Shell-Studie 2019 Mehrheit der Jugendlichen glaubt, die Regierung verschweige "die Wahrheit"

Sind die Fridays for Future-Proteste repräsentativ dafür, wie Jugendliche in Deutschland denken? Eine neue Studie zeichnet ein anderes Bild: Viele 12- bis 27-Jährige sitzen populistischen Mythen und Verschwörungstheorien auf.

Teenager: Wie denken junge Menschen in Deutschland über Politik, Gesellschaft, ihre Zukunft? Das erhebt alle vier Jahre die Shell-Studie
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Teenager: Wie denken junge Menschen in Deutschland über Politik, Gesellschaft, ihre Zukunft? Das erhebt alle vier Jahre die Shell-Studie

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Die Jugend von heute? Weltgewandte Teenager, die Freitag für Freitag in deutschen Innenstädten gegen die Klimapolitik protestieren, sich auf Englisch mit Mitstreitern auf der ganzen Welt austauschen, sich in Flüchtlingsprojekten engagieren - das ist für viele das derzeit vorherrschende Bild.

Doch es zeigt anscheinend nur die halbe Wahrheit - das legen die Ergebnisse der 18. Shell-Jugendstudie nahe, die nun in Berlin vorgestellt wurde.

Zwischen Januar und März befragten die Wissenschaftler um "Jugend-Erklärer" Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance mehr als 2500 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 27 Jahren. Aus den Antworten erstellten sie das Portrait einer so ganz und gar nicht einheitlichen Generation.

Im Schatten der Engagierten, das ist eine Haupterkenntnis der Studie, wächst eine Gruppe heran, die sich von Politik missverstanden, ignoriert und sogar manipuliert fühle - und die in Teilen Denk- und Verhaltensmuster von Populisten übernommen habe, schreiben die Autoren.

  • "In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden" - dieser Aussage stimmen 68 Prozent der Befragten zu.
  • Mehr als die Hälfte (53 Prozent) glaubt, "die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit".
  • Ein gutes Drittel ist der Meinung, die deutsche Gesellschaft werde "durch den Islam unterwandert".

Aus Aussagen wie diesen spricht ein Misstrauen gegenüber dem Establishment, gegenüber politischen und gesellschaftlichen Eliten. Sie knüpfen an "latente Ängste" an, "dass man selbst zu kurz kommen könnte". Und sie zeugen von Intoleranz, die sich in einem Teil der sonst so offen wirkenden Altersgruppe festgesetzt hat.

Zwar betont die Mehrheit der Jugendlichen (57 Prozent), sie fänden es gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen habe. Gleichzeitig gibt ein Fünftel an, sie fänden es nicht so gut, wenn in der Wohnung nebenan eine Flüchtlingsfamilie einziehen würde. 18 Prozent lehnen es ab, neben einer türkischen Familie zu wohnen.

Mit Optimismus in die Zukunft

Die positiven Entwicklungen rücken angesichts dieser Tendenzen fast in den Hintergrund. So blicken Jugendliche heutzutage überaus optimistisch in ihre persönliche Zukunft, zum ersten Mal seit 2006 liegen junge Menschen in Ost- und Westdeutschland hier gleich auf. Auch in anderen Gebieten nivellieren sich 30 Jahre nach dem Mauerfall die Unterschiede zwischen neuen und alten Bundesländern.

Die Zuversicht der jungen Generation speist sich auch aus ihrer Überzeugung, dass es in Deutschland weitgehend gerecht zugeht. Sie glauben den Wissenschaftlern zufolge daran, dass jeder und jede in diesem Land etwas aus sich machen kann, wenn man zu Leistung bereit ist. 87 Prozent der Auszubildenden sind sich demnach sicher, im Anschluss an die Lehre eine Anstellung zu finden - so viele wie nie zuvor.

Bei der Berufswahl achten junge Menschen allem Optimismus zum Trotz vorrangig auf Sicherheit. Damit setzt sich ein Trend fort, den die Studienautoren schon seit einigen Jahren beobachten - auch wenn der Wert seit der Finanzkrise 2009 und 2010 wieder leicht abgenommen hat. Gleichzeitig steigen die Ansprüche: Eine breite Mehrheit wünscht sich neben dem Beruf ausreichend Freizeit (85 Prozent) und ein hohes Einkommen (77 Prozent).

Politisch interessiert - aber trotzdem unzufrieden

Viele interessieren sich für das, was in der Welt um sie herum passiert. Im Vergleich zur Vorgängerstudie 2015 ist das politische Interesse zwar leicht gesunken - von 43 auf 41 Prozent. Es liegt aber noch immer weit über den Werten von 2002. Damals charakterisierten die Autoren der Shell-Studie die Generation von Jugendlichen als pragmatisch und unideologisch.

Ein grundsätzliches Interesse an Politik und Gesellschaft muss allerdings nicht bedeuten, dass die jungen Menschen mit der Arbeit der Volksvertreter zufrieden wären. So glauben 71 Prozent von ihnen nicht, dass sich "Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken". Diese Verdrossenheit ist bei niedriger Gebildeten tendenziell stärker verbreitet.

Klimawandel und Terror - was Jugendlichen Angst macht

Die Ängste der Jugendlichen spiegeln, wie auch schon in vergangenen Shell-Studien, die gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit wider: Fürchteten sich junge Leute 2015 noch am meisten vor Terroranschlägen, steht heute Umweltverschmutzung an erster Stelle. Wie gespalten die junge Generation auch in ihren Ängsten ist, zeigt sich mit Blick auf das Thema Zuwanderung: Die Angst vor Zuwanderung nimmt zu, die Angst wegen Ausländerfeindlichkeit überwiegt aber.

Rückhalt in der Familie

Schon in den vergangenen Shell-Studien zeigte sich, dass Jugendliche und ihre Eltern gut miteinander zurechtkommen - Generationenkonflikte, wie sie angesichts der zunehmend hitzigen Klimadebatten zu erwarten gewesen wären, zeichnen sich nicht ab.

Neun von zehn Befragten verstehen sich "gut" oder "bestens" mit den eigenen Eltern. 74 Prozent der Jugendlichen würden ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen worden sind. Gleichzeitig fällt vielen der Abnabelungsprozess schwer: Drei Viertel der Auszubildenden und rund 40 Prozent der Studierenden und Erwerbstätigen wohnen noch zu Hause.

insgesamt 112 Beiträge
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anndr207 15.10.2019
1. Fridays for Future Bewegung schlechtes Gegenbeispiel
Ich musste schon etwas schmunzeln beim lesen der Einleitung. Bewegungen wie Fridays for Future (und im besonderen auch Extinction Rebellion) sind mittlerweile unterwandert von Populisten und vom Verfassungsschutz beobachteten (linksextremen) Gruppierungen, welche ihre radikalen und gefährlichen Ansichten (die schon lange nicht mehr nur mit Umwelt und Klima zu tun haben) unter den Jugendlichen streuen. Daher könnte man Fridays for Future eher (!) als bestätigendes Beispiel der Shell-Studie nennen und nicht, wie die Autorin, als Gegenbeispiel.
h_grabowski 15.10.2019
2. Kein Wunder
Meiner Meinung nach fehlen heutzutage immer mehr Strukturen, langfristige Perspektiven und erstrebenswerte Ziele, woran die Jugend sich orientieren kann. Alles immer schneller, ständiger Wandel. Es fehlen Lebenskonzepte. Und genau so wechselhaft steht es um die eigene Meinung. Man kann sich ja gar nicht mehr schnell genug über jedes Thema informieren und rennt dann heute mal der einen, morgen der anderen Gruppe von 'Rattenfängern' hinterher.
syracusa 15.10.2019
3. das war schon immer so
Nun, dass Jugendliche leichter verführbar und natürlich auch politisch verführbarer sind, war schon immer so und wird immer so bleiben, weil das ganz logisch ist. Für differenziertes, reflexierendes Denken ist nun mal mehr Bildung nötig und v.a. mehr Lebenserfahrung. Das fehlt bei Jugendlichen noch weitgehend, dazu kommt dann die naturgemäß geringere politische Teilhabe und die Bevormundung durch die Eltern. Da wird man dann auch schnell zum Revoluzzer gegen die bestehenden Verhältnisse.
christoph.bohr 15.10.2019
4. wer sich hier wundert ist macht sich schon verdächtig
Wir haben Private Fernsehsender mit zu wenig Bildungskonformen Inhalten. Ohne Bildung fallen wir zurück ins Mittelalter - an der Bildung wird gespart. Das passt ganz gut in das Konzept von Konzernen die beispielsweise davon leben Zuckerwasser oder Panzer zu verkaufen. Unser Presse geht am Stock - Anzeigenkunden wandern ab in Internet und am Ende bleibt eine Industrie- konforme Meinungsbildung durch die Presse, genau so verhält es sich überwiegend mit den öffentlich rechtlichen Fernsehsendern.
josho 15.10.2019
5. Die Studie bestätigt, dass sich .....
.....nach dem Empfinden der Befragten die Politiker sich zu 71 Prozent nicht um das kümmern, "was Leute wie ich denken". Das wiederum deckt sich mit der Tatsache, dass sich "die Leute" - sprich die Wähler - zunehmend von den etablierten Parteien abwenden, da diese ihrer Ansicht nach den Kontakt zum wirklichen Leben verloren haben. Die Folge ist die Zuwendung zu Populisten, die ihnen suggerieren, dass sie dort verstanden werden. Wenn das so ist: sollten die "Etablierten" nicht endlich damit beginnen, den Kontakt zu "den Leuten" wiederherzustellen?
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