Schwulen-Klischees im Unterricht Der Prinz von Popoland

Tuntige Klamotten, heftiges Näseln, feminine Bewegungen: In einem Klassenprojekt entblößten Berliner Schüler ihre Vorurteile über Homosexuelle. Deren Verband reagierte begeistert und bat die Teenager zu einem Gespräch.

Von Jörg Oberwittler


Berlin - Die fiktive Talkshow präsentiert die üblichen Zutaten des Unterschichtenfernsehens. Da ist die resolute Helga, die lautstark den Verdacht hegt, dass ihr Freund Bernie fremdgeht. Da ist der introvertierte Bernie, der sich das Keifen auf dem Sofa schweigend anhört. Und da sind die Nebenbuhlerinnen, die sich an seiner Seite in Rage reden.

"Du lügst doch wie gedruckt, du blöde Kuh!", "Ich hau' dir gleich eins auf die Schnauze!" Dann kommt der obligatorische Lügendetektortest. Alles bekannt aus den Nachmittagstalkshows – wäre da nicht das pikante Detail, dass sämtliche Frauenrollen von pubertierenden Jungen gemimt werden, die ihre Baggy-Jeans gegen das Rüschenkleid eingetauscht haben.

Für ein Schulprojekt zum Thema "Medien und Kommunikation" hatten Schüler aus Berlin-Hellersdorf einen Tag lang gefilmt, geschnitten und den Film anschließend gemeinsam mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) besprochen. Der Verband fand den 15-minütigen Streifen so angenehm ehrlich, dass er kurzerhand zu einer Podiumsdiskussion mit Vertretern aus den Bezirken sowie Lesben und Schwulen einlud. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: Wie steht es um die Aufklärungsarbeit über Homosexualität im Unterricht?

Bei der Vorführung des Films mag sich bei einigen der Verdacht aufgedrängt haben: wohl ziemlich übel. Der Film bedient sämtliche Klischees: Nasale Stimme, abgeknickte Handgelenke, übereinandergeschlagene Beine, feminine Bewegungen – fertig ist "Der Prinz von Popoland".

"Habt ihr das wirklich ernst gemeint?"

Bei der Diskussion fielen die Reaktionen im Publikum gemischt aus. Da waren die zaghaften Nachfrager ("Habt ihr das wirklich ernst gemeint oder ist das eine Persiflage?") und die selbstironischen Schwulen ("Der Film ist doch toll!"). Da saß die ältere Grünen-Bezirkspolitikerin ("Ich habe mehr Fragen als Antworten"). Und daneben der Jungpolitiker der Christdemokraten, den der "dekonstruktivistische Rollenwechsel" sofort an seine "poststrukturalistische Doktorarbeit" in den Politikwissenschaften erinnerte.

Die Schüler verstanden nur Bahnhof. Der Kurzfilm sei als "Sketch" entstanden. Die Mädchen wollten eine Talkshow, die Jungs "was Lustiges". War doch alles nur "Fun", so der 17-jährige Robert, einer der Macher des Films. Woher er sein Wissen über Homosexualität habe, wollte eine Zuhörerin wissen. "Man erzählt sich das halt so rum", antwortete Robert. Doch klar wurde dabei auch, dass das schiefe Bild von Homosexualität in der Tat vor allem aus den Nachmittagstalkshows stammt.

Andere Gäste nahmen es mit Humor und beklatschten die lockere Herangehensweise an das Thema. So zum Beispiel Guido Mayus vom Verband Schwule Lehrer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zugleich nutzte er die Gelegenheit, von den Bezirkspolitikern mehr Engagement für die Akzeptanz von Schwulen und Lesben einzufordern. Homosexualität müsse noch stärker in die Rahmenlehrpläne eingebunden werden, gerade viele ältere Lehrer würden sich nicht an das Thema herantrauen.

"Der Prophet hat sich auch geschminkt"

Auch in der Jugendarbeit, dort vor allem bei Jugendlichen ausländischer Herkunft erweist sich die Aufklärung als mühsam. Das bestätigte ein schwuler Jugendsozialarbeiter aus Berlin-Kreuzberg, der mit auf dem Podium saß. Fünf Jahre habe er bei den türkisch- und arabischstämmigen Gangs um Anerkennung kämpfen müssen. Authentizität, Respekt und ein offener Umgang hätten ihm Stück für Stück die Tür geöffnet. Nun heiße es seit zwei Jahren: "Wolfgang, mach' dir nix draus. Der Prophet hat sich auch geschminkt."

Die Hellersdorfer Schüler sagten, sie hätten keinerlei Probleme mit Homosexuellen. "Es war nicht in unserem Sinn, mit dem Film jemanden persönlich anzugreifen." Die Lehrerin sprang ihnen zur Seite: Bei der Vorführung auf der Elternversammlung seien die Reaktionen ebenfalls "sehr locker" gewesen.

Das berichtete auch Mitdarsteller Denis: "Meine Mutter hat nur gesagt: 'Was habt ihr denn da schon wieder gemacht?'!'" Einen Nachteil ziehen Kleid, Schminke und Perücke für den 17-Jährigen allerdings schon nach sich. Wenn er mal wieder zu Hause was angestellt hat, bekomme er jetzt von seiner Mutter im Scherz zu hören: "Wenn du bös' bist, musst du dir wieder ein Kleid anziehen."

Somit konnten die Anwesenden zum Schluss mehrheitlich gemeinsam über den Film schmunzeln. Zwar müsse noch einiges in Sachen Akzeptanz getan werden - aber, so stellte GEW-Lehrer Mayus fest: "Wenn Schüler mit Schwulen über so etwas gemeinsam diskutieren und lachen können, dann haben wir schon eine Menge erreicht."



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