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Sexismus in Schulbüchern: Mama putzt, Papa hört Musik

Foto: GEM Report

Sexismus in Schulbüchern Normal ist, wenn Papa arbeitet und Mama kocht

"Sie hat spitze Brüste und will später mal schön heiraten. Ihr Bruder möchte gern Arzt werden." In manchen Ländern stehen solche Sätze in Schulbüchern. Die Unesco fordert einen Wandel.

Ein Übungstext in einem Englisch-Schulbuch aus Tansania: "Die Miss Tansania dieses Jahres hat ihren Sieg wirklich verdient. Sie ist sehr schön. Deswegen bewundern sie viele Menschen. Sie ist groß und schlank. Ihr Hals ist so lang wie der einer Giraffe. Ihre Brüste sind spitz wie Nadeln. Außerdem hat sie eine sehr helle Hautfarbe."

Den Buchausschnitt hat David McGinty auf Twitter geteilt, unter dem Hashtag #BetweenTheLines. Er folgt damit einem Aufruf der Unesco. Die Weltorganisation will nicht nur dafür sorgen, dass Kinder in armen Ländern überhaupt Schulbücher bekommen . Sie will auch die Qualität der Lehrmittel verbessern.

Eine Studie im Auftrag der Unesco kommt zu dem Ergebnis, dass Sexismus in Schulbüchern weltweit verbreitet ist - von der Reduzierung von Frauen auf Äußerlichkeiten bis hin zur bevorzugten Darstellung alter Rollenmodelle. Meist findet sich der Sexismus zwischen den Zeilen. Daher auch der Hashtag #BetweenTheLines, mit dem die Organisation für eine umfassendere Studie weltweit nach weiteren Beispielen sucht.

Jungen träumen vom Beruf, Mädchen von der Hochzeit

In einem türkischen Lehrwerk wird gefragt: "Wovon träumen diese beiden Kinder?" Ein Kind will später Arzt werden, man kann es in einer Gedankenblase sehen. Das andere träumt von einer schönen Hochzeit. Welches Geschlecht hat das jeweilige Kind? Ganz recht, vom Medizinerdasein träumt ein Junge, von der Hochzeit ein Mädchen.

So sei es oft, sagen Aaron Benavot und Catherine Jere von der Universität East Anglia, die die Unesco-Studie geschrieben haben . In vielen Schulbüchern sind Männer fürs Berufsleben zuständig, für Politik, Gesellschaft und das Geldverdienen. Die Aufgabe der Frauen ist, den Männern hinterherzufeudeln, sich um die Kinder zu kümmern, dem Mann am Feierabend ein leckeres Essen auf den Tisch zu stellen.

Ganz explizit findet sich das in einem pakistanischen Schulbuch: "Die Tabelle zeigt, womit Saikat und seine Familie normalerweise den Abend verbringen", heißt es da. Da liest der Vater Zeitung, während die Mutter das Abendessen zubereitet. Wo Sohn und Vater mit der Tätigkeit "Abendessen" in der Tabelle eingetragen sind, steht für die Mutter "Abendessen servieren und essen". Später ist für die Mutter vorgesehen, zu putzen und sich um die Wäsche zu kümmern, der Sohn soll ihr helfen, der Vater hört derweil Musik und schreibt.

"Egal, wie man es misst, sei es in Textzeilen, in auftretenden Figuren, in Titelnennungen oder in Zitaten: Frauen und Mädchen sind in Schulbüchern und Lehrplänen unterrepräsentiert", sagen Benavot und Jere. Nimmt man etwa die sechs Mathematik-Bücher, die in indischen Grundschulen zum Einsatz kommen, fällt auf, dass die Akteure, die im Geschäfts- und Berufsleben gezeigt werden, überwiegend Männer sind; nicht einmal eine Geschäftsführerin, Ingenieurin, Ladenbesitzerin oder Händlerin kommt vor. In vielen afrikanischen Schulbüchern liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, besagt eine andere Studie.

Und in Deutschland?

"Generell werden in den von uns untersuchten Schulbüchern beide Geschlechter sehr stereotyp dargestellt: Frauen kümmern sich um Ernährung, Pflege und Haushalt, Mädchen treten als passiv und konformistisch in Erscheinung. Dagegen sind fast alle beeindruckenden, noblen und aufregenden Zuschreibungen Jungen und Männern vorbehalten", fassen die beiden Forscher zusammen.

Nun spiegeln die Schulbücher in vielen Fällen die gesellschaftliche Realität. Gleichberechtigung der Geschlechter ist gerade in Entwicklungsländern häufig keine Priorität. Das Problem: Die Rollenmuster werden auf diese Weise verfestigt. Schulbücher haben eine große Bedeutung, wenn es um die Frage geht, was Heranwachsende als normal ansehen. Deshalb kritisieren die Unesco-Forscher eine Eintönigkeit im vermittelten Gesellschaftsbild, die den Eindruck entstehen lässt, kein anderes als das hergebrachte Familienmodell sei normal.

Ein kongolesisches Gesellschaftskunde-Buch zum Beispiel fragt nach den Institutionen, die bestimmte Politiker repräsentieren - und zeigt einen Minister, einen Präsidenten, einen Abgeordneten. Keine Frau.

Und wie sieht es in Deutschland aus? Eine fünf Jahre alte Untersuchung im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)  setzt an einem anderen Punkt an. Homosexualität werde weitgehend ausgeblendet, ebenso Bisexualität und Transgender. Es wird eine "subtile Stereotypisierung" kritisiert, es werde zu wenig auf geschlechtergerechte Sprache geachtet.

Ist Ihnen auch schon mal Sexismus in Schulbüchern aufgefallen? Die Unesco sammelt weiter Beispiele rund um den Globus. Wer eins findet und beitragen möchte, kann seinen Fotobeleg mit dem Hashtag #BetweenTheLines bei Twitter posten. Die Metastudie der Organisation soll im Sommer erscheinen, mit international vergleichenden Ergebnissen und Beispielen.