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21. Juli 2014, 09:36 Uhr

Schüleraustausch

Mutterglück ist, wenn der Sohn wegfliegt

Zu Hause bestand der Alltag mit ihrem Sohn für Caroline Schmidt-Gross oft aus Genörgel und Gemäkel. Dann schickte sie Pablo in die USA zu einer strengen Christenfamilie - und erkannte ihr Kind kaum wieder.

Natürlich hätte mein Sohn aus den USA auch allein zurückfliegen können. Ich wollte aber nicht nur hören, wie er lebt, ich wollte es auch erleben. Und ich war neugierig geworden auf seine Gasteltern Philip, 34, und Beth Jenkins, 35, einen Mathelehrer und eine Pädagogin in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Schließlich hatten sie zehn Monate für Pablo gesorgt und ihn auch geprägt. Deswegen holte ich Pablo nach Ende seines Austauschjahrs selbst aus Talladega, Alabama, ab und verbrachte auch noch ein paar Tage mit der Gastgeberfamilie.

Gleich nach meiner Ankunft erklärte mir Vater Philip, was er über seine Gastkinder Pablo und den 17-jährigen Stefano aus Italien denkt: "They are my kids and not my guests." Und: "I open my home and not my house." Auch die Urgroßmutter, eine resolute alte Dame mit Schrotflinte, Gemüsegarten und Bienenkörben, kümmerte sich liebevoll um die Jungen, genauso wie die anderen Familienmitglieder und Freunde.

In Hamburg undenkbar, viel zu peinlich

Während ich an Pablo im allgemeinen Trott oftmals nur herumnörgle (Mach endlich deine Hausaufgaben! Komm nicht zu spät zur Schule!), hörte ich Philip und Beth immer wieder sagen: "Pablo, you are such an amazing kid, we really love you und we will miss you so much."

Wie begeistert Pablo von seiner "family" war, hatte ich die vergangenen zehn Monate bereits über Facebook und Skype erfahren. Jeden Sonntag durften wir miteinander telefonieren - eine der vielen Regeln, die seine Gasteltern aufgestellt haben. Einige andere: gemeinsam in die Kirche gehen, nicht fluchen, keinen Alkohol trinken, vor dem Essen beten, regelmäßig Rasen mähen oder sich mit Mädchen nur unter Aufsicht im Wohnzimmer treffen. "I am very strict", sagte Philip. Mein sonst argumentationsfreudiger Sohn akzeptierte das ohne Murren. Warum? "I want to experience that", sagte Pablo. Auch wenn er nicht alle Ansagen gut fand und sich rasend auf sein erstes Bier in Deutschland freute.

Insgesamt wurde bei den Jenkins viel gelacht, unternommen und auch rumgeblödelt. Die jungen Gasteltern sind unbeschwerter als wir, die schon leicht ergrauten Mütter und Väter im Heimatland. Der Alltag ist noch nicht so eingefahren, sie wollen viel unternehmen, bemühen sich um positive Überraschungen.

So beschlossen sie kurz nach der Ankunft von Pablo und Stefano, regelmäßig nach der Schule gemeinsam ins Fitnesscenter zu gehen. In Hamburg undenkbar, viel zu peinlich. Zu Silvester fuhren Philip und Beth mit Pablo trotz Schneekatastrophe ein paar Tage nach Chicago. Sie besuchten auch Atlanta, Florida, New Orleans und South Carolina. Es machte den Gasteltern Freude, den Kindern ihr Land zu zeigen, auf das sie selbstverständlich sehr stolz sind.

Was nimmt Pablo mit?

Die erste große Feier gab es nach einem halben Jahr. Der Anlass? Pablo und Stefano waren zu diesem Zeitpunkt länger bei ihrer amerikanischen Familie als die drei Austauschschüler vor ihnen. Denn nicht nur Gasteltern können schwierig sein, auch Kinder, denen die nötige Offenheit und der Respekt fehlen, um sich im Ausland anzupassen.

So mussten Beth und Philip ihre ersten zwei Gastsöhne aus Österreich und Neuseeland nach rund fünf Monaten aus einer Arrestzelle bei der Polizei abholen. Sie hatten sich nachts bei einem Ausflug heimlich aus dem Hotelzimmer geschlichen und Straßenschilder herausgerissen. Ein anderer Gastsohn flog nach vier Monaten freiwillig nach Hause, weil er sich nicht an das amerikanische Essen gewöhnen konnte.

Wer es dann als Austauschschüler schafft, ein Jahr in den USA auszuhalten, denn natürlich gibt es auch Hänger und Missverständnisse, hat Freunde fürs Leben gefunden. Und Erfahrungen gemacht, die helfen, sich später im Leben leichter zurechtzufinden: wie beispielsweise flexibel bleiben. Für all das bin ich Beth und Philip ewig dankbar - und natürlich auch dafür, dass sie mir ein typisches Teenagerjahr vom Hals gehalten haben. Und ganz nebenher hat Pablo auch noch gelernt, perfekt Englisch zu sprechen.

Was mein Sohn mit nach Hause nimmt? Es gibt Menschen am anderen Ende der Welt, die ihn auch lieben, so wie er ist. Und: Klare Ansagen ersparen endlose Diskussionen, fördern gegenseitige Achtsamkeit, sorgen für gute Stimmung und verhindern natürlich auch, dass man wieder nach Hause geschickt wird. Gasteltern machen ihren Job schließlich nicht auf Lebenszeit.

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