Streit übers Schulsystem "Leistungsstarke Kinder setzen sich überall durch"

Unterfordert die sechsjährige Grundschule gute Schüler? Nein, sagt einer der wichtigsten Bildungsforscher Deutschlands. Im Interview erklärt Jürgen Baumert, wieso kluge Kinder nicht nur am Gymnasium gut aufgehoben sind - womit er einem prominenten Kollegen widerspricht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Baumert, wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Kollegen, dem Bildungsforscher Rainer Lehmann von der Humboldt Uni in Berlin?

Baumert: Freundlich, warum?

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr veröffentlichte Lehmann die sogenannte Element-Studie, die einschlug wie eine Bombe. Der Tenor: Die sechsjährige Grundschule bremst leistungsstarke Kinder; am besten schickt man sein Kind schon nach der vierten Klasse aufs Gymnasium. Jetzt haben Sie dieselbe Datenbasis noch einmal analysiert - und kommen zum gegenteiligen Ergebnis. Was stimmt denn nun?

Gymnasium gleich Leistung? Nein, starke Schüler setzen sich auch an der Grundschule durch

Gymnasium gleich Leistung? Nein, starke Schüler setzen sich auch an der Grundschule durch

Foto: DDP

Baumert: In den meisten Bundesländern beginnt das Gymnasium mit Klasse fünf, in Berlin regulär erst mit Klasse sieben. Doch zählen etwa acht Prozent eines Jahrgangs dort zu den sogenannten Frühwechslern. Sie wechseln schon nach der vierten Klasse auf ein sogenanntes grundständiges Gymnasium. Dies sind Gymnasien, die spezielle Profile anbieten - etwa Latein als erste Fremdsprache oder eine besondere musische Förderung.

SPIEGEL ONLINE: Dank dieser Konstellation lassen sich in Berlin die Schülerleistungen von Grundschülern und Gymnasiasten sehr gut vergleichen.

Baumert: Wir haben nun festgestellt: Zwischen den Frühwechslern und einer Gruppe von Grundschülern, die in allen für die Leistung wichtigen Voraussetzungen vergleichbar ist, gibt es keinen oder keinen stabil nachweisbaren Unterschied im Zuwachs der Lesekompetenz und der mathematischen Fähigkeiten. Leistungsstarke Fünft- und Sechstklässler setzen sich auch in der Grundschule in diesen Kompetenzbereichen durch.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Worten: Gymnasiasten lesen und rechnen nicht besser als vergleichbare Grundschüler im gleichen Alter. Woran liegt das?

Baumert: An den individuellen Leistungsvoraussetzungen und am familiären und sozialen Hintergrund der Kinder. Diese hochauserlesene Schülerschaft kommt aus bildungsnahen, sehr unterstützenden Elternhäusern, sie ist besonders begabt und hat in allen Fächern deutlich bessere Noten - unabhängig davon, ob die Schüler auf die Grundschule oder das Gymnasium gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Schüler haben Sie verglichen?

Baumert: Wir haben für 1732 Frühübergänger sogenannte Zwillingspaare gebildet, indem wir den Gymnasiasten jeweils Grundschüler mit gleichen Testleistungen am Ende der vierten Klasse, gleichen Noten, gleicher Begabung, gleicher Motivation und gleichem Bildungshintergrund zugeordnet haben.

SPIEGEL ONLINE: Und die Ergebnisse widersprechen der These von Lehmann?

Baumert: Der Bericht von Professor Lehmann hatte vor allem deskriptive Aufgaben. In den ersten Analysen wurden nur wenige ausgewählte Kontrollvariablen berücksichtigt. In der Wissenschaft kommt es häufiger vor, dass Modelle im ersten Anlauf fehlspezifiziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen liest sich das schon sehr deutlich. Sie schreiben: "In keinem Leistungsbereich sind Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar."

Baumert: Diese Aussage bezieht sich ausschließlich auf die Lesekompetenz und die mathematischen Fähigkeiten. In diesen Bereichen kann man Fördereffekte durch das Gymnasium nicht konsistent nachweisen. Die Element-Studie untersucht jedoch nicht, ob die grundständigen Gymnasien ihren eigentlichen Bildungsauftrag erfüllen - also ob ordentlich Latein gelernt oder musisches Talent gefördert wird.

SPIEGEL ONLINE: Lehmann lag also falsch?

Baumert: Sein Abschlussbericht ist sehr abwägend und differenziert formuliert. In der Presse und Politik wurde das dann verkürzt.

SPIEGEL ONLINE: Er selbst hat in zahlreichen Statements und Interviews gegen die sechsjährige Grundschule gewettert und sich auf seine Studie berufen. An die Öffentlichkeit trat Lehmann just an dem Tag, als in Hamburg die Umbaupläne zur Grundschule verkündet wurden - dort soll eine sechsjährige Primarschule entstehen. Dagegen läuft die Lobby der Gymnasial-Eltern noch immer Sturm.

Baumert: Man konnte schon eine gewisse Diskrepanz zwischen dem vorsichtigen Abschlussbericht und den öffentlichen Äußerungen wahrnehmen. Weder seine noch meine Ergebnisse liefern wissenschaftliche Argumente für oder gegen eine für alle Schüler verlängerte Grundschulzeit.

SPIEGEL ONLINE: Jedenfalls scheint eine längere Grundschulzeit den leistungsstarken Schülern nicht zu schaden, wie manche Gymnasial-Eltern und Lehrerverbände befürchten und behaupten.

Baumert: Man darf daraus aber nicht schließen, dass dies in höheren Klassen, wenn alle Schüler auf unterschiedliche Schulformen verteilt werden, so bleibt. Nur weil es in den Klassen fünf und sechs nicht schadet, muss es danach nicht ebenso sein. Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass sich die Leistungen von Gymnasiasten und Real- und Hauptschülern nach der sechsten Klasse auseinander entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer berufen sich Eltern- und Lehrerverbände, die für eine frühe Selektion der Schüler streiten, auf die Lehmann-Ergebnisse.

Baumert: Wer so etwas tut, handelt unredlich. Die Element-Studie sagt nur etwas über die vergleichbare Leistungsentwicklung einer kleinen, sehr begabten Schülergruppe an Grundschulen und Gymnasien in zwei Basiskompetenzen aus.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, ob längeres gemeinsames Lernen sinnvoll ist?

Baumert: Nein, dazu gibt es keine belastbare Studie. Es ist einfach schwierig, eine wirkliche Vergleichsgruppe für die verlängerte sechsjährige Grundschule zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man ist auf die politische Glaubenslehre angewiesen?

Baumert: Strukturentscheidungen sind immer politische Entscheidungen. Wenn Länderregierungen die Grundschulzeit verlängern wollen, müssen sie dafür politisch werden.

SPIEGEL ONLINE: Tendieren Sie in eine Richtung?

Baumert: Es gibt Befunde, die zeigen, dass ein frühes Aufteilen der Kinder auf getrennte Schulformen, die unterschiedliche Entwicklungsumwelten anbieten, soziale Ungleichheiten verstärkt. Deshalb muss man darauf achten, dass in keinem Bildungsgang Sackgassen entstehen. Wer am gegliederten Schulsystem festhält, muss dafür sorgen, dass Übergangsentscheidungen später wieder korrigiert werden können, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg. Wer dort die Realschule mit gutem Erfolg absolviert, kann ohne Zeitverlust das Abitur an beruflichen Gymnasien erwerben.

SPIEGEL ONLINE: Beide Interpretationen der Daten wurden politisch ausgeschlachtet, sowohl Ihre als auch die von Rainer Lehmann. Ihnen wirft der Philologenverband jetzt "bildungspolitische Einseitigkeit" vor.

Baumert: Das sehe ich ganz gelassen. Ein Philologe liest üblicherweise seine Texte vor der Interpretation. Unser Aufsatz erscheint im Juni-Heft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Dann schauen wir einmal.

Das Interview führte Oliver Trenkamp