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Spaenle und die Privatschulen Schwarz: Abichaos mit Ansage

Foto: Daniel Peter/ dpa

Skandal in Schweinfurt CSU-Minister wusste von Problemen an Abi-Chaosschule

Im Schweinfurter Abi-Skandal gerät der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle unter Druck. Sein Haus wusste seit Monaten von Problemen im Umfeld der privaten Fachoberschule, an der ein kompletter Abi-Jahrgang durchfiel. Doch Spaenle redet sich raus.

An der Ersten Privaten Fachoberschule (EPFOS) in Schweinfurt ist ein gesamter Jahrgang durchs schriftliche Abitur gefallen - und das könnte nun auch den zuständigen bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) in Bedrängnis bringen.

Spaenle wusste seit Monaten von massiven Schwierigkeiten an den Privaten Schulen Schwarz , zu der auch die Fachoberschule mit dem Katastrophen-Abi gehört. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lag seinem Haus ein ganzes Dossier über chaotische Zustände an den Privatschulen vor.

In diesem Jahr schrieb erstmals ein Jahrgang sein Fachabitur an der EPFOS. Die Schule, 2011 eröffnet, ist im selben Schweinfurter Schulgebäude untergebracht wie die Erste Private Realschule Schweinfurt und die Private Wirtschaftsschule Müller. Nur Letztere ist staatliche anerkannt. Bei den drei Schulen gibt es Überschneidungen im Lehrerkollegium, alle haben einen gemeinsamen Geschäftsführer.

Vergangene Woche hatten die Fachoberschüler ihre desaströsen Abi-Ergebnisse bekommen: In den Kernfächern Mathematik und Wirtschaft sollen sie im Durchschnitt weniger als einen Punkt erreicht haben. Am Mittwochnachmittag trafen sich die Schülereltern mit ihrer Anwältin. Sie wollten herausfinden, wie die Privaten Schulen Schwarz haftbar gemacht werden können, denen sie monatlich 140 Euro Schulgeld gezahlt hatten.

Desaster mit Vorwarnung

Jetzt ist klar: Das Abi-Desaster hatte sich bereits lange vorher angekündigt. Der Landtagsabgeordnete Günther Felbinger (Freie Wähler) schrieb schon am 26. Oktober 2012 an den Kultusminister: "Zwei Lehrkräfte der Privaten Schulen Schwarz in Schweinfurt haben über eine Reihe von Unstimmigkeiten und Unzulänglichkeiten im Unterrichtsbetrieb berichtet."

Er legte ein Dossier bei, das zeigt: An den Privaten Schulen Schwarz regiert offenbar ein herrischer Chef, und der befehligt ein Kollegium, das den Anforderungen einer allgemeinbildenden Schule kaum gewachsen war. Und ein Teil der Schüler war nicht einmal reif für den Weg zum Fachabitur.

Mehrere Seiten füllen die Vorwürfe gegen die Schulleitung. Ein Lehrer berichtet, dass der Rektor Korrekturen der Pädagogen prinzipiell vom Fachbereichsleiter nachkorrigieren ließ. Lehrern, die damit die Verzögerung der Korrekturen vor den Schülern erklären wollten, habe Geschäftsführer Michael Schwarz mit Abmahnungen gedroht. Ein Fachbereichsleiter soll eine Diskussion im Lehrerkollegium mit den Worten abgewürgt haben: "Das Grundgesetz der BRD gilt hier nicht."

Insgesamt fand der Abgeordnete Felbinger die Vorwürfe so stichhaltig und gravierend, dass er sie dem Minister übersandte, "denn an der Schule herrschte Sodom und Gomorrha". Doch nicht nur von ihm erfuhren die Ministerialen von Problemen an den Privatschulen: Ein weiterer Lehrer schrieb im Dezember einen Brief an Innenstaatssekretär Gerhard Eck (CSU), in dem er ebenfalls den ruppigen Führungsstil an den Schwarz-Schulen kritisiert. "Sechs bis acht weitere Kollegen haben deswegen die Schule verlassen bzw. verlassen müssen."

Aus Protest gaben Schüler leere Blätter ab

Der Absender der Vorwürfe erzählte SPIEGEL ONLINE auch von Problemen an der Fachoberschule. Aus Frust über die Zustände in ihrem Abi-Jahrgang seien die Schüler häufig gar nicht mehr zum Unterricht erschienen. Außerdem habe die Privatschule jeden aufgenommen, der kommen wollte, ungeachtet ihrer Eignung für eine Fachoberschule.

"Die Schwarz-Schulen füllten ihre leeren FOS-Klassen mit diesen Schülern", sagt auch Felbinger. Als die Schüler auch noch erfuhren, dass ihre Leistungen während des vergangenen Schuljahres nicht fürs Abitur zählen würden, gaben sie bei den letzten Arbeiten vor den Abi-Prüfungen aus Protest leere Blätter ab.

Der Schulleiter will zu all diesen Anschuldigungen keine Auskunft geben. Anfragen zu den Vorwürfen und zum Abitur-Skandal ließ er bis Donnerstagabend unbeantwortet. Nur der "Main Post" sagte er Ende vergangener Woche: "Wir haben die Verantwortung." Und: "Ich fühle mich wie erschlagen."

"Nicht ein Kind ist in den Brunnen gefallen, sondern 27"

Im Januar 2013 antwortete Schulminister Ludwig Spaenle auf den Warnruf des FW-Abgeordneten Felbinger, bezog sich aber ausschließlich auf die Private Wirtschaftsschule Müller: Zuständig sei nicht er, sondern die Bezirksregierung Unterfranken, schrieb Spaenle. Die habe sich davon überzeugt, dass die Schule "die staatlichen Lehrpläne so weit beachtet, dass die Lehrziele in den einzelnen Jahrgangsstufen erreicht werden". Die Fachoberschule, über die sich die Lehrer auch beschwert hatten, ignorierte das Ministerium in seiner Antwort.

Kultusminister Spaenle versucht weiter, seine Verantwortung loszuwerden. Er ließ seinen Sprecher mitteilen, der Abgeordnete Felbinger liege falsch und habe keine Hinweise auf die Vorgänge an der Fachoberschule geliefert. Felbinger habe schlicht zwei Schweinfurter Privatschulen verwechselt. "Es ist bedauerlich, dass Herr Felbinger als bildungspolitischer Sprecher einer Fraktion die beiden Schularten nicht auseinanderhält", schrieb Spaenles Sprecher.

Der Freie Wähler Felbinger wirft dem Ministerium Ignoranz vor. Seine Partei hatte der CSU bei der letzten Landtagswahl schwer zugesetzt, und die nächste Wahl steht vor der Tür. Die CSU nehme seiner Partei den Erfolg noch immer übel, sagt Felbinger. "Wenn wir eine Anfrage stellen, dann tut die CSU jedes Mal so, als ob wir nicht lesen und schreiben könnten."

Die bayerischen Grünen wollen den Vorgang nun parlamentarisch aufarbeiten. Sie haben den Schulminister in den Bildungsausschuss bestellt. Außenstehende beobachten die Fingerhakeleien des Ministers mit Kopfschütteln. "Wichtig ist jetzt, dass die gescheiterten Schüler schnell ein Angebot bekommen", sagte der Präsident des bayerischen Lehrerverbands BLLV, Klaus Wenzel. "Es ist nicht ein Kind in den Brunnen gefallen, sondern gleich 27 junge Leute."

Inzwischen liegt ein solches Angebot vor: Die Schüler dürfen an der staatlichen Schule die 12. Klasse wiederholen, müssen dafür aber ab Ende Juli in sieben Fächern eine Aufnahmeprüfung ablegen; wer nicht besteht, kann die 11. Klasse wiederholen. Damit würden die Schüler mindestens ein Schuljahr verlieren. "Fakt ist, wir sind sauer auf die Schule", sagte Sieglinde Hacker vom Elternbeirat der Privatschule.