Smartphones an Schulen "Warum soll man Internet in der Klausur verbieten?"

Tablets und Smartphones in Klausuren: Niedersachsen will die Geräte als erstes Bundesland zulassen - allerdings ohne Internetzugang. Prüfungsexperte Jürgen Handke hält das für zu zaghaft.
Smartphone-Einsatz im Unterricht an einem Gymnasium

Smartphone-Einsatz im Unterricht an einem Gymnasium

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa
Zur Person
Foto: Jürgen Handke

Jürgen Handke, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Philipps-Universität Marburg, ist Experte im Bereich digitaler Lehre und elektronischer Prüfungsverfahren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Handke, als erstes Bundesland will Niedersachsen an Schulen Smartphones und Tablet-Computer in Klausuren zulassen - zumindest, um Taschenrechner, Wörterbücher oder Formelsammlungen zu nutzen. Ist die Tablet-Nutzung ohne Internet schon eine Innovation der Prüfungsverfahren?

Handke: Es ist ein erster Schritt, den ich unbedingt für notwendig halte. Generell müsste Schülern und Studenten all das erlaubt werden, was sie im Alltag auch verwenden. Dazu gehören nun mal Smartphones und Laptops. Ich halte es aber für absurd, das Internet zu verbieten. An unserer Hochschule erlauben wir die Nutzung des Internets bei elektronischen Klausuren bereits. Wir sind damit ziemlich die Einzigen, werden aber von vielen beneidet.

SPIEGEL ONLINE: Einen Vokabeltest können Sie sich dann aber schenken.

Handke: Ja, es kommt auf die Klausurformate an. Wenn reines Wissen überprüft wird, kann man das Internet nicht freigeben. Ich halte diese Prüfungsform aber ohnehin nicht für sinnvoll. Wir haben bis 2016 in unseren elektronischen Klausuren hauptsächlich Wissen abgefragt. Dabei konnten wir feststellen: Die Klausurergebnisse waren im Prinzip unabhängig von den Seminarinhalten. Mit anderen Worten: Einen Multiple-Choice-Test kann man immer bestehen, dazu muss man nicht unterrichtet werden.

Wenn Sie im Unterricht aber Kompetenzen vermitteln, etwa Berechnungen in der Mathematik, Analyseaufgaben, Recherchetechniken, und diese dann später abfragen, dann nützt Ihnen das Internet in der Prüfung herzlich wenig. Mit geht es darum, die Prüfungen praxisnah zu gestalten: Wenn Sie für Recherchen zu Hause das Internet nutzen, warum soll man es dann innerhalb der Schule verbieten?

SPIEGEL ONLINE: Niedersachsen hat allerdings keine Revolution bei den Klausurformen, sondern lediglich einen Erlass zur Nutzung von Smartphones und Tablets in Prüfungen  angekündigt. Definitiv ohne Internetzugang. Wie ist das technisch möglich?

Handke: Da wird man in Software investieren müssen, die das verhindert. Die Schüler werden versuchen, durch Umwege ins Internet zu kommen. Da müssen Sie die Aufsicht verstärken.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die Lehrer dafür auf die Geräte der Schüler zugreifen?

Handke: Nein, die Aufsicht muss bei den Klausuren die Bildschirme im Blick haben, damit nur das Erlaubte aufgerufen wird. Die Frage ist ohnehin, ob die Schüler ihre eigenen Geräte nutzen oder ob die Schule sie bereitstellt. Solange man das Internet nicht zulässt, sollten Schüler ihre eigenen Geräte nicht benutzen. Denn dafür müssten Sie ja Software installieren und im Zweifelsfall doch mal ein Gerät überprüfen. Das wäre mit dem Datenschutz nicht vereinbar. Wenn das Internet freigegeben wird, spräche aus dieser Sicht nichts mehr dagegen, die Geräte zu nutzen, die es ohnehin gibt. Die Schule müsste nur noch eine Reserve bereitstellen.

SPIEGEL ONLINE: Dann könnte es aber vom Geldbeutel der Eltern abhängen, ob Schüler in der Klausur ein schnelles, leicht zu bedienendes Gerät haben oder langsamer als der Rest surfen. Wie lösen Sie das an der Uni?

Handke: Wir haben einen Pool mit 120 Computern, da werden die Klausuren geschrieben. Das Prinzip "bring your own device" ist in Klausuren für die Chancengleichheit in der Tat ein Problem. Aber Prüfungen werden ja nur von 30, 40 Schülern gleichzeitig geschrieben. Wenn die Schule dafür Geräte besorgt, sollte das finanziell tragbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, der Plan der Niedersachsen sei nur ein erster Schritt. Was wären die nächsten?

Handke: Wenn man jetzt sagt, man verbietet das Internet in Klausuren, dann wird man sich das in einem Jahr wieder fragen - und es irgendwann erlauben. Die Debatte ist eigentlich schon einen Schritt weiter, da heutige Prüfungsformen nicht mehr zeitgemäß sind. Es geht um Kollaboration. Welcher Mensch arbeitet heutzutage noch allein an einem Problem? Digitale Zusammenarbeit sollte man irgendwann mitdenken in Klausuren. Deshalb halte ich die Debatte "Internetnutzung ja oder nein" fast schon für eine Debatte von gestern.