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21. Dezember 2017, 10:47 Uhr

Sexuelle Belästigung von Jugendlichen

Fass mich nicht an!

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Fast jeder zweite Jugendliche hat schon sexuelle Belästigung erlebt. Aber es fällt schwer, darüber zu sprechen - und viele Opfer geben sich selbst die Schuld. Zwei Projekte möchten das ändern.

"Neiiinnn!", schreien die vier Mädchen laut und entschlossen. Ihre Trainerin Tatjana Beer hält sich zufrieden die Ohren zu. Die Mädchen, 11 und 13 Jahre alt, stehen in einem Hamburger Jugendzentrum im Kreis und wiederholen dieses eine Wort auf Beers Aufforderung hin immer wieder. Mal leise, mal trotzig, mal überheblich. "Nein ist das wichtigste Wort in der Selbstverteidigung", sagt Beer. Wenn die Mädchen es brauchen, sollen sie es parat haben.

Beer trainiert seit fast 20 Jahren Frauen und Mädchen darin, sich selbst zu behaupten. WenDo heißt das feministische Selbstverteidigungskonzept. Außerdem ist Beer Kriminologin und kennt die einschlägigen Statistiken und Studien.

48 Prozent der Neunt- und Zehntklässler in Deutschland wurden bereits sexuell belästigt, haben die Unis in Marburg und Gießen in der repräsentativen Studie "Speak!" jüngst untersucht. Befragt wurden gut 2700 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 an 53 allgemeinbildenden Schulen in Hessen. Mädchen sind demnach mit 55 Prozent häufiger betroffen als Jungen mit 40 Prozent.

Die Präventionsarbeit, so die Studienmacher, sollte mit elf Jahren beginnen. Zu einem verpflichtenden Angebot an Schulen gehört sie aber nicht, kritisiert der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. So liegt es am Engagement von Lehrerinnen und Sozialarbeitern, ob Jugendliche Angebote wie die von Tatjana Beer überhaupt kennenlernen.

So wichtig Beer ihre Arbeit findet, so ambivalent steht sie ihr gegenüber. Schließlich seien es die Mädchen, die einen Kurs besuchen müssten. "Das vermittelt, bei ihnen stimmt etwas nicht. Das ist falsch. In der Gesellschaft stimmt etwas nicht."

Was falsch läuft, zeigt die Debatte um #MeToo zurzeit eindrücklich. Verantwortlich seien die Machtstrukturen in der Gesellschaf, sagt Ursula Schele, Geschäftsführerin von Petze. Das Institut für Gewaltprävention aus Kiel hat eine Ausstellung für Jugendliche ab der 7. Klasse entwickelt, in der die Schüler für ihre Grenzen sensibilisiert werden, etwas über ihre Rechte lernen und Rollenklischees und Täterverhalten hinterfragen.

Zurzeit ist die Ausstellung "Echt Krass!" in der Kleinstadt Perleberg zu sehen. Jede Schule, jedes Jugendzentrum kann sie anfordern. Denn sexuelle Belästigung ist überall in Deutschland ein Problem.

Zwei Achtklässler kichern, während sie vor einer der fünf Ausstellungsstationen stehen. Sie sollen Szenen in einem Wimmelbild bewerten, das Schüler auf einem Pausenhof zeigt. Ein roter Magnet bedeutet, "geht gar nicht", grün heißt "völlig okay". Der Schmächtigere von beiden klebt einen grünen Magneten an eine Zeichnung, in der ein Junge ein Mädchen ganz offensichtlich gegen ihren Willen anfasst. "Was bist du denn für einer?", schimpft sein Mitschüler lachend und tauscht den Punkt aus.

Diese Jungen wissen sehr genau, was geht und was nicht. "Man sieht ja, dass er oder sie das nicht will", sagt ein 14-Jähriger, dem die roten Punkte ausgehen.

"My dress is not a yes"

Die eigenen Grenzen kennen, ist das eine, sie so deutlich zu zeigen, der andere Aspekt. "Lass dir nichts gefallen!" und "Sag sofort, was dich stört!" sind Appelle, die den Jugendlichen, unterfüttert mit persönlichen Geschichten in der Ausstellung, Mut machen sollen.

"Gib dir keine Schuld!" lautet ein anderer Appell. Was das bedeutet, soll die auf Band aufgenommene Geschichte eines Mädchens verdeutlichen, die sich die Schüler anhören können: "Da hatte ich doch glatt meine Oma im Ohr. Die sagt immer, ich soll nicht so sexy rumlaufen, damit mir nichts passiert. Und als mir der Typ im Klub zwischen die Beine fasste, dachte ich erst, 'Mist, hätte ich nur 'ne Jeans an'. Aber was für ein Quatsch. My dress is not a yes."

Das Gefühl von Mitschuld ist noch immer weit verbreitet. Studien unter Schülerinnen in den USA und Studentinnen in Deutschland zeigen, dass die Betroffenen Scham- und Schuldgefühle haben. Laut der deutschen Studie ist das Gefühl bei sexueller Gewalt sogar ausgeprägter als bei sexueller Belästigung.

Die Folge: Schweigen. Nur neun Prozent der Betroffenen haben sich laut der US-Studie an Erwachsene gewandt. Hierzulande sind es laut hessischer Studie etwas mehr: Etwa ein Sechstel derjenigen, die sexualisierte Gewalt erleben, sprechen mit ihrer Mutter. Hauptansprechpartner aber sind Freunde. Und fast die Hälfte behält den Vorfall für sich.

Die Achtklässler in der Provinz und die Mädchen in Hamburg sagen mehrheitlich, sie würden sich an ihre Eltern wenden. Nur ein paar widersprechen: Es sei "peinlich", mit Mutter oder Vater "darüber" zu reden - selbst wenn ihnen etwas gegen ihren Willen widerfährt. Scham und Angst vor einer vermeintlichen Mitschuld, etwa wenn Alkohol im Spiel war, beschäftigt auch diese Jugendlichen.

Bei Mädchen kommt laut der US-Studie hinzu, dass sie Belästigung fast als normal empfinden. Bei Jungen ist es laut Jan Heitmann, Geschäftsführer vom Verein Jungenarbeit Hamburg, oft der Knacks im Selbstbild, der sie am Sprechen hindere: Das Gefühl, Opfer zu werden, stelle ihr Selbstverständnis als "richtiger" Junge infrage, sagt Heitmann, dessen Verein Prävention speziell für Jungen anbietet.

Auch wenn sich in den letzten 25 Jahren viel getan habe und die Problematik sexualisierter Gewalt in Schulen endlich debattiert werde: Die Jugendlichen würden noch zu oft allein gelassen, sagt die Kieler Geschäftsführerin Schele.

Die Ausstellung und der Selbstverteidigungskurs zeigen, dass es relativ leicht ist, bei Schülern das Bewusstsein zu wecken, sich wehren zu können. Denn das Fazit bei den Jugendlichen in der Provinz fällt ganz ähnlich aus wie das Mantra vom Nein, das Tatjana Beer mit ihren Mädchen in Hamburg einstudiert. Das Wichtigste, was sie aus der Ausstellung mitgenommen habe, sagt eine 14-Jährige, sei, "dass man sagen soll, wenn man etwas nicht will."

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