, es gab keine körperlichen Übergriffe", teilt Frank Horneff, Pressesprecher vom Landkreis Darmstadt-Dieburg mit. Das Sorgerecht liegt jetzt beim Jugendamt.

Die Kinder hätten, wenn überhaupt, nur wenige Wochen eine Schule besucht. "Die Eltern lehnen jegliches Schulsystem ab und wollten ihre Kinder selbst unterrichten", sagt Horneff.

Die Eltern sollen christlichen Glaubens sein und ihre Kinder hermetisch von der Außenwelt abgeschottet haben. Sie sollen es auch abgelehnt haben, die Kinder an einer staatlich anerkannten christlichen Privatschule unterrichten zu lassen, berichtet der "Hessische Rundfunk".

Kinder sollen keine altersgemäße Bildung haben

Bereits seit Jahren, seitdem das älteste Kind schulpflichtig ist, beschäftigt der Fall dieser Familie das Schulamt. Im vergangenen Jahr befand das Amtsgericht Darmstadt, das Wohl der Kinder sei gefährdet. Die Kinder sollen nach Ermessen des Richters nicht die Bildung gehabt haben, die altersmäßig zu erwarten gewesen wäre, sagt Johanna Müller-Frank, Richterin und Sprecherin des Darmstädter Amtsgerichts.

Es handele sich demnach bereits um ein "ellenlanges Verfahren". Ordnungsgelder wurden verhängt, die Eltern lenkten jedoch nicht ein. Daraufhin habe, so Müller-Frank, das Schulamt das Jugendamt eingeschaltet. Mitarbeiter vom Jugendamt hätten daraufhin das richterliche Verfahren angestoßen.

Seit Mitte 2012 seien die Eltern darüber informiert gewesen, dass ihnen das Sorgerecht entzogen werden soll, sagt Horneff. Im September 2012 wurden schließlich Teile des Sorgerechts an das Jugendamt übertragen, darunter das Recht, den Aufenthaltsort der Kinder zu bestimmen, das Recht, schulische Angelegenheiten zu regeln sowie das Recht, die Kinder vor Behörden zu vertreten. Der Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes gilt nicht für die Zeit der hessischen Schulferien.

Kinder wollen nicht zur Schule gehen

Die Eltern legten gegen diesen Beschluss vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt Beschwerde ein. Das OLG bestätigte jedoch den Beschluss des Amtsgerichts im April 2013. Immer wieder habe es auch danach erfolglose Gespräche mit den Eltern gegeben, teilt Horneff mit.

"Die Eltern hatten signalisiert, die Kinder freiwillig nicht herauszugeben und sich auch weiterhin zu weigern, eine Schulpflicht für ihre Kinder zu akzeptieren", sagt Horneff. In der vergangenen Woche soll das Jugendamt beantragt haben, den Beschluss umzusetzen.

Die Kinder sind nun in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht. "Die Kinder sind zaghaft auf dem Weg, auf andere Kinder zuzugehen", sagt Horneff. Zur Schule gingen die Kinder noch nicht, sie würden dies auch nicht wollen. Zu ihren Eltern haben die Kinder laut Horneff Briefkontakt.

Sollten die Eltern glaubhaft sicherstellen, dass die Kinder von nun an zur Schule gehen, könne das Jugendamt das Sorgerecht zurückgeben, sagt Müller-Frank. Ob und wann sich Behörden und Eltern einigen, ist jedoch ungewiss. Ziel sei es laut Horneff, "dass die Kinder im Schulsystem und in der Gesellschaft ihren Platz finden, unter Berücksichtigung der Weltanschauung und der Werte der Eltern".

Die Home School Legal Defense Association (HSLDA), eine Organisation aus den USA, die Homeschooling unterstützt, berichtet auf ihrer Website über den Fall. Dass die Kinder aus der Familie genommen wurden, sei ein "brutaler und bösartiger Vorgang". Die älteste Tochter sei mit Gewalt aus dem Haus geholt worden, die Eltern seien am Boden zerstört. Die Familie ist demnach jahrelang von einem europäischen Land ins nächste gezogen. "Sie haben nicht viel Vertrauen in den deutschen Staat", heißt es in der Mitteilung von HSLDA, "aber sie haben großes Vertrauen in Gott."

Homeschooling ist in Deutschland verboten

Homeschooling ist in Deutschland generell verboten, es herrscht allgemeine Schulpflicht. Österreich, Frankreich, Großbritannien und andere Staaten kennen dagegen nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht.

Für das Recht auf Homeschooling kämpfen vor allem evangelikale Christen. Sie wollen ihre Kinder von weltlichen Einflüssen fernhalten und versuchen, sie im Weltbild ihres streng ausgelegten Glaubens zu erziehen. Immer wieder versuchen strenggläubige Eltern deshalb, ihre Kinder auch von dem staatlichen Schulsystem fernzuhalten. Eine Familie aus Schwaben wanderte mit ihren fünf Kindern sogar in die USA aus, wo Homeschooling erlaubt ist. Sie beantragte dort Asyl - zunächst sogar mit Erfolg. Kürzlich kassierte ein amerikanisches Gericht den Beschluss jedoch wieder, der Antrag wurde abgelehnt.

Eine religiöse Familie mit neun Kindern aus Hessen wurde vor zwei Jahren ebenfalls zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Eltern hatten ihre Kinder zu Hause unterrichtet, weil sonst die "Verführung zum Bösen" drohe.

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