Simbabwe The world is not yet flat

2. Teil


Fährt man die Straße, welche zur Schule führt, noch ein gutes Stück weiter, taucht linker Hand inmitten von grünen Feldern und Plantagen die Maizelands Farm auf. Auch diese Farm, mit ihren für europäische Verhältnisse riesigen Ausmaßen von 1400 Hektar, ist Teil von SOS-Simbabwe und produziert unter der strengen Leitung von Mr. Metcalfe die Grundnahrungsmittel für sämtliche SOS-Einrichtungen Simbabwes. Was übrig bleibt, wird auf dem Markt verkauft oder exportiert. Überdies gehören eine Technik- und eine Agrarschule, wo SOS-Schüler ausgebildet werden, zur Maizelands Farm.

Metcalfe ist eine außergewöhnliche Erscheinung unter all den Afrikanern – und das nicht allein wegen der Hautfarbe. Er ist stämmig, tiefe Falten durchziehen ein wettergegerbtes Gesicht – das harte Farmleben hat sich in seine Physiognomie eingegraben. Er trägt ein halb aufgeknöpftes, grobes Hemd; die wachen, wässrig blauen Augen, überwölbt von buschigen Brauen, blitzen scharf. Er ist erfahren, er weiß sich zu arrangieren, Politik ist ein heikles Feld. Metcalfe hat sich rausgehalten. Er ist ein Urgestein, einer der letzten weißen Farmer im Land. Dennoch denkt er laut und nüchtern.

SOS-Kindergarten in Bindura – Es sind die Menschen, die ein Land mit Leben, Atmosphäre, Charakter füllen
Christian Hambrecht

SOS-Kindergarten in Bindura – Es sind die Menschen, die ein Land mit Leben, Atmosphäre, Charakter füllen

Wir blicken auf sein ausgedehntes Farmland: Grüne Weizenfelder wogen rauschend – im scharfen Fahrtwind senken sich die äußeren Halme wie eine unendlich rollende Woge auf die Straße hinab. Die Woge des Weizenfelds rollt aus und wird von einer Bananenplantage mit zitternden Staudenblättern abgelöst. Sein Farmland? Er lacht spöttisch, niemand besitzt in Simbabwe mehr Farmland. Der Staat hat sich im Rahmen der großen Enteignungsmaßnahmen 2001 alles angeeignet; auch Teile des SOS-Farmlands stehen auf einer Umverteilungsliste. Seitdem befindet sich die Wirtschaft von Simbabwe im freien Fall. Für die SOS-Farm habe sich aber alles in allem wenig geändert. Man baue an, ernte, verbrauche und verkaufe, die Machthaber lassen gewähren.

Der Jeep ist auf eine breitere Straße eingebogen, die dem Verlauf des weiten Tals folgt, das sich bis zu den Bergketten am Horizont erstreckt. Metcalfe streckt die geballte Hand aus dem Fenster, reckt sie in den Fahrtwind und öffnet die Handfläche. Mit einer kreisenden Geste umfasst er die offene Talfläche. Bis vor wenigen Jahren war das Gebiet ein einziges saftig-grünes Meer aus Weizenfeldern und Bananenplantagen. 43 weiße Farmer lebten in der Region, die Farmwirtschaft florierte. Was er schildert, deckt sich nicht mit dem, was wir jetzt sehen. Nur einzelne grüne Flächen huschen an uns vorbei, das meiste Land ist heute Steppe. Kahle, graue Bäume, deren Rinde sich schält; wilde, dornige Sträucher durchziehen das ockerfarbene Buschland. Nur noch drei weiße Farmer sind übrig geblieben – er ist einer von ihnen. Er deutet auf ein großes Gebüsch leicht abseits der Straße: „Dahinter liegt unser Friedhof. Manchmal muss ich drei Farmarbeiter pro Woche beerdigen. Sie alle erliegen dem HI-Virus.“

Sanft und rasch gleiten wir auf der geteerten Straße das Tal entlang. Seitlich im Gebüsch stehen ein paar Hütten aus Brettern und Blech, ein Straßenarbeitercamp. Metcalfe weist uns darauf hin: „Die sind 1997 hierher gekommen. In neun Jahren haben sie ganze 16 Kilometer Straße gebaut. Das ist Simbabwesches Management!“ Dann biegt er links ab, holpert auf einen welligen Sandplatz hinaus, an dessen Ende die Technikschule auf der Maizelands Farm aufragt. Es ist eine hohe Werkhalle, auf dem blauen Grund des massiven Eingangstors prangt in weißen Lettern die Aufschrift: SOS – Engineering. Ein junger Schwarzer wartet auf uns. Er hat zarte, freundliche Gesichtszüge, einen leicht schwermütigen, aber doch heiteren Blick und spricht mit weicher, warmer Stimme. Sein Name ist Edias, er ist Schüler an der Technikschule mit einem Faible für Design. Man kommt schnell ins Gespräch. Er führt uns durch die hohe Halle, zeigt uns die Gerätschaften und erklärt ihre Funktion. Schwaches Tageslicht fällt durch die schmutzigen Scheiben der verglasten Rückfront. Allein die Schweißer steigern die schummrige Helligkeit: Blaue Funken stieben im schattigen Inneren in die Höhe. Freimütig erzählt Edias aus seinem Leben. In der Schule hatte er Probleme, lange ließ er sich treiben, blieb zweimal sitzen. Die SOS-Ingenieursschule bot ihm eine neue Chance. Zielstrebig verfolgt er seine Ausbildung und träumt vom Ausland. Lange blickt er uns nach, als wir unsere Fahrt fortsetzen.

Am Abend haben die Jugendlichen aus dem Dorf eine kleine Feier vorbereitet. Nach dem Abendessen treffen wir uns vor einem der Jugendhäuser. Die Jugendlichen leben ab 14 Jahren selbständig zusammen. Sie unterhalten ihren eigenen Gemüsegarten und züchten Hühner, die sie an die Mütter der Häuser verkaufen, um so ein kleines Taschengeld zu verdienen. Jetzt sitzen sie gemeinsam um ein Lagerfeuer und rösten Nüsse und Maiskörner. Fideline ist da, Edias auch und weitere Jugendliche aus dem Dorf. Sie erzählen, dass es im benachbarten Viertel „Aerodrome“ bereits seit drei Tagen kein Wasser mehr gibt. Einige ihrer Freunde von dort kämen nun rüber um zu duschen. Auf die Frage, wie denn die anderen Bewohner mit diesem Problem zurechtkämen, zucken sie mit den Achseln. Wasser- und Stromausfälle sind mittlerweile auch hier im Dorf an der Tagesordnung. Tun kann man dagegen nichts. Sie wollen viel lieber mehr über Europa erfahren, über die kulturellen Unterschiede, die Ausbildungsmöglichkeiten, den Alltag. Bis spät in die Nacht tauschen wir uns aus, während Bobby, das Musiktalent des Dorfes auf dem traditionellen afrikanischen Instrument, der Marimba – einem Xylophon ähnlich – spielt. Irgendwann fragt Fideline beiläufig, wie hoch denn die Lebenserwartung in Deutschland sei. Wir stocken. Etwa 80 Jahre wissen wir. Nur das zu antworten in einem Land, wo die Menschen durchschnittlich 37 Jahre alt werden?

Wie eine Gefängniszelle – Erste Klasse der Primary School Maizelands
Christian Hambrecht

Wie eine Gefängniszelle – Erste Klasse der Primary School Maizelands

Tags darauf fahren wir durch die Peripherie Binduras. Kleine Häuser und Hütten gleiten vorüber, die Farbe der Wände schon lange verblichen, der Putz abblätternd. In den Vorgärten lagert Müll und Schrott zwischen dürrem, gelbem Gras und länglichen Erdfurchen, in denen nichts wächst. Verrostete, teilweise zertretene Zäune und Gitter trennen die Behausungen.

Das SOS-Social Center, ein einstöckiger Gebäudekomplex, steht inmitten der Armenviertel, welche das Kinderdorf umgeben. Hier wird an vorderster Front gegen Elend, Krankheit, Perspektivlosigkeit und Tod angekämpft. Das sogenannte „Outreach Program“ richtet sich an die vielen armen Kinder, die meisten von ihnen Halb- oder Vollwaisen, für die es einfach keine Plätze im Kinderdorf gab. Ins Dorf gelangen nur die „schlimmsten Fälle“, bemerkt Richard. Was sind die „schlimmsten Fälle“? Richard seufzt leise. Als Jugendkoordinator erfährt er, was viele durchgemacht haben, bevor sie ins Kinderdorf gekommen sind. Zum Beispiel: Die Eltern starben an Aids, die Waisen wurden von Verwandten aufgenommen. „Verwandte“, die die ihnen anvertrauten Schützlinge ausbeuteten und sexuell missbrauchten. Viele Kinder wurden auf diese Weise ebenfalls mit dem HI-Virus infiziert, allein im SOS-Kinderdorf Bindura sind es etwa 20. Diese Schicksale sind keine Einzelfälle.

Auch ihnen zu helfen, ist das Anliegen Luka Kashiris. Er leitet das Zentrum seit seiner Gründung vor vier Jahren. Es ist die jüngste SOS-Einrichtung in Bindura und sie wird stetig ausgebaut. Mit einer großen Anzahl unterschiedlicher Programme versuchen Kashiri und sein Mitarbeiterstab aus Sozialarbeitern, Pädagogen und Psychologen die größte Not zu mildern. Ein solches Programm ist etwa der Beispielgarten, der im Hofe des Zentrums angepflanzt ist. Im Garten wächst eine Vielzahl von Heilpflanzen, die bei richtiger Anwendung den unbezahlbaren Gang in die Apotheke ersparen. Viele stärken das Immunsystem, denn natürlich ist HIV auch hier das Hauptproblem – die nötigen Behandlungen sind einerseits viel zu teuer, andererseits nur in Harare zu bekommen. Mitarbeiter des Zentrums lehren die Anwohner, sich Hausgärten anzulegen, und klären über die Wirkung einzelner Kräuter und bestimmter Diäten auf. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, genau wie die technische Basisausbildung, die einige der vielen Jugendlichen erhalten, um irgendwann einmal in der Lage zu sein, für sich selbst zu sorgen.

Die Hauptaufgabe des Zentrums besteht allerdings darin, sich um die vielen Kinder zu kümmern, die Eltern oder Elternteile verloren haben oder in so großer Armut leben, dass sie die Schule nur mit finanzieller Unterstützung besuchen können. Die Zahl der vom Programm erfassten Kinder habe dank der steigenden Hilfsgelder von 200 auf gegenwärtig 1260 Kinder angehoben werden können. Doch nach wie vor übersteige die Nachfrage das Angebot bei Weitem.

Unser letzter Besuch in Bindura ist zugleich der schwerste. Mit einigen Mitarbeitern des Zentrums fahren wir zum Haus von Archibald und seinen zwei Brüdern. Archibald ist sechzehn Jahre alt, erzählen die Betreuer des Social Centers, wirkt jedoch jünger. Mit 14 schon ist er zum Familienoberhaupt geworden und muss sich seither um seine kleinen Brüder kümmern. Sie sind 13 und 11 Jahre alt. Vor Jahren schon ist ihr Vater an Aids gestorben. Von da an sorgte die Mutter für alles, verdiente Geld und erzog ihre Söhne. Später stellte sich heraus, dass auch sie mit dem Virus infiziert war. In Ermangelung der nötigen Medikamente baute sie körperlich schnell ab und starb 2004. Archibald und seine Brüder waren völlig auf sich gestellt, Großeltern hatten sie keine mehr. Allerdings gab es noch ein paar entfernte Verwandte, die – wie so oft in solchen Fällen – plötzlich auftauchten und den Jungen einreden wollten, sie selbst seien die neuen rechtmäßigen Besitzer des Hauses. Offenbar hatte die Mutter ihren ältesten Sohn aber genau darauf noch vor ihrem Tod vorbereitet. Er wandte sich an das Social Center, dass ihm juristische Beratung und Schutz bot. Seitdem werfen die SOS-Mitarbeiter regelmäßig ein Auge auf diese „Child-headed-family“. Neun ähnliche Fälle sind allein in diesem Viertel bekannt. Und im ganzen Land dürften es tausende Kinder sein, die ohne Verwandte vollkommen auf sich gestellt groß werden.

Auf der Rückreise fällt uns im riesigen Terminal des Flughafens Johannesburg in Südafrika eine großflächige Anzeige auf. Ein überdimensionierter David Beckham tritt gegen einen Adidas-Ball, den offiziellen Ball der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Wir erinnern uns des Direktors der Primary School Maizelands Farm, Mafunga. Es war ihm noch wichtig, uns zum Abschluss des Rundgangs ein verdorrtes Stoppelfeld zu zeigen, den Fußballplatz der Schule. Die Fläche fiel zur einen Seite hin stark ab. Mafunga trocken: „You see, there is no level playing field for these kids.” Kannte er den Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman, der seinem letzten Bestseller den programmatischen Titel „The world is flat“, „Die Welt ist flach“ gab? Das globale Spielfeld ist noch lange nicht eben, die Chancen sind nicht gleich. Und der Fußballplatz der Primary School ist eine traurig-schöne Metapher.



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