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28. Juni 2011, 06:23 Uhr

Streit über Schulkonzept

CDU-Bürgermeister rebellieren gegen Parteispitze

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Die CDU-Führung will Haupt- und Realschulen zusammenlegen, doch der Basis geht das nicht weit genug: Christdemokratische Bürgermeister setzen auf die Gemeinschaftsschule - und gehen damit auf Konfrontationskurs zu konservativen Traditionalisten.

Berlin - Eine neue Front tut sich auf im schulpolitischen Streit in der CDU. Bislang bekämpften sich vor allem Traditionalisten und gemäßigte Reformer, jetzt rebelliert auch noch die Basis - und vertritt eine in der Union ziemlich untypische Position.

Worum es geht: Unter Schmerzen hat die CDU-Führung sich am Montag dazu durchgerungen, Abschied zu nehmen von der Hauptschule. Ein neues Schulkonzept sieht vor, Haupt- und Realschulen in der Oberschule zu fusionieren. Die Traditionalisten in der Union, allen voran die CSU, stemmen sich allerdings nach wie vor dagegen. Sie wollen das dreigliedrige Schulsystem unbedingt erhalten, eine Idee, die mittlerweile 150 Jahre alt ist. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle wetterte: "Die faktische Auflösung einer Kernschulart ist ein pädagogischer Fehler."

Jetzt gerät die Parteiführung zudem von der anderen Seite unter Druck. Während das neue Konzept den Traditionalisten zu weit geht, geht es vielen Christdemokraten in den Kommunen nicht weit genug. Viele CDU-Bürgermeister kritisieren die Idee einer Oberschule, weil die CDU an der Trennung von Haupt- und Realschülern innerhalb ihrer neuen Oberschule festhält. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte von den Vorteilen einer separaten "Hauptschulpädagogik" gesprochen.

Genau das wollen die Bürgermeister aber nicht mehr. In einigen CDU-regierten Kommunen gibt es offenen Widerstand: "Es ist kontraproduktiv, weiter Hauptschulpädagogik betreiben zu wollen", sagt etwa Arthur Christiansen, Bürgermeister im schleswig-holsteinischen Handewitt. "Das widerspricht allen wissenschaftlichen Ansätzen, dass es homogene Lerngruppen niemals wieder geben wird."

"Gott sei Dank, haben wir uns für die Gemeinschaftsschule entschieden"

Die Erfahrung spricht für ihn. Bürgermeister Christiansen stand vor fünf Jahren mit seiner Gemeinde vor der Wahl: Eine separative Oberschule einführen - oder eine integrative Gemeinschaftsschule? Also entweder die Schüler nach vermeintlichen Talenten aufteilen oder gemeinsam unterrichten. "Gott sei Dank, haben wir uns für die Gemeinschaftsschule entschieden, wir haben seitdem ständig steigende Schülerzahlen", sagt er. In Handewitt versuchen sie gerade, eine Oberstufe auf seine Gemeinschaftsschule aufzusetzen, also sogar das Abitur dort anzubieten.

Dass er mit seiner Überzeugung nicht allein ist, zeigt sich beim einfachen Mengenvergleich: In Schleswig-Holstein geht das Rennen zwischen der Oberschule, die dort Regionalschule heißt, und der Gemeinschaftsschule eindeutig aus - es gibt inzwischen weit über 100 Gemeinschaftsschulen und nur wenige Regionalschulen.

Aber auch in Nordrhein-Westfalen votieren viele CDU-Bürgermeister für die Gemeinschaftsschule, die von konservativen Traditionalisten oft nur unter dem Kampfbegriff "Einheitsschule" firmiert. "Überall, wo wir mit stark sinkenden Schülerzahlen zu tun haben, bietet uns die Gemeinschaftsschule mit ihrer pädagogischen Idee eine viele bessere Perspektive als die rein administrative Zusammenlegung von zwei Schulen als Verwaltungseinheiten", sagt etwa Margareta Ritter, Bürgermeisterin von Monschau, einem kleinen Ort an der Rur. Auch sie ist Christdemokratin.

"Gemeinsames Lernen ist natürlich möglich", sagt Ritter, die bereits jetzt ihre Hauptschule nur noch mit Ausnahmegenehmigung betreiben darf - es fanden sich gerade noch 17 Schüler.

Auch in den Orten Erwitte und Anröchte, beide ebenfalls in NRW, plädieren beide CDU-Bürgermeister für das Modell der Gemeinschaftsschule. "Wir haben mit den Lehrern ein pädagogisches Profil entwickelt, bei dem die Schüler in der fünften und sechsten Klassen voll integriert und bis zur neunten Klasse in gemeinsamen Schwerpunktfächern zusammen lernen", sagte Bürgermeister Horst Holtkötter aus Anröchte, das rund 70 Kilometer von Dortmund entfernt ist. "Es geht um individuelle Förderpläne und nicht mehr darum, eine Gruppe von Schülern pauschal über einen Notenspiegel zu beurteilen."

Er und andere CDU-Bürgermeister geben sich sicher, dass die CDU in ihrem Bundesland sich weiter bewegen wird - und damit wohl auch die Bundes-CDU. Wichtig sei für die CDU, auch die integrierten Schulformen zu akzeptieren - und dann den Kommunen vor Ort freie Hand zu lassen, wie sie ihre Schule gestalten. "Wir wissen in den Gemeinden sehr genau, wie gute Schule geht, besser als irgendwelche Gremien in Düsseldorf oder Berlin."

Für Bürgermeisterin Ritter aus Monschau ist es keine Frage, "dass sich die CDU bewegen wird. Wir werben in unserer CDU für eine Schulgesetzänderung zusammen mit einer Pragmatikerin wie Frau Löhrmann." Sylvia Löhrmann ist Bildungsministerin in NRW - eine grüne Bildungsministerin wohlgemerkt.

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