Sprachpreis 2010 "Niveaulimbo" ist Jugendwort des Jahres

Sprechen Sie jugendlich? Und sprechen Jugendliche wirklich so, wie Medienmenschen glauben? Eine Jury hat jetzt die ironische Wortschöpfung "Niveaulimbo" zum Jugendwort des Jahres gekürt. Dabei hatten die Teilnehmer einer Online-Abstimmung ganz andere Favoriten.
Zu ordinär für die Jury: "Speckbarbie" war der Favorit von Voting-Teilnehmern im Internet

Zu ordinär für die Jury: "Speckbarbie" war der Favorit von Voting-Teilnehmern im Internet

Foto: ? Finbarr O'Reilly / Reuters/ REUTERS

Geht es auf oder ab mit der deutschen Jugendsprache? "Niveaulimbo" heißt das diesjährige Siegerwort eines Wettbewerbs des Langenscheidt-Verlags. Laut Jurybegründung steht es für ein "ständiges Absinken des Niveaus, aus dem Ruder laufende Partys und sinnlose Gespräche" unter Jugendlichen. Zudem werde damit auch die "gegenwärtige Entwicklung der TV-Landschaft" von Jugendlichen kritisch beäugt und kommentiert. Das findet jedenfalls die Jury.

Auf Platz zwei schaffte es das "Arschfax", ein "Unterhosenetikett, das hinten aus der Hose hängt" - knapp vor dem "Egosurfen" (seinen eigenen Namen in Internet-Suchmaschinen eingeben). Zwar sei dieses Wort nicht grundsätzlich neu, habe aber angesichts der immer breiteren Nutzung der sogenannten "Social-Media-Plattformen" nun erneut hohe Aktualität in der Jugendsprache erlangt.

Auf Platz vier wählte die Jury das Wort "Speckbarbie", womit ein "aufgetakeltes Mädchen in viel zu enger Kleidung" bezeichnet wird. Dahinter landete der beim Chatten oder Simsen häufig benutzte Ausdruck "n1, nice one" ("gut gemacht, geile Aktion!").

Mit dem Wettbewerb möchte die Verlagsgruppe seit 2008 den kreativen Umgang der Jugendlichen mit Alltagssprache präsentieren und dokumentieren. Neben Journalisten diskutierten im siebenköpfigen Gremium auch drei Schüler im Alter von 14, 16 und 17 intensiv über die Auswahl. Am Ende war man einer Meinung. Die Juroren suchten nach besonders originellen Wörtern, möglichst neu und mit aktuellen Bezügen zu Themen, die gesellschaftlich relevant sind und Jugendliche bewegen. In die engere Wahl kamen zum Beispiel "Klappkaribik" (für Sonnenbank), "eskalieren" (für exzessiv feiern) oder "Hochleistungs-Chiller" (extrem faule Person).

Bei der Online-Abstimmung lag "Speckbarbie" vorn

In den vergangenen zwei Jahren waren noch Wörter prämiert worden, die deutlich mehr auf Krawall setzten: "Gammelfleischparty", eine Bezeichnung für Ü-30-Partys, und "hartzen", gleichzusetzen mit "arbeitslos sein, rumhängen".

Die Entscheidung für das Jugendwort 2010 zeigt, dass die Jury mitunter andere Favoriten hat als die Teilnehmer einer Abstimmung im Web. Dabei machten rund 38.000 Menschen mit. Die Mehrheit votierte für die ordinäre "Speckbarbie", die nach längerer Jury-Diskussion nur auf Rang vier landete, weil vor allem die jugendlichen Jurymitglieder den Begriff als zu abwertend empfanden.

Zu den Lieblingswörtern der Abstimmungsteilnehmer zählten außerdem "Arschfax", "Atze" (Kumpel, Freund), "Loli" (unreifes und naives Mädchen) sowie "eskalieren". Das Jury-Siegerwort "Niveaulimbo" war weit abgeschlagen - es landete auf dem letzten von 15 Plätzen.

Bei "Jugendsprache" müsse man sich über eines klar sein: "Jugendliche reden nicht immer so", sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der Shell-Jugendstudie. Begriffe wie die im Wettbewerb seien speziellen Situationen vorbehalten und "keine Wörter, die in den Alltagssprachgebrauch integriert werden", so Hurrelmann. Benutzt würden sie "in kleinen Zonen und Segmenten - immer, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Gesprächspartner zu beeindrucken".

Nicht immer lässt sich allerdings sagen, welches Wort nun zur jungen oder zur alten Szenesprache gehört. Damit Sie es können, gibt SPIEGEL ONLINE Nachhilfe - mit Slang und echten Sprachperlen.

jon/jol/dpa/dapd
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