Kritik an verkürzter Gymnasialzeit Mehrheit will zurück zum G9-Abitur

In mehreren Bundesländern wird die Dauer der Gymnasialzeit derzeit heiß diskutiert, denn: G8 ist extrem unpopulär. Laut einer aktuellen Umfrage wollen drei von vier Deutschen zurück zum langsameren Lernen am Gymnasium.
Abiturprüfung in Hessen (Archivbild): Turbo-Abi unerwünscht

Abiturprüfung in Hessen (Archivbild): Turbo-Abi unerwünscht

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Hamburg - Sollen Gymnasiasten acht oder neun Jahre Zeit haben, um das Abi zu erreichen? Das Abitur nach der zwölften Klasse (G8) ist eine der umstrittensten Bildungsreformen der vergangenen Jahre. Während in vielen Bundesländern derzeit Politiker noch um eine Reform der Reform ringen, ist die Meinung der Bundesbürger zu dem Thema weiter eindeutig: Fast drei Viertel der Deutschen wünschen sich eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage für das Magazin "Stern".

72 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass möglichst alle Bundesländer wieder zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückkehren sollten. Lediglich 21 Prozent finden demnach, es solle bei acht Jahren am Gymnasium (G8) bleiben.

In den meisten westdeutschen Bundesländern war im vergangenen Jahrzehnt das sogenannte Turbo-Abi eingeführt worden. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg experimentierten in den Neunzigern für ein paar Jahre mit dem neunjährigen Gymnasium und kehrten um 2000 zum Gymnasial-Abitur nach acht Jahren zurück.

Die verkürzte Gymnasialzeit stieß von Anfang an auf Ablehnung: Die Kritik entzündete sich daran, dass Lehrpläne nicht ausreichend verschlankt worden seien, der Lernstoff balle sich in der Mittelstufe. Lehrer und Schülervertreter schimpften und eine Eltern-Umfrage zeigte unter anderem im Herbst 2012, wie unbeliebt das Turbo-Abi ist.

Damals wollten sogar acht von zehn Eltern ihr Kind für eine neunjährige Gymnasialzeit (G9) anmelden, hätten sie die Wahl. 79 Prozent der Eltern sprachen sich dafür aus, das Gymnasium solle generell neun Jahre dauern. Nur 17 Prozent setzten auf G8.

Wirkung zeigten die heftigen Proteste von Lehrern, Eltern und Schülern mittlerweile in mehreren Bundesländern: Der Trend geht zur längeren Gymnasialzeit, zuletzt leitete ein Land gar eine komplette Rolle rückwärts ein:

  • Niedersachsen kündigte unlängst als erstes Bundesland eine echte Rückkehr zu G9 an.
  • In Bayern wirbt ein Volksbegehren für Wahlfreiheit. Bisher gibt es dort das sogenannte Flexibilisierungsjahr - ein freiwilliges Wiederholungsjahr -, mit dem die Regierung des Freistaats das Turbo-Abi zumindest für schwache Schüler entschleunigen will. Die Forderungen des Volksentscheids gehen über diese bestehende Regelung noch hinaus.
  • In Hessen etwa können Gymnasien seit dem Schuljahr 2013/2014 zwischen G8 und G9 entscheiden. Immer mehr Schulen kehren nun zu G9 zurück.
  • Optionale G-9-Züge gibt es zudem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.
  • In Hamburg brachte die Elternvereinigung G9 jetzt! eine sogenannte Volksinitiative für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auf den Weg. Sie ist die erste Stufe eines Begehrens von Bürgern, an dessen Ende ein für den SPD-Senat der Hansestadt bindendes Votum stehen könnte.

lgr/AFP