Medizinstudenten als Sex-Lehrer Aufklärung mit Grabbel-Sack

Medizinstudenten gehen in Schulen, um mit Jugendlichen über Sex und Verhütung zu reden. Ihre Erkenntnis: Seit der Zugang zu Pornografie so leicht ist, brauchen Pubertierende noch mehr Orientierung.

Von und  (Video)


Penis, Vagina, Sex. Auf diese Worte hat sich die achte Klasse des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Hamburg geeinigt. Sie sollen in den folgenden Stunden verwendet werden. Alena Laschtowitz, 25, Medizinstudentin im fünften Semester, lässt sie an die Tafel schreiben. Vor ein paar Tagen, an einer anderen Schule, wollten die Schüler lieber Schwanz, Muschi und ficken sagen. Das sollen die selbst entscheiden, sagt Laschtowitz.

Es gibt allerdings fünf Regeln, die jetzt auch an die Tafel kommen: ausreden lassen, nicht auslachen, nicht petzen, Grenzen müssen akzeptiert werden und Notlügen sind erlaubt. "Ansonsten gibt es keine Tabus", sagt Laschtowitz den Schülern. Sie ist an diesem Vormittag mit vier Kommilitonen in den Stadtteil Poppenbüttel gekommen, um über Sex zu sprechen.

Die Medizinstudenten arbeiten ehrenamtlich für das Projekt "Mit Sicherheit verliebt". Eine Initiative der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Es ist der Versuch, den Aufklärungsunterricht wieder attraktiv zu machen.

Dabei geht es schon lange nicht mehr um Sex als Tabuthema. Die neue Herausforderungen lautet: mit Jugendlichen zu reden, die sich bereits aufgeklärt fühlen. Denn noch nie war es für Mädchen und Jungen leichter, an Informationen über Sex zu kommen. Die Werbung, die Zeitungen und das Internet sind voll davon. Das verunsichert viele Jugendliche.

Laschtowitz und ihre Kommilitonen merken, dass mit der zunehmenden Pornografie im Internet auch der Leistungsdruck bei den jungen Erwachsenen steigt. Die Jugendlichen glauben, ein Ideal erfüllen zu müssen: perfekt aussehen, immer können. Das wirkliche Basiswissen sei dagegen oft gering. "Begriffe wie Analverkehr oder Fisten kennen alle, aber bei Details mangelt es", sagt Laschtowitz.

Die 29 Jungen und Mädchen aus der achten Klasse am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Mitten in der Pubertät. Mit Fragen über Penisgrößen und Selbstbefriedigung im Kopf. Diese sind zu peinlich, um sie den Eltern zu stellen. Und zu anspruchsvoll, um sie mit einer Sex-Kategorie bei YouPorn zu beantworten.

Deshalb sind die Medizinstudenten hier.

Zuerst wird die Klassenlehrerin rausgeschickt. Dann wird ein Stuhlkreis gebildet. Es gibt keinen Frontalunterricht, sondern ein Gespräch wie mit einem Freund, der sich besser auskennt. Eine Art Dirty Talk auf Augenhöhe. Auf dem Tisch im Klassenzimmer liegt ein grauer Stoffbeutel. Der "Grabbel-Sack" wird gleich noch gebraucht. Zunächst klären die angehenden Ärzte über Krankheiten auf.

Grundlagen: "Wie viele Schamlippen hat die Frau?"

Ein großes Problem. Denn noch immer hätten viele Jugendliche keine Ahnung von HIV oder würden sich "die Pille danach wie im Supermarkt holen", sagt Patrick Bojes, der seit einem Jahr dabei ist.

Dann kommen die Grundlagen: "Wie viele Schamlippen hat die Frau?", fragt Laschtowitz. "Zwei, vier, 5000", ruft ein Schüler. Letzteres ist nicht ernst gemeint. Und trotzdem: "Ich finde es gut, dass die hier sind. Die Jungs haben nämlich überhaupt keine Ahnung von unserem Körper", sagt ein Mädchen.

Der Bedarf an dem Projekt ist groß. In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland 30 Lokalgruppen gegründet. Über 750 Studenten ließen sich schulen. Es gibt Unterstützung von Pro Familia, der Aids-Hilfe, dem Bundesgesundheitsministerium. Die Medizinstudenten können dabei ihr Basiswissen aus dem Studium direkt bei den Jugendlichen anwenden.

Aus dem Grabbel-Sack sollen die Schüler jetzt einen Gegenstand ziehen und sagen, was ihnen dazu einfällt. Schwangerschaftstest, Vaginalring, Pille. Auch den Studenten bringt das Spiel etwas: "Wir lernen, die Dinge verständlich zu beschreiben und nicht immer im Mediziner-Sprech zu reden", sagt Bojes.

Ein "Leck-Tuch" zur oralen Befriedigung bei Geschlechtskrankheiten kennt die Klasse nicht. Als eine Sektflasche gezogen wird, warnt ein Schüler vor Alkohol in der Schwangerschaft. Ein anderer möchte wissen, ob er das Gleitgel essen kann.

Kondome, Kondome, Kondome

"Easy Klasse, die wissen viel", sagt Bojes. Gestern waren sie an einer Hamburger Stadtteilschule. Dort hätten sie nur das Benutzen von Kondomen gepredigt. "Denen ist auch eine andere Verwendung für die Sektflasche eingefallen", sagt Bojes.

Trotzdem: Selbst in schwierigen Klassen sind die Lehrer später oft von der Aufmerksamkeit der Schüler überrascht. Der Aufklärungstrupp ist darum in Hamburg fast jede Woche unterwegs. Die Studenten schaffen es, nicht gezwungen cool zu wirken, sondern tatsächlich locker zu sein. Immer einen ganzen Vormittag. Fünf Stunden Sex-Gespräche.

"Die persönlichen Fragen werden zum Schluss gestellt", sagt Bojes. Wenn die Mädchen in einen anderen Raum gehen. Und jeder versucht, ein Kondom über einen Holz-Penis zu stülpen. "Was passiert, wenn ich keinen hochkriege?", fragt ein Junge. "Vielleicht sollte man der Frau sagen, dass sie nicht schuld ist", sagt ein anderer.

Bojes könnte jetzt eine medizinische Antwort geben. Aber er antwortet wie ein großer Bruder: "Genau. Man sollte nie vergessen, dass zum Sex immer zwei gehören." Dann kommen die Mädchen zurück.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
steve_88 07.03.2013
1.
Diese Aktion ist sehr gut. Wenn ich sehe, was heutzutage in Pornos als "normal" gezeigt wird, ist es wichtig auch die Realität zu kennen.
privat23 07.03.2013
2. Danke
Zitat von sysopDPAMedizinstudenten gehen in Schulen, um mit Jugendlichen über Sex und Verhütung zu reden. Ihre Erkenntnis: Seit der Zugang zu Pornographie so leicht ist, brauchen Pubertierende noch mehr Orientierung. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/studenten-als-sex-lehrer-unterricht-mit-grabbel-sack-und-leck-tuch-a-887320.html
"Denn noch nie war es für Mädchen und Jungen leichter, an Informationen über Sex zu kommen. Die Werbung, die Zeitungen und das Internet sind voll davon." an die Medizinstudenten - das sie die Suppe welche unsere "Konsumgesellschaft" eingebrockt hat, auslöffeln.
k-max 07.03.2013
3. Wozu braucht man dieses Wissen ?
Das wirkliche Basiswissen sei dagegen oft gering. "Begriffe wie Analverkehr oder Fisten kennen alle, aber bei Details mangelt es", sagt Laschtowitz. Was sind daran so toll an Analverkehr oder Fisten. Ich tu meiner Ehefrau ganz sicher nicht sowas an und brauche dieses Wissen ganz sicher nicht.
TeslaTraX 07.03.2013
4. Oh Gott ...
.. wie schlecht ist denn dieser Artikel und was er uns sagen ??? Das hätte in die Schülerzeitung gekonnt ... Das einzige was hervorgeht ist das 14 jährige keine Ahnung vom Sex haben ... .Na, eine ganz tolle Erkenntnis. Im übrigen ist es mir schon zuviel wenn einer 14 jährigen erst mal alle Sexraktiken vermittelt werden. - unterm Strich finden die Kids es dann OK mit 14 schon zu verkehren, wenn die Schule es einem erklärt, dann ist das ja schon OK. Was kommt als nächstes ? Swingerparty in der Turnhalle ... Evtl mal wieder auf die Kernkompetenz besinnen. Mal wieder Lesen und schreiben vermitteln, damit ist es meiner Meinung nicht mehr so gut bestellt...
Zaunsfeld 07.03.2013
5.
Zitat von TeslaTraX.. wie schlecht ist denn dieser Artikel und was er uns sagen ??? Das hätte in die Schülerzeitung gekonnt ... Das einzige was hervorgeht ist das 14 jährige keine Ahnung vom Sex haben ... .Na, eine ganz tolle Erkenntnis. Im übrigen ist es mir schon zuviel wenn einer 14 jährigen erst mal alle Sexraktiken vermittelt werden. - unterm Strich finden die Kids es dann OK mit 14 schon zu verkehren, wenn die Schule es einem erklärt, dann ist das ja schon OK. Was kommt als nächstes ? Swingerparty in der Turnhalle ... Evtl mal wieder auf die Kernkompetenz besinnen. Mal wieder Lesen und schreiben vermitteln, damit ist es meiner Meinung nicht mehr so gut bestellt...
Wozu? Es hat sich doch gezeigt, dass Leistung und Bildung sich in unserer Gesellschaft nicht mehr lohnen. Selbst bestausgebildete Akademiker kriegen hier oftmals keine Jobs und wenn, dann oft welche, die so schlecht bezahlt werden wie in Skandinavien oder Holland oder der USA die Busfahrer oder Müllwerker. Sich richtig hochschlafen verspricht wesentlich mehr Erfolg, wenn man es richtig beherrscht.
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