Diskussion in der Schweiz Muslimische Schüler müssen Lehrerin nicht die Hand geben

In der Schweiz haben zwei muslimische Jungen von ihrer Schule eine Sondergenehmigung bekommen: Sie müssen ihrer Lehrerin nicht die Hand schütteln. Über die Entscheidung wird heftig debattiert.


An vielen Schweizer Schulen geben Schülern ihren Lehrern zur Begrüßung die Hand. So auch im Örtchen Therwil in der Nähe der Stadt Basel.

Zwei muslimische Schüler der Sekundarschule hielten sich allerdings nicht an die Regel. Sie verweigerten ihrer Lehrerin den Händedruck aus religiösen Gründen, und der Schulleiter entschied: Das dürfen sie auch. Ganz sicher war sich der Rektor aber offenbar nicht. Er informierte die zuständige Schulbehörde über den Fall - der nun in der ganzen Schweiz diskutiert wird.

Sogar die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga äußerte sich zu dem Vorfall: "Dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht", sagte sie dem Schweizer Radio und Fernsehen (SFR). Der Handschlag sei "Teil unserer Kultur", gehöre zum Alltag. "So stelle ich mir Integration nicht vor, auch unter dem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren."

Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, sagte, für alle Schüler sollten die gleichen Regeln gelten. "Es ist für mich ein Novum, dass Schülern quasi erlaubt wird, den Lehrpersonen den Händedruck zu verweigern. Ich halte das für keine gute Lösung."

"Die Regeln an einer Schule, und überhaupt in unserer Gesellschaft, sollten für alle gelten", sagte auch Emine Sariaslan, Präsidentin des Forums für die Integration der Migrantinnen und Migranten, der "Schweiz am Sonntag".

Selbst der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids), Montassar Benmrad, kritisiert die Entscheidung der Schule. In einer Stellungnahme auf der Webseite des Verbands heißt es, er selbst gebe Frauen die Hand und empfehle es muslimischen Schülern, um Respekt gegenüber den Lehrpersonen zu zeigen. Die Verweigerung des Handschlags zwischen Männern und Frauen werde oft mit Respekt und Schamgefühl begründet, in der Schweiz sei das jedoch "unangebracht". Zudem hätten viele islamische Gelehrte "klar bestätigt, dass ein gewöhnlicher Händedruck zwischen Mann und Frau theologisch erlaubt ist".

Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam, reagierte ebenfalls entsetzt auf die Entscheidung der Schulleitung. Der Schweizer Boulevardzeitung "Blick" sagte sie: "Diesen Forderungen nachzugeben, bedeutet, dem politischen Islam Tür und Tor zu öffnen. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien!"

Im November hatte ein ähnlicher Fall in den Niederlanden für Schlagzeilen gesorgt: Der muslimische Fußballprofi Nacer Barazite hatte sich nach einem Spiel geweigert, einer Reporterin die Hand zu geben.

vet/kha



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