Simbabwe The world is not yet flat

Die politischen und wirtschaftlichen Rahmendaten von Simbabwe sind düster. Doch das SOS-Kinderdorf ist ein Hoffnungsschimmer gegen Aids, Korruption und Staatsterror. Hiesigen Kindern eine Zukunft zu geben, ist ein mühseliges und akut gefährdetes Unterfangen. Von Christian Hambrecht und Max Mäckler


Auf dem Failed States Index für 2006 befindet sich Simbabwe an fünfter Stelle, direkt hinter dem Irak. Die geschätzte Arbeitslosenquote liegt bei 75 Prozent, die Inflationsrate beträgt mittlerweile 1185 Prozent – Tendenz steigend. Seit 1998 ist die Wirtschaftskraft des Landes um 40 Prozent geschrumpft, im Jahre 2005 betrug die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes -6,5 Prozent. Über 40 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Etwa 8 Prozent dieser sehr jungen Gesamtbevölkerung von 13 Millionen sind Halb- oder Vollwaisenkinder, denn mehr als 20 Prozent der Menschen sind mit HIV infiziert. Aids ist die Todesursache Nummer Eins. Das ist Simbabwe in Zahlen.

Familienoberhaupt Archibald (16) mit Brüdern (13, 11) – eine child-headed-family
Christian Hambrecht

Familienoberhaupt Archibald (16) mit Brüdern (13, 11) – eine child-headed-family

Gerade für Kinder, an denen das Land doch so reich ist, ist es nicht einfach zu leben oder zu überleben. Doch dies öffentlich aussprechen? Man schweigt besser, möchte man sich nicht der speziellen Zuneigung des allliebenden Landesvaters, Robert Mugabe, aussetzen. Er hängt gerahmt – nein, er prangt – mit staatsmännisch-saurer Miene im weiten, hell-weißen Terminal des Flughafens Harare. Er ist das Erste, was man sieht, wenn man den Fuß auf simbabwische Erde setzt. Aus der Luft blickt man auf sonnenverbrannte Landschaft – eine stete Nuancierung von Brauntönen, kontrastiert von blitzenden blauen Seen, die aus der Kargheit wie versprengte Farbkleckse hervorstechen. Straßen verlaufen schnurgerade durch die Ödnis in eine dunstige Ferne, gelegentlich von Bäumen flankiert, die den Eindruck von Alleen entstehen lassen. Ansiedlungen, Behausungen bleiben kleine indifferente Punkte.

Am Boden tänzelt das freundliche Licht der afrikanischen Wintersonne gleißend auf polierten Schalterflächen. Der Flughafen ist ein Niemandsland, hohle Fassade der Moderne, die in diesem Land noch nicht angekommen oder wieder im Schwinden ist. Aufschluss darüber könnten Richard und Godfrey geben. Richard, der ehemalige Lehrer und jetzige Jugendkoordinator des SOS-Kinderdorfes Bindura: untersetzte Statur, leger gekleidet, ein Karohemd in die weit geschnittenen Jeans gestopft, fein geränderte Brille auf der breiten Nase. Er spricht leise, scheinbar jedes Wort abwägend, mit gemütlichem Akzent. Richard wird unser ständiger Begleiter in Simbabwe sein; er zeigt uns das hiesige Leben in all seinen Facetten, verschweigt nichts. Aber er überlässt uns die Wertung. Godfrey, der Fahrer des SOS-Kinderdorfes, lacht dröhnend. Das macht er sehr gerne. Belustigende Themen findet er zuhauf, unsere Angst vor Schlangen oder Spinnen, das ungewohnte Linksfahren. Tiefsinnige Reflektionen über den Niedergang dieses Landes scheinen nicht seine Sache zu sein. Man spürt, dass es die Menschen sind, die ein Land erst mit Leben, Atmosphäre, Charakter erfüllen – mögen Landschaft und Fakten auch eine andere Sprache sprechen.

Godfreys bunte Krawatte wippt auf seinem karierten Hemd auf und ab, während er Richtung SOS-Kinderdorf Waterfalls steuert. Er spricht lebhaft, gestikuliert. Er kann es bedenkenlos – die Fahrbahnen sind weitgehend ausgestorben, nur wenige Autos schleichen auf der zweispurigen Straße dahin. Wir fahren durch die Hauptstadt Harare, politischer und wirtschaftlicher Dreh-und-Angel-Punkt des Landes. Der Jeep kämpft sich auf einer schmalen, sandigen Straße einen Hügel hinauf. Zu unserer Linken erhaschen wir zwischen wild wucherndem Blattwerk gelegentlich einen Blick auf weite, brach liegende Industrieanlagen. Aus einem Busch in der Wegbiegung taucht ein Soldat auf. Das Militär sei neuerdings auf dieser Hügelkuppe, erzählt Richard. Warum? Wer weiß. Er zuckt mit den Achseln: „Die Soldaten sind eben überall präsent.“

Die afrikanische Sonne versinkt rostig-golden; fahl und staubig fristen die Jacaranda-Bäume zu beiden Seiten der Straße ihr karges Dasein. Sie warten vergeblich auf Regen. Der Winter ist Trockenperiode. Verdorrte Wiesen wechseln mit kärglichen Bretterbehausungen. Harare ein riesiges Geisterdorf? Der Verkehr findet an den Straßenrändern statt: Apathische Gestalten schlappen durch den Staub; Kinder spielen in ausgebrannten Autowracks. Leute sitzen auf Reifen im spärlichen Schatten schlanker Gummibäume, lesen vergilbte Zeitungen, stellen handgefertigte traditionelle Waren zur Schau. Wer kauft hier?

Kann man den Menschen die Wirtschaftsdaten vielleicht ansehen – wirkt nur Godfrey so fröhlich? Eine Einteilung nach Schwarz/Weiß-Schema ist nicht möglich. Die Wahrheit ist ein Graugemisch, wie die lange, niedrige Betonmauer, die sich an der Fensterscheibe wie ein Band entlangzieht. An ihrem Ende ein gusseisernes Tor. Dahinter beginnt die kleine, behütete Welt des SOS-Kinderdorfes Waterfalls. Man hört verhaltenes Kinderlachen. Hier ist auch Godfreys ansteckendes Lachen zu Hause. Vor uns erstreckt sich eine gepflegte Anlage mit weiß gekalkten, einstöckigen Häusern, ihnen vorgelagert ein Rasen mit Miombobäumen und Blumenbeeten. In einem großen Raum mit schräger Decke essen wir zu Abend. An den Wänden hängen SOS-Werbeposter. Unter der Aufschrift „Für das Ich und das Wir“ zeigen sie ovale Farbtupfer – wie Blüten, oder kleine Quadrate in blauer Rahmung, die für Kinderdörfer weltweit stehen. Es gibt viele davon. Gestärkt brechen wir wieder auf – zu einem dieser kleinen Quadrate: Bindura.

Familie im SOS-Kinderdorf Waterfalls – Nur die „schlimmsten" Fälle werden aufgenommen
Christian Hambrecht

Familie im SOS-Kinderdorf Waterfalls – Nur die „schlimmsten" Fälle werden aufgenommen

Das SOS-Kinderdorf in der kleinen Bergbaustadt Bindura, umgeben von weitem Farmland, ist unser eigentlicher Zielort. Es liegt rund zwei Stunden nordöstlich von Harare. Zusammen mit unseren zwei großen Koffern und sechs unbekannten Erwachsenen, die die seltene Mitfahrgelegenheit nutzen – der öffentliche Verkehr ist mehr oder weniger zum Erliegen gekommen, über eigene Fahrzeuge verfügen die wenigsten – zwängen wir uns auf die Matratze im Laderaum des Pick-Ups. Es ist eng, sehr eng. Mit Erleichterung stellen wir denn auch fest, dass wir nach nur zehn Minuten in der Innenstadt anhalten. Sicher werden einige Mitreisende aussteigen.Ein höflicher Herr im Anzug tritt an die Ladeklappe und wird herzlich begrüßt. Natürlich erlaubt er sich nur einen Scherz als er Anstalten macht, in den Kofferraum, die „Dog section“, zu steigen. Ein Witzbold! Doch dann macht er es sich mit freundlich interessiertem Grinsen und gemurmelter Entschuldigung so gut wie möglich auf uns bequem.

Mit kuscheligem Ölsardinenbüchsengefühl geht die Fahrt weiter. Es entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch, das schnell auf Politik zu sprechen kommt. Und während wir in stetem Tempo aus der Stadt in die weite, im fahlen Dämmerlicht versinkende Landschaft hineinfahren, wird diskutiert, was denn nun dran sei, an den neuesten Gerüchten über Pläne der Regierung drei Stellen vom Nennwert aller Banknoten und Preise zu streichen. Wir hatten den 100 000. Simbabwe-Dollar-Schein bereits in der Hand gehalten. In dieser Woche benötigt man rund sechs davon, um einen Liter Cola zu kaufen.

Wir kommen in eine bergige Region. Draußen ist es stockdunkel geworden und seit einer halben Stunde sind wir keinem Fahrzeug begegnet. Am bröckelnden Straßenrand tauchen ab und zu Umrisse einzelner Hütten auf, in denen flackernder Feuerschein zu erkennen ist. Strom gibt es hier draußen nicht. Mobilfunk auch nicht. Schließlich erreichen wir Bindura und das SOS-Kinderdorf. Viel zu sehen ist jetzt nicht, die einzige Beleuchtung stammt von Flutlichtern an turmhohen Masten. Ahnungslos fragen wir, ob dort ein Sportplatz sei. Richard erklärt uns, dass diese Scheinwerfer in den umliegenden Elendsvierteln für ein wenig Sicherheit sorgen sollen. Normale Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Steif von der Fahrt staksen wir zu Bett.

Das International Guest House ist komfortabel. Auch ein Gecko im Vorhang und ein Frosch im Spülkasten mindern diesen Eindruck am nächsten Morgen nicht. Richard holt uns zum Frühstück ab, das eine SOS-Mutter in ihrem Haus zubereitet hat. Es hat keine Hausnummer, aber wie die anderen 14 Häuser im Dorf einen Namen: Furiramudenga, zu Deutsch Giraffe. Der Grundriss ist immer gleich: überdachte Veranda im Zentrum, um die sich Wohn- und Esszimmer, Küche, die drei Schlafzimmer der Kinder und das der Mutter gruppieren. Die „Mama“ zeigt uns stolz ihr Domizil. Sie hält ein wenige Wochen altes, friedlich schlummerndes Baby auf dem Arm – „my Youngest“. Ihre anderen elf toben im angrenzenden Kindergarten oder drücken die Schulbank.

Beim Essen leistet uns Fideline Gesellschaft. Sie ist 17 Jahre alt und smart. Ihre Auffassungsgabe und ihr gewitzter, spöttischer Blick machen klar, warum sie auf ein SOS-College nach Ghana gehen darf. Das Privileg für die Besten aus den Kinderdörfern. Sie möchte vieles von uns wissen. Gegenwärtig hat sie Ferien und wohnt in dem Haus, wo auch ihr neunjähriger Bruder aufwächst. Als vor Jahren ihre Eltern starben, wurden beide von SOS-Kinderdorf aufgenommen. Gewöhnlich vergibt SOS-Kinderdorf nur Plätze an Kinder bis zur Altersgrenze von fünf Jahren. Fideline war älter, doch sie hatte Glück. Geschwister werden nicht getrennt – Richtlinie von SOS-Kinderdorf. Später möchte Fideline in Kanada oder Australien studieren. Ihr Traumberuf: Pilotin.

Behütete Welt des Kinderdorfes Waterfalls – 8 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Voll- oder Halbwaisen
Christian Hambrecht

Behütete Welt des Kinderdorfes Waterfalls – 8 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Voll- oder Halbwaisen

Richard wird unruhig. Die Maizelands SOS-Primary School wartet auf uns. Es ist ein langer Weg dorthin, ein zermürbender, quälender, wenn man die kleinen Gestalten mit den wenigen Schulsachen auf dem Rücken sieht. Viele Schüler laufen 10 bis 12 Kilometer täglich zur Schule – hin und zurück. Nicht alle haben Schuhe. Ihre Eltern, sofern sie noch leben, sind bitterarme Farmarbeiter. Unter einer einsamen Baumgruppe in der kahlen, flachen Weite kommen geduckte Gebäude, von einer niedrigen Mauer umfriedet, in Sicht. Sie sind weiß verputzt, haben blaue Fensterläden und Schrägdächer – entfernt erinnern sie an Stallungen. Dazwischen ziehen sich säuberlich beschnittene Hecken entlang. Das ist die Primary School.

Zunächst empfängt uns Mr. Mafunga, der Direktor der Schule, mit herzlichem Händedruck und bittet in sein Büro im kleinen Administrationsgebäude. Er gibt uns einen Überblick über die Situation seiner Schule: Knapp über tausend Schüler lernen bei 27 Lehrern, also 40-50 Schüler pro Klasse. Wenn ein Lehrer Urlaub bekommt oder ausfällt, gibt es keinen qualifizierten Ersatz. Es fehlt mindestens ein Klassenraum, deshalb findet immer eine Stunde im Freien statt. Ein mit Hilfe von SOS-Spenden finanziertes Dach, das man vor Kurzem zwischen zwei Häusern eingezogen hat, dient als weiterer Klassenraum und bringt eine gewisse Entlastung. An zehn prähistorischen Computern lernen jeweils fünf Kinder das Arbeiten mit dem Rechner. Einen Drucker gibt es nicht, aber ein selbst gemaltes Poster an der Wand erklärt dessen Funktion. Es fehlt außerdem an Schulbüchern – auch hier teilen sich mehrere Schüler eines –, an Stiften, Papier, einfach an allem. Am schlimmsten aber sind die häufigen Elektrizitätsausfälle, die die Toiletten mit ihren elektrischen Wasserpumpen mehrmals pro Woche für Stunden unbenutzbar machen. Nachdem wir all diese Fakten erfahren haben, erhebt sich Mafunga und betont noch einmal, dass dies die Schule für die Ärmsten der Armen sei. Unter seinen Schülern seien etwa 200 Waisen und viele Kinder in der Gegend kämen gar nicht in die Schule, da sich die Eltern dies nicht leisten könnten.

Man führt uns durch die Klassenräume. Sobald wir hereinkommen, springen alle Schüler überstürzt auf – ab und zu fällt ein Stuhl krachend um. „Good morning, class“ – „Anyone know, where the world cup took place?“ – Stille – „In Germany, Sir“ – „Thank you, class!”. Neugierige Blicke und wir sind raus. Als wir glauben, den Rundgang beendet zu haben, weist Mafunga auf einen schmalen, hohen Eingang mit der Aufschrift „Storage room“. Ein einladender Schwenk seiner Hand, wir treten ein und bleiben sofort stehen. Uns bleibt auch nichts anderes übrig: Ein äußerst enger Raum, an dessen Wänden 40 Kinder in zwei Reihen zusammengezwängt sind. Es ist die erste Klasse; zwei kleine, hoch gelegene Fenster lassen spärliches Licht herein, elektrische Beleuchtung Fehlanzeige. Im Türrahmen begrüßt uns die Lehrerin. In der Düsternis am anderen Ende des Raums ist eine Tafel auszumachen. Man fragt sich verblüfft, wie sie durch die eng gedrängten Schüler dorthin gelangen soll. Die kalten massiven Steinwände, deren Quaderstruktur sich unter der dünnen Weißtünchung abzeichnet, lassen an eine Gefängniszelle denken. Die Kinderköpfe starren unentwegt in unsere Richtung. Lapidar bemerkt Mafunga, dass ohne SOS-Kinderdorf diese Kinder schon lange keine Schule mehr hätten – denn die staatliche Finanzierung von 10 Millionen ZIM-Dollars pro Jahr reiche gerade, um 100 Kugelschreiber anzuschaffen.

  • 1. Teil: The world is not yet flat
  • 2. Teil


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