Schweiz Handschlag-Verweigerer fühlen sich missverstanden

Zwei muslimische Jungen haben sich geweigert, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Seitdem diskutieren die Schweizer über Schulregeln und Religionsfreiheit. Nun melden sich die beiden selbst zu Wort.

Die beiden syrischen Brüder
Matthias Willi

Die beiden syrischen Brüder


Zwei muslimische Schüler aus der Nähe von Basel verweigerten ihrer Lehrerin den Händedruck und führten dafür religiöse Gründe an. Der Rektor der Schule erteilte ihnen eine Sondererlaubnis - was zu Protesten führte. Nun haben sich die syrischen Brüder, 14 und 15 Jahre alt, zum ersten Mal öffentlich geäußert.

Der "Sonntagszeitung" sagten die Jungen, sie wollten ihren Glauben leben und nicht provozieren. Sie wollten die Schweizer Kultur respektieren, sich an die Gesetze im Land halten und sich so gut wie möglich integrieren. "Aber wir haben ja auch unsere eigene Kultur. Die können wir nicht einfach löschen, so wie man das etwa mit einer Festplatte tun kann."

Die Jungen fühlen sich von Medien und Politikern schlecht behandelt. Der ältere Bruder sagte: "Der Fall wird benutzt, um Stimmung gegen Muslime zu machen."

Das Interview gaben die Brüder in einem Nebenraum der König-Faysal-Moschee, in der ihr Vater als Imam das Freitagsgebet predigt. Sowohl der Vater als auch ein Medienbeauftragter des Islamischen Zentralrats in der Schweiz waren bei dem Gespräch dabei.

Auf die Frage, ob sie durch ihre Handschlag-Verweigerung die Würde der Frau verletzten, antwortete der jüngere Bruder, sie schützten vielmehr die Würde der Frau: "Wir orientieren uns an Prophet Mohammed. Er ist unser Vorbild. Und er hat nie Frauen berührt - außer seine eigene." Niemand könne sie zu einem Handschlag zwingen. "Falls wir die Hände wieder schütteln müssten, wäre das eine Diskriminierung gegen uns."

In den vergangenen Tagen hatten mehrere Medien darüber berichtet, dass die Brüder in einem streng religiösen Umfeld aufgewachsen sind. Auch von der König-Faysal-Moschee heißt es, sie sei fundamentalistisch. Seit Ende vergangener Woche überprüft die Jugendanwaltschaft die Brüder, weil sie Propagandamaterial der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auf ihrer Facebookseite verbreitet haben sollen.

Zu den Vorwürfen sagte der jüngere Bruder, er sei erst zwölf Jahre alt gewesen, als er die Videos postete. "Da kannte ich den IS noch nicht einmal. Mir ging es nur um die Musik, die hat mir gefallen." Er und sein Bruder seien "ganz klar gegen den IS". Der Islam verbiete es, Zivilisten zu töten.

Auch die zuständige Schulbehörde hat sich inzwischen in den Fall eingeschaltet. Sie will rechtlich einschätzen lassen, ob Verhaltensregeln oder die Religionsfreiheit höher wiege.

kha

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