Sommerliche Gefahr Wie und wann Kinder schwimmen lernen sollten

Mehr als jeder zweite Grundschüler kann nicht sicher schwimmen - gerade in den Sommermonaten birgt das große Gefahren. Was Eltern dagegen tun sollten, rät Schwimmlehrer Matthias Stoll.

Die Badesaison läuft, und der Sommerurlaub steht an. Doch fast 60 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland können nicht richtig schwimmen, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zeigt.

Die Zahlen sind alarmierend - denn sie bedeuten: große Gefahr. Erst Ende Mai ertrank eine 15-jährige Nichtschwimmerin beim Baden im Münchner Eisbach.

Matthias Stoll kennt das Problem. Er arbeitet seit 17 Jahren als Schwimmlehrer und trifft immer häufiger auf Kinder, die noch nie baden waren oder auch nur im Wasser geplanscht haben.

Zur Person
Foto: Matthias Stoll

Matthias Stoll, 33, arbeitet seit dem Jahr 2000 in der Schwimmausbildung. Der Sportwissenschaftler ist Referent für Ausbildung bei der DLRG-Bundesgeschäftsstelle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stoll, warum können Kinder immer schlechter schwimmen?

Stoll: Das liegt vor allem daran, dass Bäder geschlossen werden. Die Schüler brauchen immer länger, um in ein Schwimmbad zu kommen. Und in der Grundschule findet immer seltener Schwimmunterricht statt. Hinzu kommen hohe Eintrittspreise. Das können sich viele einfach nicht mehr leisten. Außerdem haben Eltern häufig weniger Zeit als früher.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann sollten Kinder schwimmen lernen?

Stoll: Wichtig ist, dass Eltern ihren Nachwuchs nicht überfordern. Am Anfang steht erst mal die Wassergewöhnung. Damit können Eltern beginnen, wenn das Kind etwa vier Jahre alt ist. Gemeinsames Planschen und Spielen schafft Vertrauen mit dem Wasser. Wichtig ist, dass diese Phase spielerisch abläuft. Am besten ermuntern die Eltern ihr Kind, kurz abzutauchen oder lassen es vom Beckenrand springen. Die Erwachsenen sollten dabei selbst keine Angst vor dem Wasser oder dem Tauchen zeigen. Das überträgt sich sonst sofort auf das Kind. Mit fünf oder sechs Jahren haben Kinder dann meist die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um schwimmen zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit sollten Eltern vor den Ferien einplanen, damit die Kinder rechtzeitig schwimmen lernen?

Stoll: Von Kurzschluss-Angeboten vor dem Urlaub rate ich ab. Es gibt Kurse, die werben mit Slogans wie: "Wir bringen Ihr Kind in zehn Stunden zum Seepferdchen." Das ist kaum realistisch. Meist brauchen Kinder ein halbes Jahr für das Seepferdchen, wenn sie zweimal pro Woche zum Schwimmunterricht gehen. Das kann aber wie beim Laufenlernen stark vom Kind abhängen. Außerdem gibt es meist Wartelisten für Plätze in Schwimmkursen. Eltern sollten sich bis zu einem Jahr im Voraus erkundigen.

SPIEGEL ONLINE: Solange Kinder nicht richtig schwimmen können, setzen viele Eltern auf eine Schwimmhilfe. Welche können Sie empfehlen?

Stoll: Ich rate von Schwimmflügeln ab. Sie sorgen für eine unnatürliche Schwimmposition. Und sie können gefährlich werden, wenn die Flügel nicht richtig aufgeblasen sind und von den Armen rutschen. Außerdem: Wird das Kind ohnmächtig oder verliert seine Kräfte, wird der Kopf nicht gestützt - die Gefahr zu ertrinken steigt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schwimmhilfen eignen sich dann?

Ich empfehle Beckengürtel, die dem Kind eine bessere Lage ermöglichen. Und: Eltern sollten auch auf keinen Fall das Seepferdchen-Abzeichen überschätzen. Erst ab dem Bronzeabzeichen gelten Kinder als sichere Schwimmer und dürfen ohne Aufsicht der Eltern schwimmen gehen. Solange Schwimmhilfen benötigt werden, sollten Eltern immer in Armlänge bei ihrem Kind sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist besser: Schwimmkurs oder selbst den Kindern Schwimmen beibringen?

Stoll: Ich rate zu einem Schwimmkurs. Meist fällt es den Kindern dann leichter, Ängste abzubauen. Außerdem sind Schwimmlehrer geschult. Ein Kurs kostet bis zu 100 Euro. Für einkommensschwache Familien gibt es häufig Rabatte. Fast alle Bäder bieten Schwimmkurse an. Auch Ferienanlagen werben damit. Die Eltern sollten aber in jedem Fall sichergehen, dass die Kurse nicht überfüllt sind. Fünf bis sechs Schüler pro Schwimmlehrer sind ideal. Gerade in Ferienanlagen sollte zudem sichergestellt werden, dass die Lehrer qualifiziert sind. Im Zweifelsfall können Eltern sich die Trainer- oder Ausbilderlizenz zeigen lassen.

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