Skater und Chorknabe Aus der Halfpipe zum Halleluja

Mozart in der Kirche und Punkrock auf dem Skateboard - größer könnte der Kontrast kaum sein. Für Benedikt P., 19, ist das Alltag: Unter der Woche brettert er durch Skateparks, sonntags schmettert er im Domchor heilige Messen und Motetten.

Von Christian Hambrecht


Benedikt rauscht neben den Pfeilern entlang. Es ist ein warmer, heller Samstag im Skatepark, der unter der Brücke liegt.

Er tänzelt leicht auf seinem Skateboard, schlingert in kurzen, gewundenen Kurven über den Asphalt. Dann macht er einen Ollie, Basistrick beim Skaten. Er tritt auf den hinteren Überstand des Bretts, tail genannt, - das Deck hebt sich steil in die Luft, das Vorderknie hat Benedikt scharf angewinkelt. Das Deck geht in die Waagerechte über, schnellt durch den Raum. Mensch und Brett sind eins, mit einem satten Knall setzen sie auf, rollen aus.

Benedikt nimmt die Kopfhörer seines mp3-Players raus, sie baumeln vor seinem grau-schwarzen Kapuzenpulli. Man hört tiefes Punkdröhnen - es passt zu den schnellen, scharfen Bewegungen auf dem Skateboard, zum trockenen Schlag, wenn das Deck über die stählerne Abschlusskante der Steilwand in der Miniramp hinstreift.

Benedikt ist ein großer, schlaksiger Junge. Unter seiner blonden, verstrubbelten Haarmähne blitzen zwei flinke, grünblaue Augen hervor. Er grinst viel, verschmitzt.

Jetzt dreht er sich eine Zigarette, schaut neugierig den anderen Skatern bei ihren Tricks zu: "Es macht einfach Spaß, beim Skaten zuzugucken. Ein Fußballspiel von vor drei Jahren will keine Sau mehr sehen, du weißt ja, wie das Spiel ausging. Skatevideos aber schaust du immer wieder gern, manche habe ich schon über hundert Mal gesehen. Es steckt viel Ästhetik in diesem Sport", sagt er und zieht an der Zigarette.

Trotz Gehirnerschütterung - Skateboarden macht süchtig

Er setzt sich auf den Boden, in den Schatten. Die Jeans sind an den Knien abgewetzt, die Haut darunter ist aufgeschürft. Er sieht an sich herab und lächelt wieder. "Angst vor Verletzungen musst du ausschalten, die gibt's zwangsläufig bei diesem Sport. Skaten ist stark ein mentales Ding."

Benedikt pendelt zwischen heiligen Hallen und Halfpipe

Benedikt pendelt zwischen heiligen Hallen und Halfpipe

Benedikt stellte sich das erste Mal in der 7. Klasse auf das rollende Brett. Schnell machte er Fortschritte. Dann blieb er einmal oben in einer Rampe hängen und stürzte sie hinab. Folge war eine Gehirnerschütterung. "Als ich zu Hause war und kotzte, dachte ich einen Moment daran, Skaten bleiben zu lassen. Aber es war nur ein sehr kurzer Moment." Benedikt blinzelt ins Sonnenlicht: "Von Skaten kriege ich einfach nicht genug."

Seine Augen funkeln, er zieht an seiner Zigarette, beides Glut. Dann schweigt er. Oben rauscht laut der Verkehr. Unvermittelt spricht Benedikt wieder, sagt einen Satz, der nach dem Kern dieses eigenartigen, schwer erklärbaren Sport hascht, eine Ahnung der Faszination gibt: "No coaches, no rules, just me, the street and my board - freedom. Hab ich mal gelesen."

Jetzt muss Benedikt los, heute Abend ist eine Party. Er wirkt wie ein weicher Anarcho-Typ, Geisteskind der Punkbewegung. Einer, der seine Freiheit will und sich auch holt, Verpflichtungen und Zwänge umkurvt.

Doch Skaten ist nur ein Teil von Benedikt Leben.

Am nächsten Tag. Sonntags, 10 Uhr im Dom. Da ist der unverkennbare Kopf wieder, die zerzauste, zottelige Haarpracht. Das Licht fällt durch die hohen, spitzbogigen Buntglasfenster. Benedikt steht diesmal in Reih und Glied, alles schwarz-weiß: schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Krawatte - aufrecht seine Haltung, den Rücken durchgedrückt.

Erst "Lalilelolu", dann die großen Werke

Der Blick ist konzentriert, nach vorn ins Kirchenschiff gerichtet, jeder Gesichtsmuskel gespannt. Benedikt ist Mitglied des Bamberger Domchors, einer von 80. Sie singen zumeist an Hochfesten wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten.

Seit 13 Jahren ist er dabei. Es begann im Vorchor, zwei Jahre Grundausbildung. Von dort in den Knabenchor. Dann kamen Stimmbruch und eine mehrmonatige Zwangspause. Eine kritische Phase, etliche sprangen ab. Die übrigen stiegen im Männerchor ein. Wer früher Sopran oder Alt sang, ist jetzt Tenor oder Bass.

"Für einen so jungen Chor haben wir ein hohes Niveau", bemerkt Benedikt stolz. "Das Wichtigste beim Singen ist ein feines Gehör. Und das kriegst du gewöhnlich nur über sehr viel Üben. Es kommt auf dich an. Wenn du falsch singst, kannst du das ganze Stück vergessen." Drei Stunden pro Woche wird geprobt.

Anfangs singt man sich ein. "Das ist nicht viel anders, als wenn man sich vor dem Sport aufwärmt. Man dehnt halt statt der Beinmuskulatur die Stimmbänder. Es sind meist simple Sprechübungen wie 'La-li-le-lo-lu'." Dann kommen die großen Werke klassischer Musik - Messen, Vespern, Motteten.

Mit dem Papst auf Augenhöhe

Die alten Meister wie Mozart kennt Benedikt inzwischen gut. "Wenn wir ein Stück neu einstudieren, lese ich als erstes den Namen des Komponisten. Dann weiß ich meist, wie es klingen muss, die haben stets ähnliche Klangmuster." Anders ist es bei modernen Werken. "Oft schaue ich in die Noten und checke erst mal gar nichts. Es sind acht Stimmen, und jede Stimme singt einen Ton, der sich an den anderen sieben Stimmen reibt. Am Anfang klingt das richtig blöd, erst nach einigen Proben wird's besser."

Warum ist er all die Jahre dabei geblieben? Benedikt überlegt nicht lange. "Als Kind sagen die Eltern: 'Hey, du könntest doch im Domchor mitsingen.' Aber wir jetzt sind alle freiwillig hier."

"Wir" - das ist eine Reihe von Jungs, die meist gleichzeitig mit ihm begonnen haben, gute Freunde wurden und auch jetzt noch da sind. Man ist auf Chorfahrten viel herumgekommen, war in Italien, England, Frankreich, Ungarn, das schweißte zusammen. In Rom hat Benedikt dem damaligen Papst Johannes Paul II die Hand geschüttelt.

Aber wie lebt es sich mit solchen Kontrasten - Domchor hier, Skaten da? Benedikt grinst, zuckt die Achseln, schweigt. Er ist müde von der gestrigen Party und dem frühen Aufstehen. Bevor er geht, möchte er aber noch etwas zum Skaten loswerden. "Dort habe ich neue und andere Leute kennen gelernt, Haupt- und Realschüler. Viele Gymnasiasten haben da gleich Vorurteile. Aber die baut man beim Skaten schnell ab. Das Miteinander ist viel besser als in den meisten Klassen."

Vielleicht ist das die Klammer in Benedikts Leben zwischen Skaten und Domchor: das Menschliche. Kein sozialer Dünkel, keine Cliquen, sondern das schlichte Offensein sein für andere und anderes.

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