Schweinefleisch-Debatte Juden und Muslime warnen vor Hetze

Die Zentralräte der Juden und Muslime schalten sich in die Diskussion um Kitas ein, die kein Schweinefleisch mehr servieren wollten: Rücksicht auf Minderheiten sei gut, ein Verbot aber zu weitreichend.

Schweinefleischverbot schießt "übers Ziel hinaus": Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden
Kay Nietfeld/ DPA

Schweinefleischverbot schießt "übers Ziel hinaus": Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden


In der Debatte über den Verzicht auf Schweinefleisch in Kitas haben die Zentralräte der Juden und Muslime vor Überreaktionen gewarnt. "Das Letzte, was wir brauchen, ist Hetze gegen Minderheiten, nur weil in einer Einrichtung über den Speiseplan nachgedacht wird", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster am Mittwoch. Anlass war die Debatte um zwei Leipziger Kitas, die Schweinefleisch vom Speiseplan streichen wollten.

Grundsätzlich halte er es für positiv, dass mit höherer Sensibilität als früher darüber nachgedacht werde, religiöse Gepflogenheiten oder Bedürfnisse von Minderheiten zu berücksichtigen, so Schuster vom Zentralrat der Juden: "Ich denke allerdings, dass ein Verbot von Schweinefleisch übers Ziel hinaus geschossen wäre."

Der Zentralrat der Muslime thematisierte vor allem die dadurch ausgelöste Empörung. Erstaunlich sei, "wie die Empörungswelle um ein Vielfaches höher ist als bei den derzeitigen, schrecklichen täglichen Schändungen und Bombendrohungen gegen deutsche Moscheen von mutmaßlich Rechtsradikalen", erklärte Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland.

In dem Fall der Leipziger Kitas hatte der Leiter der Einrichtungen, Wolfgang Schäfer, laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung verkündet, künftig kein Schweinefleisch mehr zu servieren. Demnach wurde die Speiseplanänderung "aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt" vorgenommen. Mit der Entscheidung werde Rücksicht auf die Essgewohnheiten von zwei muslimischen Mädchen genommen.

Der Vater eines Kita-Kindes sagte, er sei vor etwa zwei Wochen mit einem Schreiben über die Speiseplan-Änderung informiert worden. "Wir finden die Entscheidung prinzipiell gut", sagte der 37-Jährige, der seinen zweijährigen Sohn am Nachmittag von der Kita abholte. Die Mutter einer Vierjährigen bezeichnete die Debatte hingegen als "absurd". Es gebe dringlichere Probleme. Ihre Tochter merke sowieso nicht, ob sie Schweinefleisch esse oder nicht.

Inzwischen hat der Kita-Chef die Entscheidung wieder zurückgezogen. Schäfer begründete dies mit der medialen Aufregung nach dem Bekanntwerden seiner Verbotsentscheidung. Im kommenden Kindergartenjahr, das Mitte August beginne, wolle er das Thema bei Elternabenden nochmals ausführlich diskutieren.

lmd/dpa

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