Städte wehren sich gegen Verkehrschaos Vollsperrung für Elterntaxis

Autos, die über Verkehrsinseln oder den Gehweg fahren und Schulbusse umkurven: Vor vielen Schulen spielen sich morgens chaotische Szenen mit Elterntaxis ab. Einige Städte ziehen jetzt Konsequenzen.
Schüler der Albert-Schweitzer-Grundschule (Hannover)

Schüler der Albert-Schweitzer-Grundschule (Hannover)

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Elterntaxis nach links, Kinder nach rechts: Vor der Albert-Schweitzer-Schule in Hannover gelten ab sofort neue Verkehrsregeln. Die Grundschule und die Stadt waren das morgendliche Verkehrschaos leid.

In einem Modellprojekt im Stadtteil Limmer wird daher seit vergangener Woche die Straße vor der Albert-Schweitzer-Schule jeweils zwischen 7.30 Uhr und 8.15 Uhr gesperrt. Nur Lehrer mit einer Sondererlaubnis dürfen noch durchfahren - die Kinder müssen ein paar hundert Meter vorher aussteigen.

Die Sperrung richtet sich gegen Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. "Wir wollen die Gefahren durch die Elterntaxis vor den Schulen minimieren und die Selbstständigkeit der Schüler im Straßenverkehr fördern", sagt Franz Behrens von der Polizei Hannover. Mit großen Transparenten machen die Grundschüler und ihre Lehrer auf die neuen Verkehrsregeln aufmerksam.

Bis zu den Herbstferien will die Polizei Autofahrer aufschreiben, die die Sperren unerlaubt umkurven. Eine Strategie, auf die immer mehr Städte setzen: Mit Sperrungen, Info-Kampagnen und der Einrichtung von Elternhaltestellen versuchen sie, für mehr Sicherheit vor den Schulen zu sorgen.

Doch ohne permanente Kontrollen versanden die Maßnahmen bald, sagt Siegfried Ritter, Leiter des Adolf-Reichwein-Gymnasiums in Heusenstamm bei Frankfurt. "Seit drei Jahren ist die Einfahrt in die Straße vor unserer Schule morgens zum Schulbeginn und mittags zum Schulende gesperrt - aber es gibt etliche, die das einfach ignorieren." Immer wieder beobachte er Eltern, die dann nicht hinter Schulbussen warten wollen, Verkehrsinseln überfahren und zum Teil auf der Gegenfahrbahn überholen.

Hitzefrei - und keiner kennt den Heimweg

Ständig und jedes Schuljahr wieder müssten er und seine Kollegen sich mit dem Thema auseinandersetzen und mit uneinsichtigen Eltern diskutieren: "Da kommen die immer gleichen Ausreden, manche Eltern werden auch pampig", sagt Ritter. "Das macht wirklich keinen Spaß mehr." Eine Vollsperrung sei aus seiner Sicht die einzige Möglichkeit, um den Bereich vor seinem Gymnasium und der benachbarten Haupt- und Realschule sicher zu machen.

Auch im hessischen Bad Vilbel liegen mit der Grund- und Realschule und dem Georg-Büchner-Gymnasium mehrere Schulen direkt nebeneinander. Hier waren es vor allem die Grundschuleltern, die ihre Kinder mit dem Wagen bis möglichst dicht ans Schultor bringen wollen. Zusammen mit den Schülern der anderen Schulen - allein am Gymnasium gibt es knapp 1300 Kinder - war es morgens so voll, dass es mehrfach zu kritischen Situationen kam.

2016 wurde deshalb die Straße umgebaut, eine problemlose Durchfahrt unmittelbar vor den Schulen ist nicht mehr möglich. "Seither werden die Eltern auf einen neu eingerichteten 'Kiss & Fly'-Parkplatz geleitet, den Rest gehen die Schüler dann zu Fuß", sagt Carsten Treber, stellvertretender Leiter des Gymnasiums. Der neue Parkplatz habe sich im vergangenen Schuljahr bewährt - auch wenn alle Schulen jetzt zu Beginn des neuen Schuljahrs noch einmal eindringlich daran erinnern mussten, dass die Schüler bitte nicht bis direkt vor den Schulhof gefahren werden.

Als "Katastrophe für die Eigenverantwortung der Kinder" beschreibt der Neusser Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch die Folgen der Elterntaxis. Die Verkehrssicherheit sei dabei noch das kleinere Problem. Viel schwerwiegender sei, dass die Eltern ihren Kindern den Schulweg einfach nicht zutrauten: "Damit vermasseln sie Erfahrungen, die die Kinder unbedingt machen sollten."

Der Pädagoge meint: den gemeinsamen Weg in der Gruppe, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, vielleicht auch mal einen kleinen Umweg zu machen, auf diese Weise das Areal zwischen Wohnung und Schule kennenzulernen oder auch mal einen Streich zu spielen. Das alles werde den Kindern vorenthalten - aus Bequemlichkeit und Angst.

Um die Konsequenzen zu verdeutlichen, berichtet Wunsch vom Beispiel einer Hamburger Schule, die den Kindern Hitzefrei geben wollte. Die Umsetzung sei daran gescheitert, dass zu viele Schüler noch nie allein nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten.

Dabei, sagt Albert Wunsch, hätten Studien auf dramatische Weise deutlich gemacht, wie überbehütend viele Eltern seien: 60 Prozent der Kinder, die gefahren werden, haben demnach einen Schulweg von weniger als 800 Metern.

him/dpa