Streit ums Turbo-Abitur Alles auf Anfang

Viele Eltern, Schüler und Lehrer sind genervt vom Turbo-Abitur, deswegen bietet ein Bundesland nach dem anderen wieder das alte G9-Modell an. Der Andrang ist groß: Die Gymnasiasten scheinen sich danach zu sehnen, ein Jahr mehr Zeit zu haben - nicht nur im Westen.
G8-Abiturienten in Bayern: Ungeliebte Reifeprüfung

G8-Abiturienten in Bayern: Ungeliebte Reifeprüfung

Foto: A3528 Armin Weigel/ picture alliance / dpa

Es sind nicht nur die vielen Meinungsumfragen, in denen Eltern dem ungeliebten Turbo-Abitur oder dem gymnasialen G8-Modell schlechte Noten ausstellen. Es ist bereits eine Abstimmung mit den Füßen - zumindest in den West-Bundesländern, in denen Eltern für ihre Kinder mittlerweile wieder zwischen dem Abitur nach zwölf oder 13 Schuljahren wählen können. Der Trend im Westen, so sagen Schulforscher übereinstimmend, geht wieder zurück in Richtung klassisches Abitur nach längerer Schulzeit.

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen laufen die an einigen Gymnasien zunächst testweise wieder eingeführten G9-Modellzüge über. Auf Anhieb hätte man gleich die doppelte Zahl genehmigen können. Noch vor Weihnachten beschloss der Landtag in Wiesbaden für Hessen Wahlfreiheit für Schulen und Eltern ab dem nächsten Schuljahr.

In Schleswig-Holstein ist das Abitur an einzelnen Gymnasien schon längst wieder auch nach 13 Jahren möglich. Bayern plant ein "Flexibilisierungsjahr" - um angesichts der Elternrufe nach Rückkehr zur alten Schulzeit "ein wenig Dampf aus dem Kessel zu nehmen". Aufgeschreckt hatte das Ministerium in München Meldungen über zunehmenden Abi-Stress und hohen Durchfallquoten. Und an den Berliner Gymnasien mit Turbo-Abi gab es im vergangenem Jahr erstmals mehr freie Plätze als an den integrierten Schulformen - wo die Reifeprüfung unverändert erst nach 13 Schuljahren abgelegt wird.

Ende 2001 hatte die erste Pisa-Studie die Öffentlichkeit mit der Botschaft alarmiert, dass 15-Jährige in Deutschland mit ihren Schulleistungen im weltweiten Vergleich allenfalls Mittelmaß sind. Der Schock war noch nicht verhallt, da verabredeten die Ministerpräsidenten in abendlicher Runde, die Schulzeit bis zum Abitur bundesweit auf 12 Jahre zu verkürzen - wie es in der DDR vor der deutschen Einheit auch schon üblich war.

Weil die Leistungen nicht stimmten, verkürzten Politiker die Schulzeit

Die überraschten West-Kultusminister mussten sich eilig daran setzen, die Weisung ihrer Regierungschefs umzusetzen. "Welch ein absurder Beschluss, auf festgestellte Leistungsschwächen in der Mittelstufe mit einer Schulzeitverkürzung bis zum Abitur zu reagieren", kritisierte damals der Bildungsforscher Klaus Klemm.

Doch statt die Unterrichtsinhalte zu überprüfen und das Volumen zu reduzieren, wurde vielerorts die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Pflichtzahl von 265 Lehrplanstunden bis zum Abitur einfach von neun auf acht Jahre übertragen. Besonders in der kritischen Mittelstufe, wenn Jugendliche sich durch die Pubertät kämpfen, müssen sie sich nun durch mehr Stoff quälen, müssen zum Nachmittagsunterricht und haben Sieben- bis Acht-Stunden-Tage.

Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. Außerschulische Aktivitäten bleiben auf der Strecke. Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum klagen, dass ihre Kinder kaum noch Zeit für Tennis, Musikunterricht, Theaterspiel oder Sport haben. Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann sagt: "Wir wissen aus unserer jüngsten Emnid-Umfrage, dass knapp 80 Prozent der Eltern im Westen und rund 50 Prozent im Osten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren wünschen."

Die Schulzeitverkürzung führt dazu, dass heute bisweilen gerade erst 17-jährige Abiturienten an die Uni-Türen klopfen. Zur Einschreibung brauchen sie noch die Unterschrift der Eltern, wie auch für den Mietvertrag im Studentenwohnheim. In Baden-Württemberg und auch anderswo bieten einzelne Unis für die jungen Studienanfänger zusätzliche Kurse, Vorsemester oder einjährige Propädeutika an, um das fehlende Schuljahr wieder zu kompensieren.

Die Rufe der Wirtschaft nach immer jüngeren Abiturienten und Schulabgängern verfangen bei den meisten Eltern nicht. In Bayern zum Beispiel lassen Familien nach Beobachtungen der Bildungsgewerkschaft GEW ihre Kinder bereits bei der Grundschuleinschulung mit Hilfe ärztlicher Atteste noch ein Jahr zurückstellen, "um ihnen noch ein wenig Schonraum zu bieten". In Nordrhein-Westfalen wie in Bayern mussten laut dem jüngsten Bund-Länder-Bildungsbericht vorbereitete Erlasse für eine noch frühere Einschulung wieder zurückgezogen werden. Befürchtet wurde noch mehr Widerstand der Eltern.

Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) war nie ein Freund des Turbo-Abiturs. Spricht man ihn auf die Entwicklung heute an, dann lacht er. "Reife", so urteilt er, "hat nicht nur beim Wein auch etwas mit dem Alter zu tun."

Von Karl-Heinz Reith/dpa/otr