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21. Dezember 2006, 17:09 Uhr

Simbabwe

The world is not yet flat

Die politischen und wirtschaftlichen Rahmendaten von Simbabwe sind düster. Doch das SOS-Kinderdorf ist ein Hoffnungsschimmer gegen Aids, Korruption und Staatsterror. Hiesigen Kindern eine Zukunft zu geben, ist ein mühseliges und akut gefährdetes Unterfangen. Von Christian Hambrecht und Max Mäckler

Auf dem Failed States Index für 2006 befindet sich Simbabwe an fünfter Stelle, direkt hinter dem Irak. Die geschätzte Arbeitslosenquote liegt bei 75 Prozent, die Inflationsrate beträgt mittlerweile 1185 Prozent – Tendenz steigend. Seit 1998 ist die Wirtschaftskraft des Landes um 40 Prozent geschrumpft, im Jahre 2005 betrug die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes -6,5 Prozent. Über 40 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Etwa 8 Prozent dieser sehr jungen Gesamtbevölkerung von 13 Millionen sind Halb- oder Vollwaisenkinder, denn mehr als 20 Prozent der Menschen sind mit HIV infiziert. Aids ist die Todesursache Nummer Eins. Das ist Simbabwe in Zahlen.

Familienoberhaupt Archibald (16) mit Brüdern (13, 11) – eine child-headed-family
Christian Hambrecht

Familienoberhaupt Archibald (16) mit Brüdern (13, 11) – eine child-headed-family

Gerade für Kinder, an denen das Land doch so reich ist, ist es nicht einfach zu leben oder zu überleben. Doch dies öffentlich aussprechen? Man schweigt besser, möchte man sich nicht der speziellen Zuneigung des allliebenden Landesvaters, Robert Mugabe, aussetzen. Er hängt gerahmt – nein, er prangt – mit staatsmännisch-saurer Miene im weiten, hell-weißen Terminal des Flughafens Harare. Er ist das Erste, was man sieht, wenn man den Fuß auf simbabwische Erde setzt. Aus der Luft blickt man auf sonnenverbrannte Landschaft – eine stete Nuancierung von Brauntönen, kontrastiert von blitzenden blauen Seen, die aus der Kargheit wie versprengte Farbkleckse hervorstechen. Straßen verlaufen schnurgerade durch die Ödnis in eine dunstige Ferne, gelegentlich von Bäumen flankiert, die den Eindruck von Alleen entstehen lassen. Ansiedlungen, Behausungen bleiben kleine indifferente Punkte.

Am Boden tänzelt das freundliche Licht der afrikanischen Wintersonne gleißend auf polierten Schalterflächen. Der Flughafen ist ein Niemandsland, hohle Fassade der Moderne, die in diesem Land noch nicht angekommen oder wieder im Schwinden ist. Aufschluss darüber könnten Richard und Godfrey geben. Richard, der ehemalige Lehrer und jetzige Jugendkoordinator des SOS-Kinderdorfes Bindura: untersetzte Statur, leger gekleidet, ein Karohemd in die weit geschnittenen Jeans gestopft, fein geränderte Brille auf der breiten Nase. Er spricht leise, scheinbar jedes Wort abwägend, mit gemütlichem Akzent. Richard wird unser ständiger Begleiter in Simbabwe sein; er zeigt uns das hiesige Leben in all seinen Facetten, verschweigt nichts. Aber er überlässt uns die Wertung. Godfrey, der Fahrer des SOS-Kinderdorfes, lacht dröhnend. Das macht er sehr gerne. Belustigende Themen findet er zuhauf, unsere Angst vor Schlangen oder Spinnen, das ungewohnte Linksfahren. Tiefsinnige Reflektionen über den Niedergang dieses Landes scheinen nicht seine Sache zu sein. Man spürt, dass es die Menschen sind, die ein Land erst mit Leben, Atmosphäre, Charakter erfüllen – mögen Landschaft und Fakten auch eine andere Sprache sprechen.

Godfreys bunte Krawatte wippt auf seinem karierten Hemd auf und ab, während er Richtung SOS-Kinderdorf Waterfalls steuert. Er spricht lebhaft, gestikuliert. Er kann es bedenkenlos – die Fahrbahnen sind weitgehend ausgestorben, nur wenige Autos schleichen auf der zweispurigen Straße dahin. Wir fahren durch die Hauptstadt Harare, politischer und wirtschaftlicher Dreh-und-Angel-Punkt des Landes. Der Jeep kämpft sich auf einer schmalen, sandigen Straße einen Hügel hinauf. Zu unserer Linken erhaschen wir zwischen wild wucherndem Blattwerk gelegentlich einen Blick auf weite, brach liegende Industrieanlagen. Aus einem Busch in der Wegbiegung taucht ein Soldat auf. Das Militär sei neuerdings auf dieser Hügelkuppe, erzählt Richard. Warum? Wer weiß. Er zuckt mit den Achseln: „Die Soldaten sind eben überall präsent.“

Die afrikanische Sonne versinkt rostig-golden; fahl und staubig fristen die Jacaranda-Bäume zu beiden Seiten der Straße ihr karges Dasein. Sie warten vergeblich auf Regen. Der Winter ist Trockenperiode. Verdorrte Wiesen wechseln mit kärglichen Bretterbehausungen. Harare ein riesiges Geisterdorf? Der Verkehr findet an den Straßenrändern statt: Apathische Gestalten schlappen durch den Staub; Kinder spielen in ausgebrannten Autowracks. Leute sitzen auf Reifen im spärlichen Schatten schlanker Gummibäume, lesen vergilbte Zeitungen, stellen handgefertigte traditionelle Waren zur Schau. Wer kauft hier?

Kann man den Menschen die Wirtschaftsdaten vielleicht ansehen – wirkt nur Godfrey so fröhlich? Eine Einteilung nach Schwarz/Weiß-Schema ist nicht möglich. Die Wahrheit ist ein Graugemisch, wie die lange, niedrige Betonmauer, die sich an der Fensterscheibe wie ein Band entlangzieht. An ihrem Ende ein gusseisernes Tor. Dahinter beginnt die kleine, behütete Welt des SOS-Kinderdorfes Waterfalls. Man hört verhaltenes Kinderlachen. Hier ist auch Godfreys ansteckendes Lachen zu Hause. Vor uns erstreckt sich eine gepflegte Anlage mit weiß gekalkten, einstöckigen Häusern, ihnen vorgelagert ein Rasen mit Miombobäumen und Blumenbeeten. In einem großen Raum mit schräger Decke essen wir zu Abend. An den Wänden hängen SOS-Werbeposter. Unter der Aufschrift „Für das Ich und das Wir“ zeigen sie ovale Farbtupfer – wie Blüten, oder kleine Quadrate in blauer Rahmung, die für Kinderdörfer weltweit stehen. Es gibt viele davon. Gestärkt brechen wir wieder auf – zu einem dieser kleinen Quadrate: Bindura.

Familie im SOS-Kinderdorf Waterfalls – Nur die „schlimmsten" Fälle werden aufgenommen
Christian Hambrecht

Familie im SOS-Kinderdorf Waterfalls – Nur die „schlimmsten" Fälle werden aufgenommen

Das SOS-Kinderdorf in der kleinen Bergbaustadt Bindura, umgeben von weitem Farmland, ist unser eigentlicher Zielort. Es liegt rund zwei Stunden nordöstlich von Harare. Zusammen mit unseren zwei großen Koffern und sechs unbekannten Erwachsenen, die die seltene Mitfahrgelegenheit nutzen – der öffentliche Verkehr ist mehr oder weniger zum Erliegen gekommen, über eigene Fahrzeuge verfügen die wenigsten – zwängen wir uns auf die Matratze im Laderaum des Pick-Ups. Es ist eng, sehr eng. Mit Erleichterung stellen wir denn auch fest, dass wir nach nur zehn Minuten in der Innenstadt anhalten. Sicher werden einige Mitreisende aussteigen.Ein höflicher Herr im Anzug tritt an die Ladeklappe und wird herzlich begrüßt. Natürlich erlaubt er sich nur einen Scherz als er Anstalten macht, in den Kofferraum, die „Dog section“, zu steigen. Ein Witzbold! Doch dann macht er es sich mit freundlich interessiertem Grinsen und gemurmelter Entschuldigung so gut wie möglich auf uns bequem.

Mit kuscheligem Ölsardinenbüchsengefühl geht die Fahrt weiter. Es entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch, das schnell auf Politik zu sprechen kommt. Und während wir in stetem Tempo aus der Stadt in die weite, im fahlen Dämmerlicht versinkende Landschaft hineinfahren, wird diskutiert, was denn nun dran sei, an den neuesten Gerüchten über Pläne der Regierung drei Stellen vom Nennwert aller Banknoten und Preise zu streichen. Wir hatten den 100 000. Simbabwe-Dollar-Schein bereits in der Hand gehalten. In dieser Woche benötigt man rund sechs davon, um einen Liter Cola zu kaufen.

Wir kommen in eine bergige Region. Draußen ist es stockdunkel geworden und seit einer halben Stunde sind wir keinem Fahrzeug begegnet. Am bröckelnden Straßenrand tauchen ab und zu Umrisse einzelner Hütten auf, in denen flackernder Feuerschein zu erkennen ist. Strom gibt es hier draußen nicht. Mobilfunk auch nicht. Schließlich erreichen wir Bindura und das SOS-Kinderdorf. Viel zu sehen ist jetzt nicht, die einzige Beleuchtung stammt von Flutlichtern an turmhohen Masten. Ahnungslos fragen wir, ob dort ein Sportplatz sei. Richard erklärt uns, dass diese Scheinwerfer in den umliegenden Elendsvierteln für ein wenig Sicherheit sorgen sollen. Normale Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Steif von der Fahrt staksen wir zu Bett.

Das International Guest House ist komfortabel. Auch ein Gecko im Vorhang und ein Frosch im Spülkasten mindern diesen Eindruck am nächsten Morgen nicht. Richard holt uns zum Frühstück ab, das eine SOS-Mutter in ihrem Haus zubereitet hat. Es hat keine Hausnummer, aber wie die anderen 14 Häuser im Dorf einen Namen: Furiramudenga, zu Deutsch Giraffe. Der Grundriss ist immer gleich: überdachte Veranda im Zentrum, um die sich Wohn- und Esszimmer, Küche, die drei Schlafzimmer der Kinder und das der Mutter gruppieren. Die „Mama“ zeigt uns stolz ihr Domizil. Sie hält ein wenige Wochen altes, friedlich schlummerndes Baby auf dem Arm – „my Youngest“. Ihre anderen elf toben im angrenzenden Kindergarten oder drücken die Schulbank.

Beim Essen leistet uns Fideline Gesellschaft. Sie ist 17 Jahre alt und smart. Ihre Auffassungsgabe und ihr gewitzter, spöttischer Blick machen klar, warum sie auf ein SOS-College nach Ghana gehen darf. Das Privileg für die Besten aus den Kinderdörfern. Sie möchte vieles von uns wissen. Gegenwärtig hat sie Ferien und wohnt in dem Haus, wo auch ihr neunjähriger Bruder aufwächst. Als vor Jahren ihre Eltern starben, wurden beide von SOS-Kinderdorf aufgenommen. Gewöhnlich vergibt SOS-Kinderdorf nur Plätze an Kinder bis zur Altersgrenze von fünf Jahren. Fideline war älter, doch sie hatte Glück. Geschwister werden nicht getrennt – Richtlinie von SOS-Kinderdorf. Später möchte Fideline in Kanada oder Australien studieren. Ihr Traumberuf: Pilotin.

Behütete Welt des Kinderdorfes Waterfalls – 8 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Voll- oder Halbwaisen
Christian Hambrecht

Behütete Welt des Kinderdorfes Waterfalls – 8 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Voll- oder Halbwaisen

Richard wird unruhig. Die Maizelands SOS-Primary School wartet auf uns. Es ist ein langer Weg dorthin, ein zermürbender, quälender, wenn man die kleinen Gestalten mit den wenigen Schulsachen auf dem Rücken sieht. Viele Schüler laufen 10 bis 12 Kilometer täglich zur Schule – hin und zurück. Nicht alle haben Schuhe. Ihre Eltern, sofern sie noch leben, sind bitterarme Farmarbeiter. Unter einer einsamen Baumgruppe in der kahlen, flachen Weite kommen geduckte Gebäude, von einer niedrigen Mauer umfriedet, in Sicht. Sie sind weiß verputzt, haben blaue Fensterläden und Schrägdächer – entfernt erinnern sie an Stallungen. Dazwischen ziehen sich säuberlich beschnittene Hecken entlang. Das ist die Primary School.

Zunächst empfängt uns Mr. Mafunga, der Direktor der Schule, mit herzlichem Händedruck und bittet in sein Büro im kleinen Administrationsgebäude. Er gibt uns einen Überblick über die Situation seiner Schule: Knapp über tausend Schüler lernen bei 27 Lehrern, also 40-50 Schüler pro Klasse. Wenn ein Lehrer Urlaub bekommt oder ausfällt, gibt es keinen qualifizierten Ersatz. Es fehlt mindestens ein Klassenraum, deshalb findet immer eine Stunde im Freien statt. Ein mit Hilfe von SOS-Spenden finanziertes Dach, das man vor Kurzem zwischen zwei Häusern eingezogen hat, dient als weiterer Klassenraum und bringt eine gewisse Entlastung. An zehn prähistorischen Computern lernen jeweils fünf Kinder das Arbeiten mit dem Rechner. Einen Drucker gibt es nicht, aber ein selbst gemaltes Poster an der Wand erklärt dessen Funktion. Es fehlt außerdem an Schulbüchern – auch hier teilen sich mehrere Schüler eines –, an Stiften, Papier, einfach an allem. Am schlimmsten aber sind die häufigen Elektrizitätsausfälle, die die Toiletten mit ihren elektrischen Wasserpumpen mehrmals pro Woche für Stunden unbenutzbar machen. Nachdem wir all diese Fakten erfahren haben, erhebt sich Mafunga und betont noch einmal, dass dies die Schule für die Ärmsten der Armen sei. Unter seinen Schülern seien etwa 200 Waisen und viele Kinder in der Gegend kämen gar nicht in die Schule, da sich die Eltern dies nicht leisten könnten.

Man führt uns durch die Klassenräume. Sobald wir hereinkommen, springen alle Schüler überstürzt auf – ab und zu fällt ein Stuhl krachend um. „Good morning, class“ – „Anyone know, where the world cup took place?“ – Stille – „In Germany, Sir“ – „Thank you, class!”. Neugierige Blicke und wir sind raus. Als wir glauben, den Rundgang beendet zu haben, weist Mafunga auf einen schmalen, hohen Eingang mit der Aufschrift „Storage room“. Ein einladender Schwenk seiner Hand, wir treten ein und bleiben sofort stehen. Uns bleibt auch nichts anderes übrig: Ein äußerst enger Raum, an dessen Wänden 40 Kinder in zwei Reihen zusammengezwängt sind. Es ist die erste Klasse; zwei kleine, hoch gelegene Fenster lassen spärliches Licht herein, elektrische Beleuchtung Fehlanzeige. Im Türrahmen begrüßt uns die Lehrerin. In der Düsternis am anderen Ende des Raums ist eine Tafel auszumachen. Man fragt sich verblüfft, wie sie durch die eng gedrängten Schüler dorthin gelangen soll. Die kalten massiven Steinwände, deren Quaderstruktur sich unter der dünnen Weißtünchung abzeichnet, lassen an eine Gefängniszelle denken. Die Kinderköpfe starren unentwegt in unsere Richtung. Lapidar bemerkt Mafunga, dass ohne SOS-Kinderdorf diese Kinder schon lange keine Schule mehr hätten – denn die staatliche Finanzierung von 10 Millionen ZIM-Dollars pro Jahr reiche gerade, um 100 Kugelschreiber anzuschaffen.

Fährt man die Straße, welche zur Schule führt, noch ein gutes Stück weiter, taucht linker Hand inmitten von grünen Feldern und Plantagen die Maizelands Farm auf. Auch diese Farm, mit ihren für europäische Verhältnisse riesigen Ausmaßen von 1400 Hektar, ist Teil von SOS-Simbabwe und produziert unter der strengen Leitung von Mr. Metcalfe die Grundnahrungsmittel für sämtliche SOS-Einrichtungen Simbabwes. Was übrig bleibt, wird auf dem Markt verkauft oder exportiert. Überdies gehören eine Technik- und eine Agrarschule, wo SOS-Schüler ausgebildet werden, zur Maizelands Farm.

Metcalfe ist eine außergewöhnliche Erscheinung unter all den Afrikanern – und das nicht allein wegen der Hautfarbe. Er ist stämmig, tiefe Falten durchziehen ein wettergegerbtes Gesicht – das harte Farmleben hat sich in seine Physiognomie eingegraben. Er trägt ein halb aufgeknöpftes, grobes Hemd; die wachen, wässrig blauen Augen, überwölbt von buschigen Brauen, blitzen scharf. Er ist erfahren, er weiß sich zu arrangieren, Politik ist ein heikles Feld. Metcalfe hat sich rausgehalten. Er ist ein Urgestein, einer der letzten weißen Farmer im Land. Dennoch denkt er laut und nüchtern.

SOS-Kindergarten in Bindura – Es sind die Menschen, die ein Land mit Leben, Atmosphäre, Charakter füllen
Christian Hambrecht

SOS-Kindergarten in Bindura – Es sind die Menschen, die ein Land mit Leben, Atmosphäre, Charakter füllen

Wir blicken auf sein ausgedehntes Farmland: Grüne Weizenfelder wogen rauschend – im scharfen Fahrtwind senken sich die äußeren Halme wie eine unendlich rollende Woge auf die Straße hinab. Die Woge des Weizenfelds rollt aus und wird von einer Bananenplantage mit zitternden Staudenblättern abgelöst. Sein Farmland? Er lacht spöttisch, niemand besitzt in Simbabwe mehr Farmland. Der Staat hat sich im Rahmen der großen Enteignungsmaßnahmen 2001 alles angeeignet; auch Teile des SOS-Farmlands stehen auf einer Umverteilungsliste. Seitdem befindet sich die Wirtschaft von Simbabwe im freien Fall. Für die SOS-Farm habe sich aber alles in allem wenig geändert. Man baue an, ernte, verbrauche und verkaufe, die Machthaber lassen gewähren.

Der Jeep ist auf eine breitere Straße eingebogen, die dem Verlauf des weiten Tals folgt, das sich bis zu den Bergketten am Horizont erstreckt. Metcalfe streckt die geballte Hand aus dem Fenster, reckt sie in den Fahrtwind und öffnet die Handfläche. Mit einer kreisenden Geste umfasst er die offene Talfläche. Bis vor wenigen Jahren war das Gebiet ein einziges saftig-grünes Meer aus Weizenfeldern und Bananenplantagen. 43 weiße Farmer lebten in der Region, die Farmwirtschaft florierte. Was er schildert, deckt sich nicht mit dem, was wir jetzt sehen. Nur einzelne grüne Flächen huschen an uns vorbei, das meiste Land ist heute Steppe. Kahle, graue Bäume, deren Rinde sich schält; wilde, dornige Sträucher durchziehen das ockerfarbene Buschland. Nur noch drei weiße Farmer sind übrig geblieben – er ist einer von ihnen. Er deutet auf ein großes Gebüsch leicht abseits der Straße: „Dahinter liegt unser Friedhof. Manchmal muss ich drei Farmarbeiter pro Woche beerdigen. Sie alle erliegen dem HI-Virus.“

Sanft und rasch gleiten wir auf der geteerten Straße das Tal entlang. Seitlich im Gebüsch stehen ein paar Hütten aus Brettern und Blech, ein Straßenarbeitercamp. Metcalfe weist uns darauf hin: „Die sind 1997 hierher gekommen. In neun Jahren haben sie ganze 16 Kilometer Straße gebaut. Das ist Simbabwesches Management!“ Dann biegt er links ab, holpert auf einen welligen Sandplatz hinaus, an dessen Ende die Technikschule auf der Maizelands Farm aufragt. Es ist eine hohe Werkhalle, auf dem blauen Grund des massiven Eingangstors prangt in weißen Lettern die Aufschrift: SOS – Engineering. Ein junger Schwarzer wartet auf uns. Er hat zarte, freundliche Gesichtszüge, einen leicht schwermütigen, aber doch heiteren Blick und spricht mit weicher, warmer Stimme. Sein Name ist Edias, er ist Schüler an der Technikschule mit einem Faible für Design. Man kommt schnell ins Gespräch. Er führt uns durch die hohe Halle, zeigt uns die Gerätschaften und erklärt ihre Funktion. Schwaches Tageslicht fällt durch die schmutzigen Scheiben der verglasten Rückfront. Allein die Schweißer steigern die schummrige Helligkeit: Blaue Funken stieben im schattigen Inneren in die Höhe. Freimütig erzählt Edias aus seinem Leben. In der Schule hatte er Probleme, lange ließ er sich treiben, blieb zweimal sitzen. Die SOS-Ingenieursschule bot ihm eine neue Chance. Zielstrebig verfolgt er seine Ausbildung und träumt vom Ausland. Lange blickt er uns nach, als wir unsere Fahrt fortsetzen.

Am Abend haben die Jugendlichen aus dem Dorf eine kleine Feier vorbereitet. Nach dem Abendessen treffen wir uns vor einem der Jugendhäuser. Die Jugendlichen leben ab 14 Jahren selbständig zusammen. Sie unterhalten ihren eigenen Gemüsegarten und züchten Hühner, die sie an die Mütter der Häuser verkaufen, um so ein kleines Taschengeld zu verdienen. Jetzt sitzen sie gemeinsam um ein Lagerfeuer und rösten Nüsse und Maiskörner. Fideline ist da, Edias auch und weitere Jugendliche aus dem Dorf. Sie erzählen, dass es im benachbarten Viertel „Aerodrome“ bereits seit drei Tagen kein Wasser mehr gibt. Einige ihrer Freunde von dort kämen nun rüber um zu duschen. Auf die Frage, wie denn die anderen Bewohner mit diesem Problem zurechtkämen, zucken sie mit den Achseln. Wasser- und Stromausfälle sind mittlerweile auch hier im Dorf an der Tagesordnung. Tun kann man dagegen nichts. Sie wollen viel lieber mehr über Europa erfahren, über die kulturellen Unterschiede, die Ausbildungsmöglichkeiten, den Alltag. Bis spät in die Nacht tauschen wir uns aus, während Bobby, das Musiktalent des Dorfes auf dem traditionellen afrikanischen Instrument, der Marimba – einem Xylophon ähnlich – spielt. Irgendwann fragt Fideline beiläufig, wie hoch denn die Lebenserwartung in Deutschland sei. Wir stocken. Etwa 80 Jahre wissen wir. Nur das zu antworten in einem Land, wo die Menschen durchschnittlich 37 Jahre alt werden?

Wie eine Gefängniszelle – Erste Klasse der Primary School Maizelands
Christian Hambrecht

Wie eine Gefängniszelle – Erste Klasse der Primary School Maizelands

Tags darauf fahren wir durch die Peripherie Binduras. Kleine Häuser und Hütten gleiten vorüber, die Farbe der Wände schon lange verblichen, der Putz abblätternd. In den Vorgärten lagert Müll und Schrott zwischen dürrem, gelbem Gras und länglichen Erdfurchen, in denen nichts wächst. Verrostete, teilweise zertretene Zäune und Gitter trennen die Behausungen.

Das SOS-Social Center, ein einstöckiger Gebäudekomplex, steht inmitten der Armenviertel, welche das Kinderdorf umgeben. Hier wird an vorderster Front gegen Elend, Krankheit, Perspektivlosigkeit und Tod angekämpft. Das sogenannte „Outreach Program“ richtet sich an die vielen armen Kinder, die meisten von ihnen Halb- oder Vollwaisen, für die es einfach keine Plätze im Kinderdorf gab. Ins Dorf gelangen nur die „schlimmsten Fälle“, bemerkt Richard. Was sind die „schlimmsten Fälle“? Richard seufzt leise. Als Jugendkoordinator erfährt er, was viele durchgemacht haben, bevor sie ins Kinderdorf gekommen sind. Zum Beispiel: Die Eltern starben an Aids, die Waisen wurden von Verwandten aufgenommen. „Verwandte“, die die ihnen anvertrauten Schützlinge ausbeuteten und sexuell missbrauchten. Viele Kinder wurden auf diese Weise ebenfalls mit dem HI-Virus infiziert, allein im SOS-Kinderdorf Bindura sind es etwa 20. Diese Schicksale sind keine Einzelfälle.

Auch ihnen zu helfen, ist das Anliegen Luka Kashiris. Er leitet das Zentrum seit seiner Gründung vor vier Jahren. Es ist die jüngste SOS-Einrichtung in Bindura und sie wird stetig ausgebaut. Mit einer großen Anzahl unterschiedlicher Programme versuchen Kashiri und sein Mitarbeiterstab aus Sozialarbeitern, Pädagogen und Psychologen die größte Not zu mildern. Ein solches Programm ist etwa der Beispielgarten, der im Hofe des Zentrums angepflanzt ist. Im Garten wächst eine Vielzahl von Heilpflanzen, die bei richtiger Anwendung den unbezahlbaren Gang in die Apotheke ersparen. Viele stärken das Immunsystem, denn natürlich ist HIV auch hier das Hauptproblem – die nötigen Behandlungen sind einerseits viel zu teuer, andererseits nur in Harare zu bekommen. Mitarbeiter des Zentrums lehren die Anwohner, sich Hausgärten anzulegen, und klären über die Wirkung einzelner Kräuter und bestimmter Diäten auf. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, genau wie die technische Basisausbildung, die einige der vielen Jugendlichen erhalten, um irgendwann einmal in der Lage zu sein, für sich selbst zu sorgen.

Die Hauptaufgabe des Zentrums besteht allerdings darin, sich um die vielen Kinder zu kümmern, die Eltern oder Elternteile verloren haben oder in so großer Armut leben, dass sie die Schule nur mit finanzieller Unterstützung besuchen können. Die Zahl der vom Programm erfassten Kinder habe dank der steigenden Hilfsgelder von 200 auf gegenwärtig 1260 Kinder angehoben werden können. Doch nach wie vor übersteige die Nachfrage das Angebot bei Weitem.

Unser letzter Besuch in Bindura ist zugleich der schwerste. Mit einigen Mitarbeitern des Zentrums fahren wir zum Haus von Archibald und seinen zwei Brüdern. Archibald ist sechzehn Jahre alt, erzählen die Betreuer des Social Centers, wirkt jedoch jünger. Mit 14 schon ist er zum Familienoberhaupt geworden und muss sich seither um seine kleinen Brüder kümmern. Sie sind 13 und 11 Jahre alt. Vor Jahren schon ist ihr Vater an Aids gestorben. Von da an sorgte die Mutter für alles, verdiente Geld und erzog ihre Söhne. Später stellte sich heraus, dass auch sie mit dem Virus infiziert war. In Ermangelung der nötigen Medikamente baute sie körperlich schnell ab und starb 2004. Archibald und seine Brüder waren völlig auf sich gestellt, Großeltern hatten sie keine mehr. Allerdings gab es noch ein paar entfernte Verwandte, die – wie so oft in solchen Fällen – plötzlich auftauchten und den Jungen einreden wollten, sie selbst seien die neuen rechtmäßigen Besitzer des Hauses. Offenbar hatte die Mutter ihren ältesten Sohn aber genau darauf noch vor ihrem Tod vorbereitet. Er wandte sich an das Social Center, dass ihm juristische Beratung und Schutz bot. Seitdem werfen die SOS-Mitarbeiter regelmäßig ein Auge auf diese „Child-headed-family“. Neun ähnliche Fälle sind allein in diesem Viertel bekannt. Und im ganzen Land dürften es tausende Kinder sein, die ohne Verwandte vollkommen auf sich gestellt groß werden.

Auf der Rückreise fällt uns im riesigen Terminal des Flughafens Johannesburg in Südafrika eine großflächige Anzeige auf. Ein überdimensionierter David Beckham tritt gegen einen Adidas-Ball, den offiziellen Ball der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Wir erinnern uns des Direktors der Primary School Maizelands Farm, Mafunga. Es war ihm noch wichtig, uns zum Abschluss des Rundgangs ein verdorrtes Stoppelfeld zu zeigen, den Fußballplatz der Schule. Die Fläche fiel zur einen Seite hin stark ab. Mafunga trocken: „You see, there is no level playing field for these kids.” Kannte er den Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman, der seinem letzten Bestseller den programmatischen Titel „The world is flat“, „Die Welt ist flach“ gab? Das globale Spielfeld ist noch lange nicht eben, die Chancen sind nicht gleich. Und der Fußballplatz der Primary School ist eine traurig-schöne Metapher.

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