Segelndes Klassenzimmer Mit Fidel auf die Zielgerade

In 190 Tagen um die Welt: 30 deutsche Austauschschüler durchquerten an Bord des Dreimasters "Thor Heyerdahl" den Atlantik. Jetzt sind sie zurück. Doch bevor es wieder nach Hause ging, besuchten die Teenager noch ein Schule auf Kuba - überall "la Revolución".


Fast ein halbes Jahr waren wir unterwegs auf hoher See. Wir haben Stürme erlebt und Flauten, schrieben Klausuren auf Deck und haben gelernt, die Seekrankheit zu überstehen. Bevor sich unser segelndes Klassenzimmer aber endgültig auf den Heimweg begab, machten wir noch einmal Station auf Cuba.

Wir besuchten das Friedrich-Engels-Internat in Havanna. Die Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog, die den sechsmonatigen Törn in die Karibik seit 15 Jahren organisiert, hatte das für uns eingefädelt. Im Unterricht stand Fernsehen auf dem Programm. Per Video wurde den Schülern englische Grammatik und spanische Literatur eingetrichtert. Die monotonen Filmchen stellt die Regierung. Aufgabe der Lehrer ist es einzig und allein, für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Aber das war gar nicht so einfach: Denn die Schüler interessierten sich weniger für englische Grammatik als viel mehr für die blonden Mädels der Thor Heyerdahl. Und so wirkten die Lehrer doch ganz erleichtert, als die Lautsprecher zur Pause heulten.

Etwas planlos bewegten wir uns durch das Schulgebäude. "Hasta la victoria siempre! Immer bis zum Sieg", mag es wohl einigen von uns durch den Kopf gegangen sein. Und wie rief Che Guevara noch? "Viva la Revolución!”

Nach dem Unterricht begaben wir uns auf eine Tour durch die Stadt. Plötzlich hörten wir ein leises Winseln: Vor einem heruntergekommenen Haus lag ein verdreckter Welpe. Mit leicht verklebten Augen blicket er erschöpft zu uns hoch. Wir reichten ihm Kekskrümel hin. Er tappste auf uns zu, doch seine Versuche, die Stückchen mit der Schnauze zu schnappen, scheiterten. Ausgelaugt von den Strapazen sank er in sich zusammen. Erschrocken sahen wir uns an und überlegten einen Tierarzt zu rufen, doch es war Sonntag. Fidel Castro sah uns zu - über uns thronte sein entschlossenes Gesicht an einer Häuserwand.

"Viva la Revolución!"

Unser Cuba-Aufenthalt endete mit einem Besuch im Staatstheater. Neugierig saßen wir auf unseren Logenplätzen, den Blick erwartungsvoll zur Bühne gerichtet. An dem Abend wurde klassisches Ballett aufgeführt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns schick zu machen, was auf der Thor zur Nebensächlichkeit geworden ist. Kerzengrade posierten wir in unseren Stühlen; bedacht darauf, Eleganz auszustrahlen, beobachteten wir die Tänzerinnen. Die Ballerinas trugen weite Flamencoröcke, die sie verführend um ihre Beine wirbelten. Von anmutig über humorvoll-plump bis revolutionär-dramatisch war alles dabei.

Am Abend war dann noch Partytime angesagt! Vor unseren Augen türmte sich ein Tisch mit köstlichem Essen. Geplagt vom alltäglichen Futterneid auf hoher See drängelten sich die Schüler der Thor Heyerdahl nach vorne und starrten begierig auf die bereitgestellten Ananasringe. Nach einem kurzen Willkommensgespräch mit den Mitgliedern des Comité de la Defense de la Revolución wurde das Buffet eröffnet. Da ließen wir uns nicht lumpen und hamsterten das Essen auf Tellern. Okay, man muss das auch so sehen: Es war eine Vorbereitung auf harte Zeiten im Nordatlantik.

Vollgefressen fläzten wir uns auf den Bürgersteig. Ein kubanischer Junge zückte Zettel und Stift und fing an zu zeichnen. Dabei schaute er immer wieder auf. "Malt der uns? Das ist ja nett!" Jedem reichte er eine Karikatur. Ulf ähnelte einem Käfer, Thomas einem Lama und Christian einem wuscheligen Teddybären. "Ääh, gracias!"

Es war ein geiler Abend - und was wissen wir jetzt über die Gemeinschaft? Zu der Verteidigung des Kommunismus gehören so gut wie alle Kubaner, Ausnahmen sind Kriminelle und Geisteskranke. Fidel ist hier überall präsent, und so kam es, dass wir zum Abschied selbstgebastelte Fächer mit seinem Foto geschenkt bekamen.

Von Britta Neumann und Leah Schroedter

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