Schwarz-grünes Hamburg "Das wird keine Kuschelschule!"

Die Schulen in Hamburg werden zum gigantischen Versuchslabor, Eltern begehren auf. Geplant ist eine Primarschule bis zur sechsten Klasse. Der Initiative "Eine Schule für alle" reicht das nicht - per Volksentscheid will sie das Sortieren auf verschiedene Schulformen beenden.

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Gerade hat der Schulforscher Ernst Rösner die Gemeinschaftsschule in eine Linie mit der Entdeckung Amerikas und der kopernikanischen Wende gestellt, als sich zehn Jugendliche an den Stuhlreihen vorbei nach vorn schleichen. Verdutzte Blicke folgen ihnen, entdecken auf ihren T-Shirts den Spruch: "Jedes Kind ist einzigartig! Nein zur Einheitsschule!"

Unterschriftensammlung: 61.000 Unterstützer gesucht
DPA

Unterschriftensammlung: 61.000 Unterstützer gesucht

Es sind Mitglieder der Jungen Union, die sich dort vorn neben dem Redner Rösner aufstellen, fotografieren lassen und den Auftakt des Volksbegehrens für die Gemeinschaftsschule stören. Sie verteilen Flugblätter, darauf Marx und Lenin und die Botschaft, die Linkspartei finanziere die "Einheitsschule-Aktion". Es dauert einen Moment, bis ein paar vollbärtige Pädagogen reagieren und den Unionsnachwuchs aus dem Saal drängen, vorbei an Stehtischen, Luftballons und einer Frau von der Linken, die selbst Flyer verteilt, für eine Marx-Lesung.

Szenen von einer Veranstaltung der Hamburger Initiative "Eine Schule für alle" in der Ida-Ehre-Gesamtschule - sie zeigen: Hamburg ist von einem Bildungsfrieden, wie ihn Bürgermeister Ole von Beust (CDU) forderte, weit entfernt. Im Gegenteil, die Hansestadt steuert in einen veritablen Kulturkampf um die richtige Schule. Hier fordern Eltern und Lehrer gemeinsamen Unterricht bis zur neunten Klasse, dort polemisieren andere Eltern dagegen mit dem ideologischen Kampfbegriff "Einheitsschule" und wollen das klassische Gymnasium retten.

"Die Schulreform ist absolut halber Kram"

Die Polarisierung nimmt zu - aber Klaus Bullan macht das Hoffnung. "Das treibt Menschen zu uns, die sich sonst vielleicht gar nicht beteiligen würden", sagt der Hamburger Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, die massiv die Initiative "Eine Schule für alle" unterstützt. Bis zum 9. Oktober will man mindestens 61.000 Unterschriften sammeln, dann würde voraussichtlich im Herbst 2009 per Volksentscheid über die Einführung einer Gemeinschaftsschule entschieden.

Ein "Ja" würde der Reform von Schulsenatorin Christa Goetsch (Grüne) ein jähes Ende bereiten. Doch in der Initiative zweifelt niemand: Traurig wäre Goetsch nicht. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Initiative. Aber seit sie Senatorin ist und auf den Koalitionspartner CDU Rücksicht nehmen muss, ist sie nicht mehr dabei. "Christa, enttäusch uns nicht", hatte ihr die GEW noch auf Plakaten hintergerufen, als Goetsch in die Verhandlungen mit der CDU ging. Doch die dann beschlossene Reform ist der Initiative nicht genug.

"So ein Schwachsinn, absolut halber Kram", poltert Karen Medrow-Struß. Die Sprecherin von "Eine Schule für alle" empfängt im GEW-Gebäude, das so etwas wie die Einsatzzentrale der Initiative ist. Mit der Reform werde sich zwar das gemeinsame Lernen verlängern, doch was danach folge, sei ein Aufteilen in Gymnasium "und den ganzen anderen Rest", sagt sie.

"Im selektiven Schulsystem bleiben viele auf der Strecke"

Ein Schulsystem, das selektiert, bedeutet für Medrow-Struß in erster Linie, "dass viele auf der Strecke bleiben". Sie selbst habe als Schülerin diese Erfahrung machen müssen. "Bei uns zu Hause wurde noch konservativ gedacht, die Frage war: Investieren in ein Mädchen oder in einen Jungen?" Sie ging auf die Realschule, "mehr wurde mir verwehrt", sagt sie.

Wäre ihre Vision damals Wirklichkeit gewesen, ihre Eltern hätten keine Wahl gehabt und sie auf die Gemeinschaftsschule geschickt, in der alle die Möglichkeit zum Abitur bekommen. Als Medrow-Struß Anfang der neunziger Jahre selbst vor der Entscheidung stand, welches die richtige Schule für ihre beiden Kinder sei, wurde sie aktiv: Im Stadtteil Langenhorn gründete sie eine Elterninitiative, um die Haupt- und Realschule in eine Gesamtschule umzuwandeln. Der Antrag wurde 1992 genehmigt, nun soll ganz Hamburg folgen.

Zu allererst sei es das Denken der Lehrer, das verändert werden müsste, meint Medrow-Struß. Im Moment sei es doch so: "Kompaktunterricht vor einer Masse von Schülern, der auf die Mitte zugeschnitten ist, aber die Starken und Schwachen nicht richtig fördert." Hätten Lehrer nicht mehr die Möglichkeit, Schüler abzuschulen, "dafür aber die Verantwortung, alle bestmöglich zu fördern, oben wie unten, dann habe ich ein ganz anderes Schülerbild".

Damit hat sie vor allem Gymnasiallehrer im Blick: "Denen stünde es doch nicht schlecht zu Gesicht, ein bisschen Pädagogik zu kennen." Den Einwand, schwache Schüler könnte leistungsstarke Schülern im Lernfortschritt bremsen, lässt Medrow-Struß nicht gelten. "Es gibt viele Studien, die zeigen: Wer einem Schwächeren etwas erklärt, hat es danach selbst besser verstanden."

Bildung der Eltern soll keine Rolle mehr spielen

Ihre pädagogischen Vorbilder lehren an den Grundschulen, wo seit jeher alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden. "Wenn man sich dort umguckt: Gruppenräume, Sitzecke, Teeküche - die sind schon in der Lage, eine ganz andere Pädagogik zu fahren." Teeküchen als Weichspüler für pubertierende Bushido-Fans? Klingt realitätsfern, doch Medrow-Struß versichert: "Das wird keine Kuschelschule!"

Natürlich müssten die Schüler Leistungsstandards erfüllen. Nur: Wie sollen Standards entwickelt werden, die sowohl schwachen als auch starken Schülern gerecht werden? "Klausuren müssten teilweise individualisiert werden", sagt Medrow-Struß. Und vor allem müsse es ganz neue Möglichkeiten geben von Rückmeldungen, Kompetenzen müssten erkannt und beschrieben werden.

Dass alle einen Abschluss machen, das sei doch wichtig, das sei das Ziel. Und der Bildungshintergrund der Eltern dürfe kein Maßstab mehr für die Leistung der Kinder sein. "Das sind alles Menschen mit Gehirnen, da hat gefälligst das Bildungssystem Dienstleistung zu erbringen." Bessere Chancen für alle, darum geht es Medrow-Struß. Wenn Eltern mit der Erziehung und Bildung ihrer Kinder überfordert seien, muss es eben Sache der Schule werden: "Wird das Kind tagsüber optimal gefördert, kann es abends ruhig in bildungsfernen Familien sitzen."

Die Initiative will bessere Chancen für alle

Anderthalb Wochen bleiben Medrow-Struß, Bullan und ihren Helfern, genügend Unterschriften zu sammeln. Sollte daraus nichts werden, hat Bullan einen Plan B - B wie Bildungskonferenzen. Die haben bereits begonnen und sollen Empfehlungen zur Neustrukturierung der Hamburger Schullandschaft erbringen. "Wir versuchen, Gymnasien zu bewegen, mit Stadtteilschulen zusammenzugehen", sagt der GEW-Mann. Doch er weiß auch, dass hier wenig zu holen sein wird: Bisher treten die Gymnasien eher als Verteidiger ihres Status quo auf.

So gibt sich die Initiative lieber siegesgewiss, gerade am Auftaktabend in der Gesamtschule. Als die Jungunionisten sich in die Hamburger Nacht zurückgezogen haben, kann die Feier fast ungestört weitergehen. Reden werden gehalten, Solidaritätsbekundungen verlesen, Minibrezeln geknabbert, Bierflaschen geleert.

Nur die Rückkopplung kreischt unaufhörlich aus den Lautsprechern. "Gesamtschultechnik" murmelt ein Herr in der vorletzten Reihe. Und seufzt.

In einer kleinen Serie beleuchtet SPIEGEL ONLINE die Positionen im Hamburger Bildungsstreit - den Initiativen "Wir wollen lernen" und "Eine Schule für alle" folgen die Argumente von Schulsenatorin Christa Goetsch.

insgesamt 675 Beiträge
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Seite 1
Constantinopolitana, 10.06.2008
1.
Hallo, selbst wenn der Bürger voll Vertrauen denkt, es könne ja nur besser werden, glaube ich, daß die Schüler, die im ersten Jahr dieser Reform Versuchskaninchen sind, erstmal leiden werden. Welche Reform klappt schon ohne Nachbesserungen? Also wird zuerst einmal ausprobiert, dann sieht man, was in der Realität alles nicht klappt, und nach fünf Jahren ist der große Wurf dann da. Ich denke, im Großen und Ganzen ist es Zeit für eine umfassende Reform; es klingt ja auch erst einmal gar nicht so schlecht; des weitern ist es auch gut, daß es in Hamburg gewissermaßen erstmal im Labormaßstab ausprobiert wird (ganz Nordrhein-Westfalen oder Sachsen wäre da noch ein anderes Kaliber...), aber ich schätze mal, die Eltern und Schüler, die das jetzt direkt betrifft, sind weitaus skeptischer als diejenigen, die bloß zuschauen, ob's nun was wird oder nicht. Aber - wenn in Brüssel jetzt einer käme und eine umfassende Reform hier vorschlüge, die einigermaßen stimmig wäre, dächte ich als Betroffene sicher: PRIMA! Unterstützen wir! Beste Grüße, Eva
manten75 10.06.2008
2. Endlich
getraut sich ein Bundesland in Deutschland die verkrustete und unfaire Situation im deutschen Schulsystem anzugehen. Weiter so!
PeterShaw 10.06.2008
3.
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Man könnte diesem Thema ernsthaft begegnen, indem man z.B. die unter Fachleuten unstrittige Meinung weiter begründet, dass eine Zeit von 6 Jahren am Gymnasium zu einem deutlichen Niveauverlust beim Abitur führen muss. Aber bringt diese Diskussion etwas? In Wirklichkeit geht es darum, wie man mit möglichst geringem finanziellen Aufwand möglichst viele (pseudo-) glücklich machen kann. Also mein Vorschlag: Mit der Geburtsurkunde wird gleich das Abitur überreicht. Das spart ungemein! Wer dann etwas lernen will, geht an eine Privatschule mit kleinen homogenen Klassen und gut bezahlten Lehrern. So verabschiedet sich der Staat auch aus dem Bereich Bildung. So verabschieden sich auch die nicht Priviligierten von der Bildung. Aber zum Glück haben sie ja neben der Geburtsurkunde noch das Abitur!
Klo, 10.06.2008
4.
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Das wird sich zeigen. Klar ist aber, dass es ein Schritt in die richtige Richtung sein dürfte, Kinder nicht nach 4 Jahren in Schulformen unabänderlich zu selektieren.
derweise 10.06.2008
5. Beamtenstatus der Lehrer abschaffen!
Der Beamtenstatus der Lehrer muß fallen!
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