Selbstverletzungen "Manche wollen sich bestrafen"

Warmes Blut rinnt über ihren Arm - und sie sind erleichtert. Chefarzt Falk Burchardt erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso Mädchen sich selbst verletzen. Und warum ihnen Murmeln im Schuh und Brausebonbons helfen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Burchard, warum verletzen sich Menschen selbst?

Burchard: Das kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Jemand wurde in der Schule gemobbt. Die Eltern haben sich getrennt. Es gibt Probleme mit dem Vater, der Mutter, dem Freund. Oder es kam zu einem sexuellen Missbrauch.

SPIEGEL ONLINE: Führt das alles nicht eher dazu, dass man andere schlagen will?

Burchard: Nicht unbedingt. Viele Betroffene sind wütend auf sich selbst. Sie haben das Gefühl, Schuld zu sein. Sie schämen sich. Manche wollen sich bestrafen. Andere fühlen sich entrückt und zerrissen, weil sie ein schlimmes Ereignis verdrängen. Sie ritzen sich, um sich wieder zu spüren. Wieder andere sind süchtig geworden nach der Endorphinausschüttung, zu der es bei der Selbstverletzung kommt. Natürlich gibt es auch Jugendliche, die sich einfach nur wünschen, dass man sich um sie kümmert.

SPIEGEL ONLINE: Viele sagen, dass ihnen das Ritzen nicht weh tut, dass es sich sogar gut anfühlt...

Burchard: Egal, aus welchem Grund sich die Betroffenen verletzen - bei fast allen tritt ein Gefühl der Entlastung ein. Wenn sie sich ritzen, geht es ihnen meist besser. Eine Art Druck fällt von ihnen ab. Darum schneiden sich viele wieder und wieder. Sie werden süchtig nach diesem Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind es meist Mädchen, die sich selbst verletzen?

Burchard: Durch einen höheren Anteil des Hormons Testosteron sind Jungen aggressiver, sie lassen ihre Wut meistens an ihrer Umwelt aus. Mädchen neigen häufig dazu, negative Gefühle nach Innen zu lenken. Sie leiden häufiger unter Depressionen, Ängsten und Zwängen - und kommen auf die Idee, sich selbst zu verletzen. Aber natürlich gibt es auch manche Jungen, die das tun.

Selbstverletzendes Verhalten kann auftreten bei...

SPIEGEL ONLINE: Beobachten Sie mehr Selbstverletzungen als vor einigen Jahren?

Burchard: Es gab schon immer Jugendliche, die das gemacht haben. Aber in letzter Zeit sind es nach meinem Eindruck mehr geworden. Psychische Störungen bei Jugendlichen nehmen insgesamt zu, das hat auch der aktuelle Jugendsurvey ergeben, eine Studie des Deutschen Jugendinstituts. Fehlender Familienzusammenhalt, soziale Unsicherheit, psychisch kranke oder alkohol- oder drogenabhängige Eltern, zu geringe Betreuung durch die Jugendhilfe - all das können Gründe sein. Klar kann es in einer Klasse auch mal Mode werden, sich zu verletzen. Aber von zehn Mädchen, die das ausprobieren, hören acht wieder auf. Nur die beiden, die sowieso schon Probleme haben, machen weiter.

SPIEGEL ONLINE: Welche Arten von Selbstverletzungen gibt es?

Burchard: Die häufigste Methode ist sicherlich "Ritzen", das Schneiden in Arme, Beine oder Bauch. Aber es gibt auch Leute, die sich mit der Zigarette Wunden in den Arm brennen, die angeschaltete Herdplatte anfassen, sich Gliedmaßen abschnüren. Auch das Essen ungenießbarer oder gefährlicher Gegenstände kann in selbstverletzender Absicht geschehen. Manche verletzen sich nur oberflächlich und nur an gut sichtbaren Stellen. Andere wählen die Beine oder die Füße und schneiden richtig tief. Manchmal müssen die Wunden sogar genäht werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Selbstverletzungen ein Zeichen dafür, dass jemand sich umbringen möchte?

Burchard: Bei einigen kann es sich durchaus um einen versteckten Suizidversuch handeln. Andere wollen sich einfach nur Erleichterung verschaffen - oder Aufmerksamkeit bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Freunde, Eltern und Geschwister tun, wenn sie das mitbekommen?

Burchard: Wenn es nicht gerade die Initialen des Lieblingssängers sind, die sich jemand in den Unterarm ritzt, sollte man eine Selbstverletzung auf jeden Fall als Notsignal werten. Eltern sollten versuchen, mit ihrem Kind zu sprechen. Was genau los ist - das rauszufinden, ist nicht einfach. Daher ist es gut, sich an einen Psychologen, Kinderpsychiater oder eine andere kompetente Person zu wenden. Für Geschwister und Freunde gilt: Unbedingt mit einem Erwachsenen drüber sprechen, wenn nicht mit den Eltern, dann mit dem Vertrauenslehrer. Bloß nicht dicht halten. Denn vielleicht will derjenige sich wirklich umbringen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich Betroffene in Internet-Foren mit anderen Ritzern austauschen?

Burchard: Das ist ein schwieriges Thema, finde ich, da es sehr unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Manche fühlen sich sicherlich verstanden, finden andere, die auch Probleme haben und bekommen Tipps, wie sie aufhören können zu ritzen. Hinweise, an wen sie sich wenden könnten. Oder kommen über ihre Probleme, um die es ja eigentlich geht, lösungsorientiert ins Gespräch. Es kann aber auch passieren, dass die vielen Schilderungen über Schneide-Techniken und Wundversorgungen zum Weitermachen verleiten - dann kann so ein Forum auch symptomverstärkend wirken. Es kommt sicher auch sehr darauf an, wie und mit welchem Schwerpunkt ein solches Forum gemacht wird. Und ob es Tendenzen zur Verherrlichung von Selbstverletzung in dem Forum gibt.

SPIEGEL ONLINE: Muss man unbedingt eine Therapie machen, um das Ritzen sein zu lassen?

Burchard: Das ist ähnlich wie bei einer Sucht: Die einen kommen ganz von allein davon weg, weil sie den starken Willen haben aufzuhören. Andere schaffen es nur mit Hilfe einer Therapie. Aber auch die müssen den Wunsch haben, ihr Verhalten zu ändern. Außerdem kommt es natürlich sehr darauf an, wie groß das Gesamtproblem ist, das jemand mit sich herumschleppt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn sich in ihrer Klinik, der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg, jemand schneidet?

Burchard: Sätze wie "Sie hat sich schon wieder selbst verletzt" fallen nicht. Und Ärger gibt es auch keinen. Stattdessen versuchen wir, den Jugendlichen zu zeigen, wie sie andere Reize setzen können, wenn es ihnen schlecht geht und sie gerade den Wunsch haben, sich zu ritzen. Was sie tun können, um den Druck abzubauen. Manchen hilft es, sich ein Gummiband gegen das Handgelenk zu schnipsen - das zwiebelt ganz ordentlich. Andere lutschen saure Brausebonbons, packen sich Murmeln in die Schuhe und laufen damit herum oder nehmen einen Igelball in die Hand. Wenn sich ein Mädchen selbst verletzt hat, soll es außerdem eine sogenannte Verhaltensanalyse schreiben. Darin soll sie sich sehr genau mit den momentanen Ursachen und mit der Frage, warum sie es nicht geschafft hat, Alternativen zu finden, auseinandersetzen. Natürlich gibt es außerdem Gruppen- Einzel- und oft auch Elterngespräche und viele andere Therapieangebote.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert die Therapie?

Burchard: Bei uns gibt es ein festes Programm, das nach neun Wochen vorbei ist. Dann kommen die Mädchen wieder nach Hause. Den meisten geht es bei der Entlassung besser, völlig geheilt ist keine. Die Gefahr, rückfällig zu werden, besteht immer - wie bei einer Magersüchtigen oder einem Alkohol-Abhängigen. Viele würden sicherlich gern noch viel länger in der Klinik bleiben. Denn hier erleben sie manchmal nach langer Zeit zum ersten Mal, als Person wertgeschätzt und angenommen zu werden, schließen wichtige Freundschaften. Letzten Endes geht es darum, dass die Mädchen draußen wieder klar kommen können. Dass sie wissen, wie sie anders reagieren können, wenn der Ritzdruck da ist.

Das Interview führte Katrin Schmiedekampf


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