Stressjob Schüler Wir Turboabiturienten

Freunde? Hobbys? Ausland? Keine Zeit. Für Marthe Deutschmann, 16, müsste jeder Tag ein paar Stunden mehr haben. Die Hamburgerin ist eine der ersten Schülerinnen, die das Abi in 12 Jahren macht. Ihr Urteil: Das Turbo-Abi nervt.

"Im Winter finde ich es besonders hart: Wenn es morgens um sieben nass, kalt und dunkel ist, kann ich kaum aufstehen. Ok, das war schon immer so. Was sich geändert hat? Seit ich auf dem Gymnasium bin und Teil des Projekts "Abi nach 12 Jahren", ist es auch wieder dunkel, nass und kalt, wenn ich abends nach Hause gehe. Zwischendurch mag es draußen Sonne gegeben haben, aber die habe ich nur durchs Fenster im Klassenraum gesehen. Und einmal kurz in der Pause.

Ich gehöre zum ersten Jahrgang in Hamburg, der mit der Schule ein Jahr früher fertig sein muss als bisher. Anfangs dachte ich: Super - dann mache ich mein Abi schon mit 17! Erst nach und nach wurde mir klar, was mir die Schulzeitverkürzung nimmt.

Ich habe jetzt 39 Schulstunden: Mathe, Deutsch, vier Sprachen und jede Menge andere Fächer, aber nur zwei Stunden Sport. Vorher waren es etwas mehr als dreißig - es ist fast ein ganzer Tag dazu gekommen. Aber jeder Lehrer sagt das Gleiche: "Wenn ich euch ein paar kleine Vokäbelchen, oder ein paar kleine Matheaufgaben aufgebe, dann ist das nicht zu viel. Das kann man ja wohl gerade noch schaffen, bis morgen."

Das Turbo-Abi nervt

So komme ich abends nach Hause, lege meine Tasche auf den Schreibtisch und kann Hausaufgaben für sieben Fächer auspacken: Vokabeln, Aufgaben und Referate gibt es ja auch noch. Für irgendetwas anderes habe ich keine Zeit mehr - Freunde treffen zum Beispiel. Ist auch nicht weiter schlimm, denn draußen ist es ja eh schon ziemlich dunkel.

"Halst euch nicht mehr als 35 Stunden in der Woche auf", sagen die Lehrer den Schülern, wenn sie zu Beginn der Oberstufe anfangen, ihren Stundenplan selbst zu organisieren. Aber wir Turboabiturienten sollen fünf Stunden mehr die Woche lernen und danach noch freudig erregt die Hausaufgaben machen.

Jeder Schüler geht anders damit um, aber insgesamt ist die Stimmung ziemlich eindeutig: Das Abi nach 12 Jahren nervt. Gibt ein Lehrer Hausaufgaben auf, stöhnen nicht mehr nur die Schüler in der letzten Reihe. Bei Gruppenarbeiten versuchen alle, den Aufwand so gering wie möglich zu halten.

Das größte Problem ist die Zeitaufteilung. Vor den Ferien ballen sich die Klassenarbeiten - ich kann mich an Wochen erinnern, in denen wir mindestens eine Arbeit am Tag geschrieben haben. Und vor allem: Wann sollen wir für diese Arbeiten lernen? Selbst wenn wir es wollten, würden wir es nicht schaffen, uns früher als einen Tag vor der Arbeit auf sie vorzubereiten.

Sicher, es gibt Schüler, die diese Probleme nicht zu haben scheinen. Ich bewundere diese Leute. Die sehen immer noch nur Vorteile in der Schulzeitverkürzung. Das sind die, die man anruft, wenn man Fragen zu den Hausaufgaben hat, oder zur drohenden Mathearbeit. Die, die sich wie Schneekönige freuen, wenn sie ihre Klausur früher abgeben als der Rest der Klasse, wenn sie schneller fertig sind als alle anderen. Aber vor allem sind es die, die nicht daran interessiert sind, neben der Schule auch noch etwas Anderes zu haben: Hobbies, Freunde und so.

Wir sind die Versuchskaninchen

Ich würde wirklich gerne wieder regelmäßig Sport treiben oder ein Instrument spielen. Abends um acht, da hätte ich Zeit, da habe ich keine Schule mehr. Aber eben auch keine Kraft.

Die Schüler der Jahrgänge vor uns haben sind in der elften Klasse oft ein Jahr ins Ausland gegangen, in die USA, nach England oder Australien. Jetzt raten uns die Lehrer davon ab. "Geht nach dem Abitur", sagen sie. Aber dafür hätte die Schulzeit auch nicht verkürzt werden müssen - damit ich danach noch ein Jahr hinten drauf sattele.

Einige von uns sind trotzdem gegangen, meine Freundin Farina war für ein halbes Jahr in Kanada, Lola und Fritz sogar ein ganzes Jahr in England. Für Farina wird es in der ersten Zeit wahrscheinlich ziemlich schwierig werden, alles nachzuholen und Lola und Fritz müssen vielleicht sogar das Jahr wiederholen. Doch wie sie den Stoff aufholen wollen, wissen sie selber noch nicht. Wir werden das Gefühl nicht los, Versuchskaninchen zu sein."

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