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17. August 2012, 08:48 Uhr

Latein

Auferstanden von den Toten

Ich geh mal eben an den computator im nexus retialis chatten. Die Sprache Latein gilt als moribund, aber ihre Liebhaber kämpfen mit neuen Vokabeln gegen ihr Siechtum an - offenbar erfolgreich: Mehr Schüler als noch zu Beginn der neunziger Jahre deklinieren wieder "rex, regis, regi, regem, rege". Warum nur?

"Quod me nutrit me destruit" - diesen lateinischen Satz hat sich Angelina Jolie unter den Bauchnabel tätowieren lassen: "Was mich nährt, zerstört mich." Die tote Sprache hat auch im 21. Jahrhundert noch viele Fans - nicht nur in Hollywood.

In Deutschland wächst die Zahl der Anhänger sogar, versichern Latein-Fans: "Die Nachfrage nach Latein ist seit einigen Jahren unglaublich", sagte etwa der Philologie-Professor Karl Enenkel.

Seit Ende der neunziger Jahre ist die Zahl der Schüler um 30 Prozent gestiegen, die lernen, "rex, regis, regi, regem, rege" herunterdeklinieren. Etwa jeder zehnte Schüler in Deutschland wählt Latein als Fremdsprache. Manche Unis haben wegen des Andrangs im Fach Latein den Numerus Clausus eingeführt.

Vielleicht hat Harry Potter mit seinen lateinischen Zaubersprüchen den Ansturm ausgelöst. Lateinprofessor Enenkel führt aber noch ganz andere Argumente an: In einer Welt, die immer hektischer und unübersichtlicher werde, sei Latein aus der Sicht von Eltern ein Gegenpol.

Wunderwaffe gegen das schnelle Googeln?

Die Eltern wüssten, dass ihre Kinder im Lateinunterricht etwas über die europäische Geschichte, Literatur und Kultur lernen, ganz ohne das sonst allgegenwärtige Entertainment, sagt Enekel. "Immerhin müssen sich die Schüler bei Latein sehr stark konzentrieren und ihr Gedächtnis trainieren. Und das ist gut, weil ja heute fast alles schnell gegoogelt werden kann."

Sein Mitarbeiter Christian Peters sekundiert: "Latein hilft jedem Kind dabei, die grammatikalischen Strukturen seiner Herkunftssprache zu verstehen. Manche Schüler kennen ja nicht einmal die vier Fälle." Da nickt sein Chef Enenkel. "Die lateinische Struktur ist fix und stabil." Das könne man vom flüchtigen Internet nicht behaupten.

Auch wenn den beiden Lateinern das Internet suspekt erscheint - das Netz hat mit der alten Sprache kein Problem. Einen Beweis liefert Facebook: Dort können die Nutzer ihr Profil in dieser Sprache einstellen und auch Wikipedia listet Latein unter seinen Sprachen auf. Und weil Caesar damals noch nicht mit Kleopatra chatten konnte, müssen Neo-Lateiner heute neue Wörter für die digitale Welt erfinden. Computer heißt dann "computator", das Internet "nexus retialis" - und das Verb chatten könnte "garrire" genannt werden.

Der Lateinunterricht muss nach Ansicht der beiden Wissenschaftler aber die Waage zwischen Moderne und Beständigkeit halten. Zwar seien stumpfe Übersetzungen über den Gallischen Krieg nicht mehr zeitgemäß, aber die Sprache solle auch nicht zu poppig werden.

Was beim Auflockern helfen kann? Der Professor verweist auf den Comic-Klassiker "Asterix und Obelix". Den gibt es zwar auch schon seit fast 40 Jahren in lateinischer Sprache - aber was ist sind vier Jahrzehnte im Vergleich zu einem mehr als 2000 Jahre Stück Kultur? Interessieren könnten die heutigen Latein-Teenager außerdem Holzschnitte zu den "Metamorphosen" von Ovid. Latein, sagt Enenkel, solle schließlich Spaß machen.

Marie Rövekamp/fln/dpa

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