Shell-Jugendstudie 2019 Populismus auf dem Pausenhof

Die neue Shell-Jugendstudie zeigt, dass auch junge Menschen anfällig für Rechtspopulismus sind. Manche Aussagen sind erschreckend - die Ergebnisse sollten Eltern und Lehrern zu denken geben.

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Der alte weiße Mann, aus Funk und Fernsehen bekanntes Symbol von Uneinsichtigkeit und Beharrlichkeit, kann wohl bald in den Vorruhestand gehen. Denn laut der am Dienstag in Berlin vorgestellten Shell-Jugendstudie sind auch junge Menschen - gleich welchen Geschlechts oder ihrer Herkunft - anfällig für plumpe Vorurteile, rassistische Ausgrenzung und Verschwörungstheorien.

Über zwei Drittel der jungen Befragten stimmen ganz oder teilweise der Aussage zu, in Deutschland dürfe man "nichts Schlechtes über Ausländer sagen", ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden. Mehr als die Hälfte findet, die Regierung verschweige tendenziell "die Wahrheit". Und fast genauso viele meinen, der Staat kümmere sich stärker um Flüchtlinge als um "hilfsbedürftige Deutsche".

Rumms. Die erst vor Kurzem entdeckte Generation Greta scheint damit hinfällig. Und das alles, obwohl in den vergangenen Monaten Hunderttausende für mehr Klimaschutz, Seenotrettung oder Feminismus auf die Straße gingen. Ist die Jugend in Deutschland mehrheitlich doch ganz anders? Womöglich latent - oder gar offen - rechts?

Tatsächlich zeigt der Populismus-Befund der Studie vor allem, dass auch Jugendliche mitbekommen, wie um sie herum diskutiert wird. Die populistischen Antworten bilden eine gesellschaftliche Stimmungslage ab: Der rauer werdende Tonfall in Talkshows, sozialen Netzwerken und bei manchen Familienfesten bleibt jungen Menschen nicht verborgen, im Gegenteil. Dass viele diese Stimmung aufgreifen, ist erschreckend. Aber auch nicht so neu, wie es scheint.

Schon bei den vergangenen Shell-Jugendstudien zeigte sich zuverlässig, welche Ängste am Abendbrottisch und in der Schule weitergegeben wurden.

Die Konjunktur der Ängste

2002, kurz nach dem 11. September, waren "Terroranschläge" die größte Sorge. Die folgenden acht Jahre blieb es die Angst um die "wirtschaftliche Lage und steigende Armut" - passend zu Hartz-IV-Debatten und Krisen-Diskussionen. Bei der bislang letzten Studie 2015 war es dann wieder - dieses Mal kurz nach den Anschlägen von Paris - der Terrorismus, der jungen Menschen am meisten Angst machte.

Jetzt geht es also um Populismus auf dem Pausenhof. Doch auch wenn die Zahlen erschreckend sind, lassen sie sich kaum als Beleg für einen Millennial-Rechtsruck heranziehen: Noch immer schätzen sich 41 Prozent als links oder eher links ein, vier Prozentpunkte mehr als 2015. Nur 13 Prozent halten sich für rechts oder eher rechts. 77 Prozent sind mit der Demokratie eher oder sehr zufrieden. Die größte Angst ist 2019 übrigens nicht mehr Terror, sondern Umweltverschmutzung.

Das zeigt einerseits, dass längst nicht jeder Jugendliche, der sich für progressiv und aufgeklärt hält, frei von Vorurteilen ist. Es zeigt aber auch, dass vielen jungen Menschen nicht mehr klar zu sein scheint, was der Unterschied zwischen Widerspruch und Ausgrenzung ist. Gerade im Umgang mit jungen Menschen bleibt es deshalb wichtig, Kritik nicht nur reflexhaft, sondern auch inhaltlich zu begründen. Das gilt allerdings nicht nur bei rassistischen Aussagen, sondern beispielsweise auch beim Klimastreit.

Ein unfairer Gedanke

Es ist natürlich ein schöner Gedanke, dass ausgerechnet die Jugend mit ihrem Engagement die ganze Welt vor Rechtspopulismus und Klimawandel bewahren könnte. Aber er ist auch unfair, denn die nach dem Jahr 2000 Geborenen machen zusammen etwa 18 Prozent der Bevölkerung aus. Wer dazugehört, wird zwischen vielen alten Menschen und vielen neuen Ansprüchen erwachsen. Nischen gibt es kaum noch, das stellt auch die Shell-Studie fest. "Es wird für Jugendliche immer schwieriger, eine von Kommerzialisierung unabhängige Identität auszubilden", heißt es an einer Stelle.

Dass die neuen Zahlen jetzt für so viel Aufsehen sorgen, dürfte nicht zuletzt aber auch daran liegen, dass die Populismus-Fragen in der Shell-Jugendstudie zum ersten Mal gestellt wurden. Ältere Generationen mussten sie deshalb nie beantworten. Vielleicht ist es für den gesamtgesellschaftlichen Frieden auch besser, nicht zu wissen, wie junge Menschen vor 15 Jahren über Langzeitarbeitslose und Frührentner geredet hätten.

Die Ergebnisse der neuen Studie spiegeln vor allem das, was junge Menschen heute alltäglich in unserer Gesellschaft erleben. Doch es wäre unehrlich so zu tun, als sei es die Schuld der Jugend, nicht klüger zu sein als Lehrer und Eltern. Dass auch erschreckend viele Deutsche über 25 regelmäßig ausgrenzen und abwerten, muss keine neue Studie beweisen, die Leipziger Mitte-Studien und ähnliche Erhebungen dokumentieren es seit Langem. Von dort stammen übrigens auch die meisten Populismus-Fragen der Shell-Jugendstudie.

insgesamt 78 Beiträge
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Unterscheider 15.10.2019
1. Genaue Begriffe und Gedanken
Der Artikel verwendet durchweg den Begriff "Populismus" im Sinne von "rechter/rechtsextremer Populismus". Das ist ungenau, es gibt genau so linken und andere Formen von Populismus (bei manchen Klimaschützern übrigens auch!). Es ist sogar tendenziös, weil mit der begrifflichen Unschärfe die Möglichkeit der anderen Populismen ausgeblendet wird. Es geht dabei nicht darum, welcher Populismus schlimmer ist, sondern darum, die Dinge klar zu benennen und darauf aufbauend ein vernünftiges Urteil zu bilden: Nur das verhindert ja Populismus. Und dann wird "der Jugend" im Artikel vorgeworfen, sie sei anfällig für Vorurteile...
kavtub 15.10.2019
2. Die Jugend...
...ist ein Spiegel-Bild der Gesellschaft. Werte werden am Abendbrotstisch geprägt. Wir sollten also eher fragen, woher einige Verwirrungen kommen und wie Eltern, aber auch Schule und Medien dafür sorgen können, dass Menschen in der Lage sind, eine Gesellschaft zu antizipieren, inder alle so denken wie sie selbst. Dann kommt man schnell weg von dem Rassismus-Drift.
frummler 15.10.2019
3. willkommen in der realität!
zitat: Über zwei Drittel der jungen Befragten stimmen ganz oder teilweise der Aussage zu, in Deutschland dürfe man "nichts Schlechtes über Ausländer sagen", ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden. manchmal frage ich mich ernsthaft in welcher welt die politiker und ihr medienleute eigentlich lebt! ich bin selbert ü50 und verstehe euch schon lange nicht mehr! die meinung der jugend ist vollkommen richtig! natürlich werde ich jetzt auch wieder als rechter bezeichnet obwohl ich grünen wähler bin was aber genau das bestättigen wird was die jugend mit ihrer aussage meint!
akami73 15.10.2019
4. Aufteilung nach Schulart wäre interessant
Bei mir auf dem Schulhof gibt es keinerlei solche nationalistischen und verschwörerischen Behauptungen. Liegt aber wahrscheinlich daran, dass es eine Förderschule ist und der Anteil der Schüler aus sozial schwachen Verhältnissen und/oder mit Migrationshintergrund recht hoch ist, was nicht nur die obigen Aussagen, sondern auch das deutsche Schulsystem entlarvt. Angesichts der nicht vorhandenen Chancengleichheit wird schnell klar, dass zu wenig für sozial Schwache getan wird; ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Was hier wieder zu Tage tritt, ist der Sozialneid, die Made im Speck beschwert sich und denkt, der Speck sei gar nicht da, weil es ein Leben ohne den Speck gar nicht kennt...
wwissen 15.10.2019
5. Eltern?
Wer aus der heutigen Teenagergeneration hat denn noch - für die Gesellschaft sichtbare - Eltern? Erziehung findet heute in weiten Teilen nur noch in der Gesellschaft statt, oft in schlechter - und wenn das dann die Gesellschaft ist, die sich nachts bei netto-Bier aus Plastikflaschen gröhlend auf Spielplätzen aufhält, dann muss man sich nicht wundern, dass da auch Populismus ins Spiel kommt, den die lieben Kleinen dann auch ungefiltert als Wahrheit verbreiten. Denn Bildung ist in diesen Kreisen weit entfernt.
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