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10. Februar 2012, 12:23 Uhr

Sprachen in Europa 

Deutsch steigt ab

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Junge Schweden finden Deutsch öde - und sind damit nicht allein. Immer mehr Schüler in Europa lernen lieber andere Fremdsprachen. Goethe-Institut und Co. forcieren zwar das Marketing, doch eine Europakarte zeigt: Unsere Nachbarn werden zu Deutschmuffeln.

Wenn Nils Hansson im schwedischen Lund mit dem Deutschunterricht beginnt, ist es im Klassenraum immer besonders ruhig. Ihm gegenüber sitzen drei Schüler, sie beugen sich über ihre Arbeitsblätter, nur das Kratzen der Stifte ist zu hören. "Immer, wenn ich Abba höre, muss ich tanzen", hat der Lehrer an die Tafel geschrieben. "Wann verwende ich wenn, wann verwende ich als, und wann verwende ich wann?"

Nur Patrik, 18, Erna, 17, und Khetam, 17, wollen an dem schwedischen Gymnasium Deutsch lernen. Die anderen 200 Schüler bevorzugen Französisch, Dänisch und Spanisch: "Meine Freunde finden, dass man mit Deutsch nicht so viel anfangen kann", sagt Erna, "Spanisch sei immerhin eine Weltsprache."

Zwar verstieg sich Volker Kauder, Fraktionschef der CDU, Ende 2011 zu dem Satz: "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen", und sorgte damit für einige Unruhe in Europa. Gemeint war das aber im übertragenen Sinn und sollte den Vorbildcharakter deutscher Politik verdeutlichen. In den krisengeschüttelten Ländern Südeuropas machte das Goethe-Institut stark gestiegenes Interesse an Deutschkursen aus; in Madrid beispielsweise stieg die Zahl der Teilnehmer im vergangenen Jahr um über 60 Prozent. Parallel dazu verließen deutlich mehr Griechen und Spanier ihre von der Finanzkrise gebeutelten Heimatländer, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Doch dieser durch wirtschaftliche Not ausgelöste Trend gilt bislang nur für Erwachsene. Für die Jugend in Europa ist Deutsch nicht mehr attraktiv. In fast allen europäischen Ländern ist an Schulen die Zahl der Deutschlerner in den vergangenen fünf Jahren stark zurückgegangen, das zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. In den Niederlanden beispielweise verringerte sich deren Anteil dramatisch von 86 auf 44 Prozent, in Dänemark von 50 auf 35 Prozent und in Schweden von 35 auf 27 Prozent.

Selbst in einstigen Bastionen bröckelt allmählich der Rückhalt: So lernen auch in Osteuropa immer weniger Schüler Deutsch - wobei hier noch immer fast überall mehr als die Hälfte aller Schüler Deutschunterricht nehmen, in Slowenien, der Slowakei und in Tschechien sogar über 60 Prozent.

Warum ist Deutsch auf dem Rückzug?

Es gibt nicht die eine, allumfassende Erklärung für den starken Deutsch-Schülerschwund. In Osteuropa etwa habe vor allem die deutsche Wiedervereinigung und die Auflösung der Sowjetunion zu einem Rückgang geführt, sagt Ulrich Ammon, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Duisburg-Essen: "Früher wurde dort über den eigentlichen Bedarf hinaus Deutsch unterrichtet", sagt er. "Englisch sollte kleingehalten werden und die Kontakte zur DDR und das Interesse an den Schriften von Marx und Engels taten ihr Übriges, dass viele Schüler Deutsch als Fremdsprache wählten."

In Frankreich war vor ein paar Jahren noch von einem kleinen Deutsch-Boom die Rede, als Tokio Hotel die Charts stürmte. Auch wenn die Teenie-Band vielleicht manch einen französischen Schüler dazu brachte, Deutsch zu lernen, ist die Sprache nicht sonderlich beliebt.

Dass der Trend weg vom Deutschen in Frankreich gebremst werden konnte, liegt womöglich auch daran, dass das französische Bildungsministerium vor zwei Jahren mehr als eineinhalb Millionen Werbebroschüren an weiterführende Schulen verteilte. Darin priesen die Politiker die "logische und klare" deutsche Sprache, mit der die Schüler "den enormen Reichtum" Deutschlands entdecken könnten.

Und auch die Deutschpropagandisten des Goethe-Instituts bemühten sich mit einem "Deutschmobil" in Frankreich und in den Niederlanden um mehr junge Deutschlerner. Außerdem arbeitet das Institut zurzeit an einem Imagefilm, der weltweit für die deutsche Sprache werben soll. "Seit zehn Jahren spüren wir den Druck auf die deutsche Sprache, die bei vielen jungen Leuten als hölzern und langweilig gilt", sagt der Sprecher des Instituts, Christoph Mücher. Er glaubt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und der anhaltende Berlin-Hype würden helfen, das Image der deutschen Sprache aufzumöbeln.

Rückgang in Europa, Aufschwung in Asien und Afrika

Die Zahlen aber sprechen eine anderen Sprache, und auch Linguistik-Professor Ammon warnt davor, den Einfluss einer Band oder einer angesagten Stadt überzubewerten. "Dafür spielt Deutschland in der internationalen Jugend- und Popkultur eine zu unwichtige Rolle", sagt er. Wichtiger sei die eigene Familie: "Schüler entschieden sich oft für Deutsch, weil es schon die Eltern lernten."

Trotz der schlechten Statistik sorgt sich Ammon nicht: "Eine weltweit verankerte Sprache stirbt so schnell nicht aus", sagt er. Auch die Präsidentin des Internationalen Deutschlehrerverbandes, Marianne Hepp, will berufsbedingt natürlich nicht an deren Niedergang glauben: "Ein Aufschwung ist zu spüren", sagt sie. Während in Europa die Nachfrage bröckele, steige sie zum Beispiel in Afrika. "Hier steckt großes Potential", sagt auch Ammon. Viele junge Leute erhofften sich dadurch berufliche Vorteile.

Auch in Asien glaubt Deutschland mit seiner Sprache landen zu können - hilft aber auch dort gehörig nach: So soll etwa in Indien an 1000 Schulen einer landesweiten Schulkette Deutschunterricht eingeführt werden; im Rahmen der Partnerschulinitiative des Auswärtigen Amtes in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Goethe-Institut und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). 100.000 Schüler will die Initiative in Indien erreichen. "Deutsch ist hier die Sprache findiger Ingenieure und erfolgreicher junger Betriebswirte und genießt wie das Land selbst einen sehr guten Ruf", sagt der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann.

An ihre berufliche Zukunft haben zumindest die drei Schweden Erna, Khetam und Patrik nicht gedacht, als sie sich für Deutsch entschieden haben. Khetam gefällt der Klang der Sprache. Sie hört ihn oft, wenn sie ihre Schwester in Hannover besucht, die dort mit ihrem deutschen Mann lebt. Patrik hat eine deutsche Großmutter, mehrmals im Jahr trifft er seine Verwandtschaft und übt dann fleißig den richtigen Einsatz von wann, wenn und als. "Meine Cousinen aus Berlin sagen, dass ich ganz gut spreche", sagt er. Und wenn Erna im Sommer in ihre zweite Heimat Bosnien fährt, macht sie immer in Deutschland Station. "Da ist es gut, die Sprache zu beherrschen."

Und vielleicht wird es bald in Nils Hanssons Deutschunterricht nicht mehr ganz so ruhig sein. Denn ein Artikel in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" über Deutschlands Rolle in der Schuldenkrise endet mit der Empfehlung: "Auf jeden Fall tun schwedische Jugendliche gut daran, wieder Deutsch zu lernen."

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