SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Januar 2008, 16:02 Uhr

Streit über Schulsystem

Gesamtschule folgenlos, Bildung wird vererbt

Von

Fördern Gesamtschulen Arbeiterkinder besser als das dreigliedrige Schulsystem? Ein Pädagogikprofessor hat die Lebenswege hessischer Schüler über Jahrzehnte verfolgt. Sein ernüchterndes Fazit: Die soziale Herkunft ist entscheidender als die Schulform.

Eins zu zwölf. In Zahlen: 1:12. So stehen die Chancen eines Arbeiterkindes, einen Hochschulabschluss zu erreichen, im Vergleich zu einem Oberschichtkind. Das ist eine niederschmetternde, wenngleich keine neue Erkenntnis - das deutsche Bildungssystem ist dafür berüchtigt, dass es Kinder und Jugendliche höchst wirkungsvoll nach ihrer sozialen Herkunft sortiert. Und Migrantenkinder werden erst recht abgehängt. Die Pisa-Studien zeigen: Bildungsgerechtigkeit zu schaffen, gelingt in Deutschland viel schlechter als in vergleichbaren Ländern.

Viertklässler mit Zeugnissen: Früh trennen sich die Wege der Kinder
DPA

Viertklässler mit Zeugnissen: Früh trennen sich die Wege der Kinder

Daran entzündet sich ein schier endloser Streit um das richtige Schulsystem. Im Zuge der Reformeuphorie der siebziger Jahre führte die Einführung von Gesamtschulen in einigen Bundesländern zu einem regelrechten Kulturkampf. Sie sollten die traditionelle Trias von Gymnasien, Real- und Hauptschulen brechen und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu besseren Chancen verhelfen. Ein erfolgreicher Ansatz? Der Wissenschaftler Helmut Fend kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Auch die Gesamtschulen scheitern an diesem Anspruch.

Seine Untersuchung gibt der Schulsystem-Debatte neue Nahrung. Als Pädagogikprofessor lehrte Fend in Konstanz und Zürich, ist inzwischen emeritiert und steht keineswegs im Verdacht, Gesamtschulen zu hassen. Im Gegenteil, vielen Schulreformern fühle er sich verbunden, schreibt Fend in der "Zeit". Dort bilanziert er, dass die "soziale Herkunft hierzulande noch langfristiger über den Bildungserfolg der Kinder entscheidet als bisher angenommen" - eine "bittere Erkenntnis".

Frühe Förderung, mehr Durchlässigkeit

In den siebziger Jahren leitete Fend eine große Studie über die Vor- und Nachteile von Gesamtschulen und verfolgte für seine neue Untersuchung die Lebenswege von Schülern an Gesamt- und anderen Schulen; sie sind zwischen 12 und 35 Jahre alt und wohnen in oder um Frankfurt herum. Ob sie studierten, welche Schulabschlüsse und Berufspositionen sie erreichten, dafür spielte die Schulart Fends Studie zufolge praktisch keine Rolle. Gesamtschüler schnitten nicht besser ab als vergleichbare Absolventen anderer Schulen.

Viel wichtiger für den Bildungserfolg ist demnach das Elternhaus - vor allem, wenn es um "Entscheidungen mit Risikocharakter" geht, also etwa zum Schulabschluss, zur Ausbildung oder Berufslaufbahn. Dann tritt die Schulform in den Hintergrund, stattdessen "kommen die Ressourcen der Familie zum Tragen", so Fend in der "Zeit".

Der Erziehungswissenschaftler lässt durchblicken, dass er einen Neustart der ideologisch aufgeheizten Schulsystem-Diskussion für sinnlos hält. Er plädiert für pragmatische Lösungen, vor allem für mehr Durchlässigkeit: Wenn Jugendliche nach dem neunten oder zehnten Schuljahr den Haupt- oder Realschulabschluss in der Tasche haben, muss das nicht die Endstation in der Bildung sein. Sie können auch an berufsbildenden Gymnasien weitermachen oder andere Wege zur Hochschulreife absolvieren.

Daneben hält Fend auch eine "gezielte Frühförderung, etwa durch Ganztagsschulen", für sinnvoll und favorisiert ein zwei- statt dreigliedriges Schulsystem. Soll heißen: Das Gymnasium bleibt, aber Haupt- und Realschulen werden zusammengefasst. Weg mit der Hauptschule - diese Forderung fand in den letzten Monaten bei Bildungsforschern und -politikern immer mehr Anhänger.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung