Sicherheit in Kitas "Eine Verkettung unglücklicher Umstände"

In einer Frankfurter Kindertagesstätte hat sich ein Junge tödlich verletzt - vermutlich durch einen Stromschlag. Michael Protsch von der Unfallkasse Hessen erklärt, warum es so schwierig ist, Kitas sicher zu machen.

Waltraud Grubitzsch/ ZB/ DPA

Ein Interview von Franca Quecke


In einer Frankfurter Kita ist am Dienstag ein sechsjähriger Junge ums Leben gekommen. Nach ersten Angaben der Staatsanwaltschaft hat das Kind womöglich einen Stromschlag bekommen. Sachverständige des Landeskriminalamts hätten festgestellt, dass eine Steckdose aus der Wand herausragte und ein Kabel lose gewesen sei, sagte eine Behördensprecherin.

Die Unfallkasse Hessen untersucht die Umstände des Unglücks. Deren Abteilungsleiter für die Prävention von Kita-Unfällen hat auch die Frankfurter Einrichtung besucht. Im Interview erklärt er, wie sicher Kitas sein können - und welche Risiken sich nicht ausschließen lassen.

SPIEGEL: Herr Protsch, was ist in der Frankfurter Einrichtung passiert?

Protsch: Zu dem Unfall kann ich nichts sagen, obwohl wir unsere Vermutungen haben. Das Landeskriminalamt ermittelt noch und wir müssen diese Ergebnisse abwarten. Ganz allgemein: Unfälle können aufgrund von technischem oder personellem Versagen passieren. Bei dem tödlich verunglückten Jungen war es sicher eine Verkettung unglücklicher Umstände.

SPIEGEL: Die Einrichtung soll vor Kurzem renoviert worden sein, eine Steckdose hat offenbar aus der Wand geragt. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Protsch: Was im Einzelfall zu dem tödlichen Stromunfall geführt hat, dazu darf und kann ich mich nicht äußern. Ganz allgemein: Wo Kinder spielen, müssen elektrische Anlagen besonders geschützt und berührungssicher sein. Steckdosen müssen so gesichert sein, dass ein Kind keinen tödlichen Stromschlag davonträgt, selbst wenn es sie anfasst. Es gibt Verordnungen, Regeln und Standards, die für die richtige Ausstattung von Kitas einzuhalten sind und in der Regel auch eingehalten werden - von Architekten, Planern, Bauträgern.

SPIEGEL: Sie sind für die Sicherheit von 4200 Kitas in ganz Hessen zuständig. Wie oft kommt es dort zu tödlichen Vorfällen?

Protsch: Fast nie. Das lassen die Rahmenbedingungen im Kitaalltag auch gar nicht zu: Kinder dürfen nicht mit gefährlichen Geräten hantieren oder gefährliche Tätigkeiten ausführen. Es gibt keine scharfen Gegenstände, keine Gefahrenstoffe. Tödliche Unfälle passieren eher auf dem Weg zur Kita, beim Überqueren der Straße oder bei den Eltern im Auto. Die Zahl der Unfälle in den Kitas ist in den vergangenen Jahren gesunken, obwohl durch den Rechtsanspruch auf Betreuung mehr Kinder in die Einrichtungen gekommen sind. Seit mehr als fünf Jahren ist der sechsjährige Junge der erste und einzige Fall in Hessen, bei dem sich ein Kind in einer Kita tödlich verletzt hat.

SPIEGEL: Wie versuchen Sie sicherzustellen, dass die Standards und Auflagen eingehalten werden?

Protsch: Unsere Maßgabe ist: Sobald wir von der Eröffnung einer Kita erfahren, unterstützen wir sie bestmöglich dabei, Unfälle zu vermeiden. Bei kommunalen und kirchlichen Einrichtungen werden wir frühzeitig informiert. Aber in Hessen eröffnen auch immer mal wieder private Einrichtungen, die nicht von Anfang an über die notwendigen rechtlichen Schritte informiert sind. Es kann also sein, dass eine Kita vor einigen Wochen aus der Not heraus gegründet wurde und sich das Thema Bau und Ausstattung erst zu einem späteren Zeitpunkt auf die To-do-Liste geschrieben hat. Die Einrichtung weiß dann mitunter noch nichts von uns, und wir nicht von ihr - das ist allerdings eine absolute Ausnahme. Bei einem Unfall wäre der Träger der Einrichtung oder die private Elterninitiative verantwortlich, nicht wir. Generell muss man aber sagen: Alle Kitas haben eine Grundeinrichtung an Sicherheitstechniken und Auflagen, die sie einhalten müssen. Das Niveau als solches ist gut, es könnte in einigen Bereichen aber noch besser sein.

Spielendes Kind in einer Kita
Uwe Anspach/ DPA

Spielendes Kind in einer Kita

SPIEGEL: In welchen?

Protsch: Zum Beispiel im Außenbereich: Bei den Spielgeräten sind die Vorschriften zwar eindeutig, aber durch die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten können Beeinträchtigungen entstehen, die bei der Planung nicht immer alle vorhergesehen werden können, zum Beispiel harte oder unebene Böden. Es gibt aber auch Gefährdungen, denen man nicht entgegenwirken kann. Das ist wie bei normalen Spielplätzen: Kinder bewegen sich dort frei und nehmen gewisse Risiken auf sich - und es kann zu Unfällen kommen. Sie fallen hin, von einer Schaukel oder Rutsche, stolpern oder stürzen. Meistens sind das glücklicherweise Bagatellen mit einem relativ geringen Schaden. Und diese Erfahrungen helfen normalerweise beim Erwachsenwerden - man lernt, Gefahren zu vermeiden, weil man sich weh getan hat.

SPIEGEL: Was können und müssen dabei Erzieherinnen und Erzieher im Rahmen ihrer Aufsichtspflicht leisten?

Protsch: In einer Kita sind bei einem Unfall nie die Kinder unsere Ansprechpartner, sondern immer deren Erzieherinnen und Erzieher. Denn die sind darin geschult, Kinder richtig einzuschätzen und deren Umgebung möglichst gefährdungsfrei zu gestalten. Und trotzdem muss klar sein: Kinder müssen in der Kita lernen können, mit Gefahren umzugehen. Sie müssen lernen, dass Feuer heiß ist oder dass sie nicht von jeder Höhe springen sollten. Man muss und darf sie dafür nicht in Watte packen, sondern sie sollen sich frei entfalten können. Dabei können sie sich auch mal verschätzen - und trotzdem darf nichts Schlimmes passieren. Das kann eine Gratwanderung sein.



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