Schulwahl NRW hebelt den Elternwillen aus

Nach der Grundschule kommt das große Sortieren: hier Gymnasium, dort Haupt- und Realschulen. Über die richtige weiterführende Schule sollen in Nordrhein-Westfalen fortan die Lehrer entscheiden - notfalls gegen den Willen der Eltern.

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Zehn Prozent aller Kinder besuchen die falsche Schule, sagt Barbara Sommer (CDU), Schulministerin in Nordrhein-Westfalen. Ihr Beleg: Im letzten Schuljahr mussten dort 6700 Schüler das Gymnasium Richtung Realschule verlassen und 700 Gymnasiasten sich sogar an der Hauptschule anmelden. 8800 Schüler stiegen von der Realschule in die Hauptschule ab. Einen Aufstieg in der Schul-Hierarchie schaffen dagegen die wenigsten: Auf zwölf Abstiege kommt nur ein Wechsel in eine höhere Schulform.

Dieses Gefälle könnte man auch als Zeichen mangelnder Durchlässigkeit von unten nach oben im deutschen Bildungssystem interpretieren. Die ehemalige Lehrerin und Schulamtsdirektorin Barbara Sommer zieht daraus andere Schlüsse: Am Wechsel vieler tausend Schüler gibt sie ehrgeizigen Eltern die Schuld, die ihr Kind auf das Gymnasium zwingen, obwohl es auf die Real- oder Hauptschule gehöre.

CDU-Politiker Sommer, Rüttgers: "Kinder quälen sich jahrelang"
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CDU-Politiker Sommer, Rüttgers: "Kinder quälen sich jahrelang"

Dagegen will die Ministerin nun angehen und künftig durch verbindliche Grundschul-Gutachten "die Kinder vor ihren Eltern schützen". Diese Empfehlungen sollen den Übergang der Schüler auf weiterführende Schulen bestimmen und den Willen der Eltern aushebeln.

Am Anfang, so plant es die Landesregierung, sollen Beratungsgespräche stehen. Sind sich Lehrer und Eltern uneins über die richtige Schule, kommt es zu einem dreitägigen Probeunterricht, bei dem ein Lehrer der bisherigen Grundschule sowie ein Lehrer der weiterführenden Schule das Kind prüfen. Danach sollen die Lehrer entscheiden, ob das Kind zum Beispiel für das Gymnasium geeignet ist - und im Konfliktfall können sie die Eltern übergehen.

In der Vorlage zur Novellierung des Schulrechts heißt es dazu wörtlich, dass der "Elternwille dann nicht maßgeblich (ist), wenn nach einer pädagogischen Prognose die fehlende Eignung eines Kindes für die gewünschte Schulform offenkundig ist".

Diese Regelung soll freilich nur dann greifen, wenn die Lehrer ein Kind für nicht gut genug befinden. Soll im Umkehrfall aber etwa die intelligente Tochter einer türkischen Putzfrau auf die Hauptschule geschickt werden, obwohl ihre Noten locker fürs Gymnasium reichen, dürfen die Eltern dies weiterhin nach eigenem Ermessen bestimmen.

Kopfnoten und mehr Rechte für Lehrer

Die Änderung ist Teil des neuen Schulgesetzes, dessen Eckpunkte das Düsseldorfer Kabinett am Dienstag beschlossen hat. Dazu gehören unter anderem auch: ein früheres Einschulungsalter, 1600 zusätzliche Lehrerstellen im nächsten Jahr, Abitur nach dem zwölften Schuljahr, Kopfnoten für Arbeits- und Sozialverhalten und eine stärkere Disziplinierung auffälliger Schüler.

"Wir wollen das modernste Schulsystem Deutschlands schaffen", sagte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bei der Präsentation des Fahrplans. Der Leistungsgedanke solle betont werden, die Lehrer sollen mehr Rechte gegenüber Schülern und Eltern erhalten. Der schwarz-gelbe Gesetzentwurf wird im Januar den Verbänden und anschließend dem Landtag vorgelegt. Die Novelle soll vom Schuljahr 2006/2007 an greifen.

Bei Lehrern, Eltern und Opposition läuten allerdings die Alarmglocken. Sie sehen die Schulen in "Chaos" und "Mief der fünfziger Jahre" mit Noten für Betragen und eigenmächtigen Lehrern versinken. Zudem befürchten sie, dass Kinder aus sozial schwachen Familien ausgesiebt würden. "Die Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern wird verhindert und der Leistungsdruck erhöht", kritisiert Wilfried Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrats.

"Diese Pläne bescheinigen eine erzkonservative Vorstellung von Schule und Erziehung, die mit der Wirklichkeit von Jugendlichen nichts mehr zu tun hat", sagt Andreas Meyer-Lauber, Landesvorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW, SPIEGEL ONLINE. Schon jetzt habe schulischer Erfolg viel mit sozialer Herkunft zu tun. Dieses Verhältnis würde vor allem durch die Einführung verbindlicher Grundschul-Gutachten noch verschärft.

Hauptschulen sollen aufgewertet werden

Rüttgers verteidigte die Umgehung des Elternrechts bei der Schulwahl. "Wir suchen einen Weg, den Kindern jahrelange Qualen zu ersparen." Gewünschter Nebeneffekt: Die Ausblutung der Hauptschulen kann ebenfalls verhindert werden. Die Anmeldezahlen für die Hauptschule gehen dem Statistischen Bundesamt zufolge seit Jahren konstant zurück, während andere Schulformen höhere Zahlen verzeichnen. Grund dafür ist nicht nur die demografische Entwicklung, sondern auch das Image des Abschlusses - die Hauptschule als "Restschule" und Sackgasse für lernschwache Schüler. Wird der Abwärtstrend nicht gestoppt, droht vielen Hauptschulen in NRW die Schließung.

Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und die GEW äußerten juristische Bedenken, denn verfassungsrechtlich seien der Wille der Eltern und ihre Rechte am Nachwuchs durch Artikel 6 des Grundgesetzes stark geschützt. Das ist der NRW-Regierung durchaus bewusst. "Wenn wir in ein Gesetz schreiben: Der Staat legt fest, welche Schule das Kind besucht, ist das von vornherein verfassungswidrig", sagte Sommer. Darum setze die Regierung auf eine neue Beratungskultur an den Schulen. "Im Normalfall werden wir die Eltern überzeugen", kündigte sie an.

Auch in Bayern und Baden-Württemberg hat die Empfehlung der Schule einen hohen Verbindlichkeitscharakter. In Thüringen geht's mit einem Durchschnitt von 2,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik, Sach- und Heimatkunde aufs Gymnasium, in Bayern reicht eine 2,3, in Baden-Württemberg eine 2,5 in den Fächern Mathematik und Deutsch. Wer sich gegen den Willen der Pädagogen sträubt, muss sich Aufnahmetests stellen.

Wie bisher in Nordrhein-Westfalen werden in den meisten anderen Bundesländern zwar Schulempfehlungen ausgesprochen, doch am Ende dürfen die Eltern entscheiden: Wer sich für seinen Nachwuchs das Abitur wünscht, kann sein Kind trotz mäßiger Grundschulleistungen auf das Gymnasium schicken.

Dabei soll die Erziehungsberechtigten zwar auf Talente und Interessen der Schüler Rücksicht nehmen, aber sie behalten das letzte Wort. Von dieser Regelung gibt es allerdings Ausnahmen. So kann ein Familiengericht korrigierend eingreifen, sofern Eltern die Begabungen ihres Kindes völlig außer Acht lassen.

Bildungsferne Schichten benachteiligt

Die NRW-Grünen warfen der schwarz-gelben Regierung vor, "Kinder im Alter von acht bis neun Jahren mit Hilfe eines Frühsortiersystems in Güte- und Leistungsklassen einzuteilen". Die bildungspolitische Grünen-Sprecherin Sigrid Beer hielt Rüttgers vor: "Sie verwechseln Kinder mit Kartoffeln." Schuluntersuchungen belegten, dass Kinder aus bildungsferneren Familien deutlich höhere Leistungen bringen müssten, um eine gute Zensur oder eine Gymnasialempfehlung zu erlangen.

Die soziale Schieflage gilt nach den Pisa-Studien und anderen Leistungsvergleichen als eines der Kernprobleme des deutschen Bildungssystems. So schätzte Bildungsforscher Wilfried Bos von der Universität Hamburg nach dem internationalen Grundschul-Vergleich Iglu, dass fast die Hälfte aller Schüler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen erhält.

Nach seiner Auffassung funktioniert die "Gelenkstelle Übergangsempfehlung" viel zu schlecht. Denn dabei zählen nicht nur die Leistungen, sondern auch Beruf und Herkunft der Eltern. "Wir haben eine Reihe von Kindern, die sehr gut sind und trotzdem für die Hauptschule empfohlen werden. Und wir haben sehr schlechte Schüler, die trotzdem eine Gymnasialempfehlung bekommen", stellte Bos fest. Von Chancengleichheit sei das deutsche Schulsystem weit entfernt. Das Schüler-Lotto nach dem Ende der Grundschule hält Bos für einen "bildungspolitischen Skandal".

Vorhaltungen, dass der Sohn des Chefarztes der Migrantentochter vorgezogen werde, wollte Ministerin Sommer indes nicht gelten lassen. Die Regierung müsse nach den schlechten Pisa-Zeugnissen jetzt neue Instrumente erproben: "Schule für Reiche und Schule für Arme - das gibt es schon in NRW."



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Seite 1
Statikus 14.12.2005
1.
Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist. Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist. Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.
DJ Doena 14.12.2005
2.
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
Silvia, 14.12.2005
3.
---Zitat von DJ Doena--- Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird. ---Zitatende--- In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres. Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen: - Noten - Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt) - Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen) Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.
trabajador5, 14.12.2005
4.
---Zitat von Silvia--- Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. . ---Zitatende--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
trabajador5, 14.12.2005
5.
---Zitat von trabajador5--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten. ---Zitatende--- in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde. da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system. der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".
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