SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. März 2012, 15:28 Uhr

Neue Sinus-Studie

So fühlt Deutschlands Jugend

Von und

Wie ticken die Erwachsenen von morgen? Für eine Studie wurden deutsche Jugendliche nach ihrem Lebensgefühl gefragt. Ergebnis: Der Leistungsdruck steigt, die Kluft zwischen den sozialen Schichten vertieft sich. Doch jeder geht damit sehr unterschiedlich um.

Es ist eine triste Lebenswelt. An den Wänden hängen Poster von Bushido, im Regal steht ein Deoroller und sonst nicht viel. Wer hier lebt, interessiert sich "eigentlich für nichts". Wer hier lebt, empfindet die Schule als Ort des Konflikts, des Misserfolgs, der Demütigung. Der sagt Sätze wie: "Man kann den Freunden halt nicht immer vertrauen" und fürchtet, später von Hartz IV leben zu müssen.

Es ist die Lebenswelt jener Jugendlichen, die es von vornherein schwer haben: Ihre Eltern haben keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss, sind oft arbeitslos, leben an der Armutsgrenze. Die Lebenswelt der "Prekären", so nennen sie die Autoren der neuen Sinus-Jugendstudie, die an diesem Mittwoch vorgestellt wurde. Die Autoren warnen: Jugendliche aus solch prekären Verhältnissen werden massiv ausgegrenzt. Dass bei den Abgehängten die Resignation wächst, hatte bereits die letzte Shell-Jugendstudie gezeigt.

"Wie ticken Jugendliche?", so lautet die Leitfrage und der Titel der Untersuchung, wobei auch die Autoren klarstellen: Es ist unmöglich, die Frage allgemeingültig zu beantworten. Die Jugend lasse sich nicht beschreiben, sondern nur in ihrer Unterschiedlichkeit betrachten. Dafür haben die Forscher 72 Interviews mit Jugendlichen aus verschiedenen Städten geführt, sie haben sie zudem schriftlich Fragen zu ihrem Leben beantworten lassen, und die Forscher haben die Jugendlichen ihre Zimmer fotografieren lassen, in denen manchmal eben Bushido-Poster an den Wänden hängen und ein Deoroller im Regal steht.

Daraus lassen sich zwar keine statistisch repräsentativen Ergebnisse ableiten, doch die Methode macht die Perspektiven und Nöte der Jugendlichen so anschaulich wie kaum eine andere. Aus den Antworten und Bildern haben sie sieben Lebenswelten modelliert, die zeigen sollen, wie die Jugend in Deutschland im Jahr 2012 denkt und fühlt:

Insgesamt, so die Studien-Autoren, stehen die Jugendlichen unter großem Druck: Die Berufsaussichten sind unsicher, die Leistungsanforderungen hoch. Sie würden früh die Rolle von "Mini-Erwachsenen" übernehmen.

Bei aller Verschiedenheit schätzen fast alle Jugendlichen traditionelle Werte wie Sicherheit, Pflichtbewusstsein, Familie und Freundschaft. Aber sie tun es nicht auf traditionelle Weise, sondern leben ein individuelles Werte-Patchwork. "Hart arbeiten und auch hart feiern, Job und zugleich Familie, sparen und sich auch etwas leisten", sagt Marc Calmbach, der an der Studie mitgearbeitet hat. Neu sei die deutliche soziale Abgrenzung, die "Entsolidarisierung". Viele Jugendliche haben sich demnach abfällig über Hartz-IV-Empfänger und Jugendliche mit ausländischen Wurzeln geäußert, wenn auch zum Teil verklausuliert, etwa mit Formeln wie "Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass...".

Der Studie wurde in Auftrag gegeben von sechs kirchlichen und gesellschaftspolitischen Institutionen. Das Sinus-Institut erforscht seit über 30 Jahren die deutsche Gesellschaft und gruppiert jene Menschen, die ähnliche Lebensweisen haben und ähnliche Einstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit, Geld und Konsum. Die Politik hat schon auf die Ergebnisse des Instituts zurückgegriffen, um beispielweise ihren Wahlkampf zu optimieren, und auch die Werbewirtschaft bedient sich.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung