Spielkonsolen im Unterricht Japaner lernen mit der Daddelkiste

Lassen Playstation und Xbox Jugendliche verblöden? Viele Eltern befürchten das. In Japan setzen Lehrer die kleinen, piepsenden Kisten mit den bunten Bildern jetzt im Unterricht ein. Die Schüler finden's prima.


Konsole an, Hirn aus. Und los gedaddelt. Eltern halten Spielkonsolen für so etwas wie den natürlichen Feind der Intelligenz ihrer Kinder. Selbst schuld, wer seinen Sprösslingen so eine Zock-Kiste ins Kinderzimmer stellt.

Japanische Jugendliche: Mit der Playstation Mathe pauken
AP

Japanische Jugendliche: Mit der Playstation Mathe pauken

Was Eltern befürchten: Playstation, Xbox und Wii sorgen für miserable Zensuren, weil Kinder lieber dem Highscore nachjagen, als Formeln mit mehreren Unbekannten für den Mathe-Unterricht zu pauken. Konsolen-User bauen im Echzeit-Strategie-Spiel weltweite Imperien auf, interessieren sich aber nicht für die Liberalisierung des Welthandels im Geographie-Unterricht. Sie fahren jederzeit im Rennsimulator virtuelle Autos zu Klump, kennen im echten Straßenverkehr aber keine Vorfahrtsregel. Und erst die Ego-Shooter! Jedes Ballerspiel macht aus einem friedliebenden Jüngelchen eine hasserfüllte Kampfmaschine.

Böse, böse Spielkonsole. Teufelszeug. Oder?

In Japan versuchen Lehrer jetzt, die Konsolen im Unterricht einzusetzen. Sie wollen sich die Begeisterung der Jungen und Mädchen für die Spielzeuge zu Nutze machen. Es funktioniert: Jeden Samstag lädt Lehrer Raita Hirai von der Wada-Schule in Tokio seine Schüler zu zusätzlichen Mathe-Stunden in die Schule ein, der Konsolen-Unterricht ist freiwillig. Trotzdem sind 13 von 26 Schülern gekommen. Statt in ihre Mathebücher zu schauen, tippen sie mit einem Stift auf dem Bildschirm ihrer aufklappbaren Spielkonsolen herum.

Saito Miyauchi, 12, hält Lehrer Hirai schüchtern lächelnd seine Konsole entgegen. "Sehr gut", sagt Hirai. 45 Rechenaufagben in 15 Minuten hat Saito auf seiner Konsole gelöst - so viele wie kein anderer in der Klasse.

Konsolen kosten viel weniger als Computer

Nana Watanabe stehen Schweißperlen auf der Stirn, sie ist noch nicht so ein Profi wie Saito. Die Mathe-Konsole findet sie aber auch ganz praktisch: "Ich bin sehr beschäftigt mit meinem Badminton-Club. Mit der Spielkonsole kann ich überall und sehr schnell lernen."

Auch andere Schulen in Japan machen Versuche mit den Konsolen: In der Stadt Yawata in Westjapan pauken sie englische Vokabeln auf den Mini-Computern, jeden Morgen zehn Minuten lang. "Der Vorteil ist, dass die Schüler ein englisches Wort gleichzeitig sehen, hören und es schreiben können", sagt ein Sprecher der Schulbehörde.

Auch die private Otemon Gakuin Schule in Osaka experimentierte mit Spielkonsolen - erfolgreich, findet Lehrer Toyokazu Takeuchi nach einem Pilotprojekt mit Viertklässlern im Alter von neun und zehn Jahren. Vom "E-Learning made in Japan" schwärmt Takeuchi gar: "Wir kombinieren die traditionelle Lehre des Lesens, Schreibens und Rechnens mit der Kraft der Informationstechnik und der Spielcomputer." Nach Abschluss des Pilotprojektes will Takeuchi bald auch in der zweiten Klasse die Playstation einsetzen.

Einen großen Vorteil haben Konsolen: Sie sind viel billiger als ein Computer. Über 16 Konsolen können für den Preis eines Computers angeschafft werden. Nach Angaben der Schulbehörde von Yawata kostet eine Konsole 17.000 Yen, etwa 105 Euro.

Einen flächendeckenden Einsatz der Konsolen plant das japanische Bildungsministerium bisher nicht. Die Hersteller der Geräte können sich dennoch über den Image-Gewinn durch den Schuleinsatz freuen. Besser kann sich das keine PR-Agentur ausdenken. Die Frage ist nur: Was spielen die Kinder, wenn der Lehrer gerade mal nicht guckt?

maf/afp

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.